WEBVTT

00:00.000 --> 00:03.100
Vorbei sind die Zeiten, als Handys noch aussahen wie unhandliche

00:03.100 --> 00:07.200
Ziegelsteine und die Fernseher mit ihrer braunschen Röhre klobig in

00:07.200 --> 00:08.720
den Wohnzimmerschränken pranken.

00:09.440 --> 00:12.820
Dank Flüssigkristallen können wir uns heute elegant durch das Menü

00:12.820 --> 00:16.720
unserer kleinen Smartphones wischen oder den schmalen LCD-Fernseher

00:16.720 --> 00:17.980
bequem an die Wand hängen.

00:18.660 --> 00:21.920
Ab Anfang der 70er-Jahre hatte man damit begonnen, diese Substanz zu

00:21.920 --> 00:26.080
nutzen, zum Beispiel in den Digitalanzeigen von Uhren oder

00:26.080 --> 00:26.940
Taschenrechnern.

00:27.580 --> 00:30.960
Relativ spät, eigentlich, wenn man bedenkt, dass Flüssigkristalle

00:30.960 --> 00:34.120
bereits 1888 entdeckt worden sind.

00:34.880 --> 00:38.600
Bei der Untersuchung der Inhaltsstoffe von Karotten ist der Botaniker

00:38.600 --> 00:42.520
Friedrich Reinitzer auf eine mysteriöse Substanz gestoßen, die sowohl

00:42.520 --> 00:46.400
die Eigenschaften von Flüssigkeiten als auch von Kristallen gezeigt

00:46.400 --> 00:46.660
hat.

00:47.200 --> 00:49.840
Reinitzer schickte die Substanz zur weiteren Untersuchung seinem

00:49.840 --> 00:53.980
Kollegen, dem Physiker Otto Lehmann, der sich daraufhin 30 Jahre lang

00:53.980 --> 00:56.680
der Erforschung von Flüssigkristallen widmete.

00:57.440 --> 01:00.560
Für seine unermüdliche Arbeit gilt Otto Lehmann heute als Pionier der

01:00.560 --> 01:01.300
Flüssigkristalle.

01:01.860 --> 01:04.800
Zeugnisse dafür finden sich reichlich in den Archiven des Karlsruher

01:04.800 --> 01:06.180
Instituts für Technologie.

01:06.880 --> 01:09.680
War Lehmann doch der Nachfolger von Heinrich Hertz am Physikalischen

01:09.680 --> 01:13.380
Institut der Technischen Hochschule Karlsruhe mit Lehrauftrag für

01:13.380 --> 01:16.680
Physik und Elektrotechnik und kurzzeitig sogar auch Rektor.

01:17.100 --> 01:20.720
Ich habe den Leiter des KIT-Archivs Dr. Klaus Nippert getroffen und

01:20.720 --> 01:23.580
mit ihm einen Blick auf das Wirken von Otto Lehmann geworfen.

01:26.370 --> 01:30.990
Vor dem Büro von Dr. Nippert, dem Leiter des KIT-Archivs, steht eine

01:30.990 --> 01:31.950
längliche Vitrine.

01:32.590 --> 01:36.470
Darin befinden sich alte Briefe und Aufzeichnungen, ein Mikroskop und

01:36.470 --> 01:40.550
außerdem noch jede Menge Glasfläschchen mit chemischen Substanzen, die

01:40.550 --> 01:43.390
Otto Lehmann für seine mikroskopischen Arbeiten benutzt hat.

01:44.010 --> 01:47.330
Dazu gibt es auch ein Foto, das Lehmann in seinem Labor zeigt.

01:47.790 --> 01:49.430
Der Wissenschaftler steht im Profil.

01:49.790 --> 01:53.210
Er hat einen halblangen weißen Bart und trägt eine kleine Brille auf

01:53.210 --> 01:53.650
der Nase.

01:54.210 --> 01:57.550
Sein Blick ist hinunter auf ein Mikroskop gerichtet, das vor ihm auf

01:57.550 --> 01:58.190
dem Tisch steht.

01:58.630 --> 02:01.230
Mit einer Hand nimmt er gerade eine Einstellung daran vor.

02:02.090 --> 02:05.030
30 Jahre lang war Otto Lehmann hier in Karlsruhe tätig.

02:05.410 --> 02:09.570
Als Nachfolger von Heinrich Herz übernahm er 1889 die Leitung des

02:09.570 --> 02:11.950
Physikalischen Instituts der Technischen Hochschule.

02:12.530 --> 02:15.970
Wer heute nach Informationen über Otto Lehmann sucht, findet im KIT

02:15.970 --> 02:19.310
-Archiv jede Menge Spuren, die der Wissenschaftler hier hinterlassen

02:19.310 --> 02:19.550
hat.

02:19.930 --> 02:21.130
Dr. Nippert erzählt.

02:21.350 --> 02:24.950
Bei dem Nachlass Otto Lehmann haben wir den außerordentlich seltenen

02:24.950 --> 02:29.230
Fall, dass im Nachlass eines Wissenschaftlers nicht nur Schriftgut und

02:29.230 --> 02:33.570
vielleicht ein paar Fotografien enthalten sind, sondern dass wir einen

02:33.570 --> 02:37.910
gewissen Teil von Lehmanns wissenschaftlichem Gerät hier auch haben.

02:38.030 --> 02:43.310
Wir haben ein Mikroskop und wir haben allerhand für die

02:43.310 --> 02:48.390
Flüssigkristallmikroskopie hochspezifisch hergestellte mikroskopische

02:48.550 --> 02:52.670
Teile, also so etwas wie beheizbare Objektträger und dergleichen.

02:53.170 --> 02:57.310
Und wir haben sogar mehrere Präparatensammlungen, die noch von Lehmann

02:57.310 --> 03:01.650
stammen und Flüssigkristallgrundstoffe enthalten.

03:01.990 --> 03:05.830
Alle paar Monate erhält Dr. Nippert eine Anfrage zu Otto Lehmann und

03:05.830 --> 03:07.670
dessen Forschung über die Flüssigkristalle.

03:08.210 --> 03:11.210
Diese Anfragen sind dabei oft ganz unterschiedlicher Natur.

03:11.350 --> 03:15.690
Manche von denen beziehen sich eben auch gerade auf Lehmanns

03:15.690 --> 03:17.030
argumentative Nähe.

03:17.550 --> 03:21.190
Die Lehmann mit seiner Konzeption der flüssigen Kristalle zu der

03:21.190 --> 03:25.710
Konzeption lebender Organismen gesucht hat und erforschen dies.

03:25.870 --> 03:29.010
Manche betrachten die von Lehmann hinterlassenen mikroskopischen

03:29.010 --> 03:33.530
Fotografien, die nämlich sehr oft tatsächlich so aussehen, als wären

03:33.530 --> 03:36.810
da Zellen oder Zellteile abgebildet.

03:37.410 --> 03:41.750
Und in jüngster Zeit ist auch einmal ein Künstler vorbeigekommen, der

03:41.750 --> 03:46.730
eine Ausstellung plant, in der flüssige Kristalle wieder in einem Film

03:46.730 --> 03:51.470
auch anzusehen sein sollen und wo insgesamt auf die eher ästhetischen

03:51.470 --> 03:54.310
Aspekte von Lehmanns Arbeiten abgehoben wird.

03:54.450 --> 03:56.990
Die Bilder von Flüssigkristallen sind vielfältig.

03:57.530 --> 04:00.010
Manche schillern in allen Regenbogenfarben.

04:00.210 --> 04:03.450
Die Kristalle erscheinen zum Beispiel als lila, gelb oder blau

04:03.450 --> 04:06.170
gefärbte Zacken, die wie ineinander geschoben wirken.

04:06.710 --> 04:09.410
Auch Fächer oder schlierenartige Strukturen sind möglich,

04:10.210 --> 04:13.350
Tröpfchentexturen oder Mosaike, die an die bunten Glasfenster von

04:13.350 --> 04:14.410
Kirchen erinnern.

04:14.710 --> 04:17.950
Doch besonders spannend ist es zu beobachten, wie sich die Bilder bei

04:17.950 --> 04:21.810
unterschiedlichen Temperaturen ständig bewegen, verändern und die

04:21.810 --> 04:24.550
Kristalle damit fasst, wie lebendige Wesen wirken.

04:25.210 --> 04:28.430
Solche faszinierenden Bilder bekam auch der Botaniker Friedrich

04:28.430 --> 04:33.370
Reinitzer geboten, als er sich im Jahr 1888 über sein Mikroskop

04:33.370 --> 04:33.850
beugte.

04:34.390 --> 04:37.530
Reinitzer wollte eigentlich die Inhaltsstoffe von Karotten untersuchen

04:37.530 --> 04:40.630
und hatte zu diesem Zweck zwei Substanzen extrahiert.

04:41.230 --> 04:44.510
Doch was er bei der Erhitzung dieser Substanzen feststellte, war für

04:44.510 --> 04:48.090
ihn so ungewöhnlich, dass er seinem Kollegen Otto Lehmann diese beiden

04:48.090 --> 04:50.990
Substanzen zuschickte, mit der Bitte, sie zu untersuchen.

04:51.130 --> 04:55.290
Reinitzer wusste schon, dass Lehmann sich mit bestimmten Arten der

04:55.290 --> 04:58.250
Mikroskopie beschäftigt hatte und dass er vielleicht ein wichtiger

04:58.250 --> 05:00.270
Ansprechpartner für das Thema sein könnte.

05:01.130 --> 05:05.310
Reinitzer beschrieb Lehmann dann das Objekt, das ihm so ein

05:05.310 --> 05:06.670
Kopfzerbrechen bereitete.

05:06.950 --> 05:12.430
Reinitzer war irritiert davon, dass die Substanz, die er Lehmann zur

05:12.430 --> 05:17.130
Probe vorlegte, gewissermaßen zwei Schmelzpunkte hatte.

05:17.510 --> 05:21.510
So ähnlich drückte er das in dem Brief aus und das verstieß natürlich

05:21.510 --> 05:26.330
gegen die damaligen Vorstellungen von den Aggregatzuständen.

05:26.630 --> 05:31.990
Man stellte sich also die Welt vor festflüssig und gasförmig vor.

05:32.210 --> 05:35.870
Und jetzt bemerkte also der Herr Reinitzer, wie er das dann Lehmann

05:35.870 --> 05:40.510
auch in seinem Brief ausführlich beschreibt, dass dieser Stoff also ab

05:40.510 --> 05:45.390
einer gewissen Temperatur einigermaßen flüssig wird, aber noch ein

05:45.390 --> 05:49.670
bisschen milchig, unklar oder gar farbig ist und dass erst beim

05:49.670 --> 05:53.870
Erreichen eines zweiten Temperaturpunktes sich die Klärung der

05:53.870 --> 05:54.970
Substanz herstellt.

05:55.390 --> 05:58.990
Und da bittet Reinitzer den Kollegen Lehmann, sich das doch einmal

05:58.990 --> 06:01.590
anzusehen und sein Urteil dazu abzugeben.

06:01.650 --> 06:05.170
Dass organische Substanzen gleichzeitig sowohl die Eigenschaften einer

06:05.170 --> 06:09.050
Flüssigkeit als auch eines Feststoffes zeigten, widersprach so

06:09.050 --> 06:12.510
vehement der damals gängigen Lehrmeinung, dass Lehmann die Proben mit

06:12.510 --> 06:14.050
besonderer Sorgfalt untersuchte.

06:14.630 --> 06:15.310
Am 25.

06:15.710 --> 06:20.310
Oktober 1889 veröffentlichte Lehmann seine ersten Ergebnisse und

06:20.310 --> 06:22.630
physikalischen Deutungen in einer Fachzeitschrift.

06:22.890 --> 06:27.110
Man muss sich das so vorstellen, dass die von Lehmann untersuchten

06:27.110 --> 06:33.050
Substanzen in ihrer flüssig-kristallinen Phase dazu neigen, sich zu

06:33.050 --> 06:33.870
organisieren.

06:34.530 --> 06:39.350
Und das heißt, sie bilden Körper, die aus Zusammensetzungen von

06:39.350 --> 06:45.050
Molekülen bestehen und diese Körper haben gewisse regelmäßige Formen.

06:45.550 --> 06:49.970
Diese regelmäßigen Formen können sehr, sehr unterschiedlich sein.

06:50.290 --> 06:56.350
Manche von denen haben eine Plättchenstruktur, manche sehen eher aus

06:56.350 --> 06:57.370
wie Bandwürmer.

06:58.430 --> 07:02.270
Und jedenfalls kann man dann eben sich die Eigenschaften dieser

07:02.270 --> 07:09.150
gleichmäßigen Körper, dieser Flüssigkristalle, zunutze machen, indem

07:09.150 --> 07:13.770
man etwa eine elektrische Spannung anlegt und das organisierte

07:13.770 --> 07:17.350
Verhalten unter dieser Spannung ausnutzt.

07:17.510 --> 07:21.170
Und dieses organisierte Verhalten schlägt sich dann eben auch gerade

07:21.170 --> 07:24.010
in veränderten optischen Eigenschaften nieder.

07:24.150 --> 07:28.370
Und die sind es, die man dann bei der Herstellung von Flüssigkristall

07:28.370 --> 07:29.610
-Displays ausnutzt.

07:29.710 --> 07:32.770
Vereinfacht kann man sagen, dass sich mit Flüssigkristallen das Licht,

07:32.870 --> 07:35.810
das durch sie hindurchgeschickt wird, an- und ausschalten lässt.

07:36.310 --> 07:39.730
Bei dem Display eines Laptops zum Beispiel besteht jeder Bildpunkt aus

07:39.730 --> 07:43.850
drei Subpixeln, denen die Farbfilter Rot, Grün und Blau zugeordnet

07:43.850 --> 07:44.110
sind.

07:44.730 --> 07:48.230
Mithilfe der Flüssigkristalle lässt sich die Lichtintensität, die

07:48.230 --> 07:51.870
durch diese Farbfilter gelangt, regulieren und damit insgesamt die

07:51.870 --> 07:54.170
Farbintensität eines Bildpunktes bestimmen.

07:54.770 --> 07:57.850
Wie sich die Flüssigkristalle praktisch nutzen lassen, damit

07:57.850 --> 08:00.470
beschäftigte sich Otto Lehmann damals noch nicht besonders.

08:00.970 --> 08:03.610
30 Jahre lang widmete er sich allein der Erforschung der

08:03.610 --> 08:07.290
Flüssigkristalle und entwickelte dabei gleichzeitig das notwendige

08:07.290 --> 08:10.450
wissenschaftliche Instrumentarium, wie etwa das beheizbare

08:10.450 --> 08:12.190
Kristallisationsmikroskop.

08:12.310 --> 08:17.090
Lehmann musste Substanzen unter hohen Temperaturen mikroskopieren,

08:17.350 --> 08:20.250
also da kamen durchaus 8 oder 900 Grad vor.

08:21.130 --> 08:25.170
Und dazu brauchte man natürlich einen Gasbrenner, der mit seiner

08:25.170 --> 08:28.530
Flamme dieser Temperaturen herstellte, aber man brauchte eben auch

08:28.530 --> 08:34.490
unter dem Objektiv des Mikroskops entsprechend geeignete Objektträger.

08:34.530 --> 08:39.230
Das ist ja nicht trivial, dann mit derart heißen Substanzen in

08:39.230 --> 08:41.870
feinmechanischen Apparaturen zu hantieren.

08:42.010 --> 08:45.610
Das heißt also, man musste erstens dafür sorgen, dass die Temperaturen

08:45.610 --> 08:48.570
überhaupt entstanden und dann musste man aber auch dafür sorgen, dass

08:48.570 --> 08:52.450
diese Temperaturen vernünftig fokussiert waren und einem nicht die

08:52.450 --> 08:56.490
ganze Anlage kaputt machten, sprich man musste gleichzeitig heizen und

08:56.490 --> 08:56.910
kühlen.

08:57.450 --> 09:01.510
Und da ist Lehmann auch mit dem Selbstbau von wissenschaftlichen

09:01.510 --> 09:05.490
Apparaturen hervorgetreten, also er hat einiges von seinen

09:05.490 --> 09:09.190
wissenschaftlichen Apparaturen selbst hergestellt, also da musste

09:09.190 --> 09:12.530
Metall gedreht und da musste gefräst werden.

09:12.750 --> 09:16.090
Lehmann verfügte damit über die modernsten Beobachtungsmöglichkeiten

09:16.090 --> 09:16.770
seiner Zeit.

09:17.290 --> 09:20.230
Kein Wunder, dass einige seiner Kollegen Lehmanns Ergebnisse nicht

09:20.230 --> 09:21.790
selbst reproduzieren konnten.

09:22.550 --> 09:26.230
Das mag mit ein Grund dafür gewesen sein, dass Lehmanns Forschung auch

09:26.230 --> 09:27.950
einige Skepsis entgegenschlug.

09:28.590 --> 09:31.930
Über die Existenz flüssiger Kristalle wurde unter den Wissenschaftlern

09:31.930 --> 09:34.530
heftigst debattiert, wie Dr. Nippert berichtet.

09:34.690 --> 09:39.650
Diese Idee eines vierten Aggregatzustandes hatte etwas Provozierendes.

09:40.230 --> 09:44.470
Provozierender war vielleicht noch der von Otto Lehmann also

09:44.470 --> 09:50.290
unermüdlich in die Debatte gebrachte Begriff der flüssigen Kristalle

09:50.290 --> 09:52.470
und ihres scheinbaren Lebens.

09:52.950 --> 09:55.570
Wir müssen uns da wissenschaftsgeschichtlich ein bisschen

09:55.570 --> 09:57.570
zurückversetzen, um das zu verstehen.

09:58.090 --> 10:02.010
Nämlich in eine Zeit, in der man noch keine abschließenden

10:02.010 --> 10:07.110
Vorstellungen von den physiologischen Vorgängen in der Zelle gewonnen

10:07.110 --> 10:07.510
hatte.

10:08.230 --> 10:12.690
Das heißt, es waren noch Alternativansätze zur Definition des Lebens

10:12.690 --> 10:14.150
nicht ganz ausgeschlossen.

10:14.430 --> 10:19.250
Und auf dieser Welle segelte Lehmann nicht, aber er spielte zumindest

10:19.250 --> 10:21.490
an auf diese Möglichkeiten.

10:22.970 --> 10:27.390
Und das war natürlich an einer Zeit, die naturwissenschaftliche

10:27.390 --> 10:32.330
Methoden immer strenger entwickelte, nicht nur ein Argument von

10:32.330 --> 10:37.750
besonderem Aufmerksamkeitswert, sondern Lehmann ging damit auch das

10:37.750 --> 10:42.890
ganz erhebliche Risiko ein, nicht ernst genommen oder als Scharlatan

10:42.890 --> 10:44.130
abgetan zu werden.

10:44.130 --> 10:48.770
Es gab sogar einen Kollegen, der hieß Weilstein, der bezeichnete die

10:48.770 --> 10:51.410
Flüssigkristalle als eine optische Täuschung.

10:51.710 --> 10:55.870
Der Physiker Otto Lehmann, der ist hier 30 Jahre lang am KIT tätig

10:55.870 --> 10:58.630
gewesen, der Wissenschaftler hat sein ganzes Leben lang der

10:58.630 --> 11:00.970
Erforschung der Flüssigkristalle gemitwend.

11:01.390 --> 11:04.810
Das ist genau die Substanz, die unsere Displays und damit unsere

11:04.810 --> 11:08.790
Smartphones und überdünnen LCD-Fernseher möglich gemacht hat.

11:09.470 --> 11:12.150
Ja, aber viele Kollegen damals, die wollten nicht so recht an die

11:12.150 --> 11:15.610
Existenz einer Substanz glauben, die sowohl die Eigenschaften einer

11:15.610 --> 11:18.950
Flüssigkeit aufweist, als auch die eines Feststoffs.

11:19.530 --> 11:22.550
Bisweilen ist Otto Lehmann ziemlich starken Angriffen ausgesetzt

11:22.550 --> 11:25.550
gewesen und manche Wissenschaftler, die haben sich über seine

11:25.550 --> 11:26.830
Forschung sogar lustig gemacht.

11:27.310 --> 11:30.450
Andere Kollegen, die haben einfach nur Lehmanns starke Fixierung auf

11:30.450 --> 11:32.610
die Erforschung der Flüssigkristalle belächelt.

11:33.230 --> 11:37.290
Wie Otto Lehmann damit umgegangen ist, das verrät uns jetzt der Leiter

11:37.290 --> 11:39.230
des KIT-Archivs Dr. Klaus Nippert.

11:39.610 --> 11:43.890
Hier kommt Teil 2 des Beitrags über Otto Lehmann und 125 Jahre

11:43.890 --> 11:45.330
Flüssigkristallforschung.

11:45.670 --> 11:50.710
Otto Lehmann ist da sehr engagiert, auch an die weitere Öffentlichkeit

11:50.710 --> 11:51.090
gegangen.

11:51.290 --> 11:56.810
Er hat sich auch nicht nur akademischer Methoden bedient, um für seine

11:56.810 --> 12:01.670
Konzeption zu werben, sondern er hat auch einmal einen szenischen

12:01.670 --> 12:07.530
Dialog getextet, in dem ein vollkommen Ungläubiger gegenüber der

12:07.530 --> 12:11.770
Flüssigkristalllehre dann von Befürwortern in die Mangel genommen wird

12:11.770 --> 12:13.470
und sie versuchen ihn zu überzeugen.

12:14.070 --> 12:18.430
Wahrscheinlich in diesem Fahrwasser ist auch Otto Lehmanns Film über

12:18.430 --> 12:21.670
die flüssigen Kristalle zu sehen, den er gegen Ende seines Lebens

12:21.670 --> 12:27.870
produzieren ließ und der dann im Vorprogramm von Kinovorführungen

12:27.870 --> 12:28.890
gezeigt wurde.

12:28.990 --> 12:32.250
Dieser Ehrgeiz und unbändige Forscherdrang, den Otto Lehmann an den

12:32.250 --> 12:35.330
Tag legte, findet sich sicher auch in seinem Elternhaus und der

12:35.330 --> 12:36.310
Erziehung begründet.

12:36.750 --> 12:39.710
Der Vater bekleidete eine relativ hohe Position im badischen

12:39.710 --> 12:43.030
Schulwesen und hatte eine große Leistungserwartung an seinen Sohn.

12:43.550 --> 12:46.430
So zumindest darf man annehmen, wenn man Briefe des Sohnes an den

12:46.430 --> 12:47.050
Vater liest.

12:47.190 --> 12:50.290
O lieber Vater, es tut mir schrecklich leid, dass ich dich schon

12:50.290 --> 12:53.430
wieder enttäuscht habe und ich habe darüber sehr geweint und zu Gott

12:53.430 --> 12:57.170
gebetet, dass er mir die Kraft geben möge, doch wieder ernsthafter an

12:57.170 --> 12:58.650
meinen Schularbeiten zu sitzen.

12:58.910 --> 13:02.350
Was Otto Lehmanns eigene Kinder angeht, so wurden auch diese früh an

13:02.350 --> 13:05.670
die Wissenschaft herangeführt, unter anderem indem Otto Lehmann ihnen

13:05.670 --> 13:08.230
ein kleines Kinderlaborhäuschen einrichtete.

13:09.030 --> 13:11.830
Doch bei aller Disziplin und Ernst bei seiner wissenschaftlichen

13:11.830 --> 13:15.330
Arbeit war Otto Lehmann sicher auch ein Mensch mit Humor, vermutet Dr.

13:15.450 --> 13:15.730
Nippert.

13:15.850 --> 13:20.530
Auch wenn man das etwas vorsichtig ausdrücken sollte, ein Foto haben

13:20.530 --> 13:24.490
wir von ihm, wie die Familie Lehmann auf Skiern wahrscheinlich im

13:24.490 --> 13:29.870
Schwarzwald steht und eine Figur liegt im Schnee und streckt markant

13:29.870 --> 13:33.130
die Füße mit den Skiern daran in die Höhe und das ist Otto Lehmann.

13:33.630 --> 13:38.690
Ein Ordinarius, der sich um 1915 in dieser Weise ablichten ließ, der

13:38.690 --> 13:41.690
hatte sicherlich einen gerüttelt Maß an Humor.

13:41.790 --> 13:44.830
Weniger Spaß verstand Lehmann, wenn es um die Bedingungen ging, unter

13:44.830 --> 13:46.350
denen er seine Forschung betrieb.

13:46.910 --> 13:50.210
Angesichts der Baustellen in Karlsruhe zurzeit, hätte er sicherlich

13:50.210 --> 13:53.230
auch heute einigen Grund, sich über mangelnde Ruhe bei seiner Arbeit

13:53.230 --> 13:53.870
zu beschweren.

13:54.550 --> 13:57.610
Auch ohne die Geräusche von Presslufthammer und Bagger litt er schon

13:57.610 --> 14:00.710
damals ein wenig unter den Arbeitsbedingungen, die im Hauptgebäude an

14:00.710 --> 14:01.950
der Kaiserstrasse herrschten.

14:01.950 --> 14:05.910
Wir haben einen langen, larmoyanten Satz von ihm, der ungefähr so

14:05.910 --> 14:10.550
heißt, ein altertümlicher Bau der den ständigen Erschütterungen der

14:10.550 --> 14:14.490
Fuhrwerke und den Parasitströmen einer elektrischen Straßenbahn

14:14.490 --> 14:18.890
ausgesetzt ist, ist kein geeigneter Ort für wissenschaftliche

14:18.890 --> 14:20.430
Forschungen, Ausrufezeichen.

14:20.510 --> 14:23.850
Und das Ganze war nur die Einleitung für den Vorschlag, doch in

14:23.850 --> 14:27.850
Hunsbach ein wissenschaftliches sogenanntes Ferieninstitut zu gründen,

14:27.930 --> 14:31.550
wo Wissenschaftler also in der schönsten Muße und in der Ruhe des

14:31.550 --> 14:35.070
Schwarzwalds ihren Forschungsinteressen nachgehen sollten.

14:35.190 --> 14:38.530
Dieses Ferieninstitut für physikalische Forschung richtete Otto

14:38.530 --> 14:41.730
Lehmann dann tatsächlich auch ein, in einer alten Hammerschmiede in

14:41.730 --> 14:44.250
Hunsbach, in der er dann auch mit seiner Familie lebte.

14:44.830 --> 14:47.990
Die Tragweite seiner Flüssigkristallforschung wurde erst viele

14:47.990 --> 14:51.230
Jahrzehnte nach seinem Tod, Ende der 60er Jahre deutlich.

14:52.130 --> 14:56.190
1968 berichtete der Spiegel in einem Artikel mit der Überschrift

14:56.190 --> 15:00.350
schillernder Brei von der Präsentation des ersten Flüssigbildschirms

15:00.350 --> 15:04.050
in New York, dessen Mattscheibe gerade mal einen Zentimeter dick war.

15:04.670 --> 15:07.610
Plötzlich erfuhr der Nachlass Otto Lehmanns, der bis dahin noch

15:07.610 --> 15:10.550
relativ unbeachtet in der Technischen Hochschule geschlummert hatte,

15:10.910 --> 15:12.710
wieder eine große Aufmerksamkeit.

15:12.830 --> 15:18.150
In dieser Zeit dann nahm man sich den Nachlass von Lehmann wieder vor

15:18.150 --> 15:23.350
und man kann das sehr deutlich, nämlich an den Kugelschreibereinträgen

15:23.350 --> 15:27.210
von fremder Hand in Lehmanns Nachlass erkennen, dass die Leute

15:27.210 --> 15:30.350
eigentlich da, wo Lehmann aufgehört hatte zu forschen, wieder

15:30.350 --> 15:31.070
anfingen.

15:31.650 --> 15:36.530
Und das führte dann an verschiedenen Stellen eben tatsächlich zu im

15:36.530 --> 15:39.110
Markt durchgesetzten Flüssigkristall-Displays.

15:39.550 --> 15:44.890
Also da gab es Entwicklungen von Chemikalien bei Merck, aber

15:44.890 --> 15:47.390
hervorzuheben ist natürlich auch die Entwicklung der

15:47.390 --> 15:49.230
Fahrzeuganzeigetechnik bei Bosch.

15:49.390 --> 15:52.910
Das KIT würdigt Otto Lehmann als engagierten Forscher, Lehrer und

15:52.910 --> 15:55.190
Kommunikator, der bis heute ein Vorbild ist.

15:55.670 --> 15:58.870
Ohne ihn wären die heutigen Digitalanzeigen wahrscheinlich undenkbar.

15:59.310 --> 16:02.650
Den Nobelpreis hat Lehmann leider nie erhalten, obwohl er mit seiner

16:02.650 --> 16:05.750
Flüssigkristallforschung mehrfach dafür vorgeschlagen worden war.

16:06.450 --> 16:10.950
Prof. Karl Benedix vom Nobelkomitee schrieb im Jahr 1919 an Otto

16:10.950 --> 16:11.350
Lehmann.

16:11.810 --> 16:15.030
Wenn der Erfolg bisher ausgeblieben ist, ist dies meines Erachtens

16:15.030 --> 16:18.950
darauf zurückzuführen, dass die Sache so hochbedeutend, fremdartig und

16:18.950 --> 16:22.430
ältere Vorstellungen widerstreitend ist, dass die Menschen, welche die

16:22.430 --> 16:25.410
Erscheinung nicht gesehen haben, daran kaum glauben wollen.

16:26.090 --> 16:30.570
Und an den Sohn von Otto Lehmann schrieb Karl Benedix im Jahr 1922,

16:31.110 --> 16:34.670
nach dem Tod Otto Lehmanns, dass er dessen Lebenswerk als die zurzeit

16:34.670 --> 16:38.410
bedeutendste Leistung auf dem Gebiet der Physik und Chemie halte, die

16:38.410 --> 16:41.330
nicht mit der Anerkennung des Nobelpreises gekrönt worden sei.

16:41.890 --> 16:44.570
Heute sind die Flüssigkristalle aus unserem Leben kaum noch

16:44.570 --> 16:47.470
wegzudenken, auch wenn sich das bald ändern könnte.

16:47.630 --> 16:52.190
Flüssigkristalle haben natürlich einen beispiellosen Aufschwung erlebt

16:52.190 --> 16:56.710
mit immer größeren Displays und immer billigeren Fernsehgeräten.

16:57.350 --> 17:01.150
Wenn man in die Zukunft schaut, muss man aber auch sehen, dass sich,

17:01.270 --> 17:05.070
und zwar schon recht deutlich, alternative Technologien zur

17:05.070 --> 17:08.310
Herstellung dünner Displays ankündigen.

17:08.410 --> 17:13.250
Wir haben schon relativ geläufig auf den Displays hochwertiger

17:13.250 --> 17:17.870
Smartphones die organischen Leuchtdioden, das ist also eine neue Form

17:17.870 --> 17:23.330
von bildgebenden Elementen, und die zeichnen sich dadurch aus, dass

17:23.330 --> 17:28.410
sie noch stärkere Farbkontraste ermöglichen, dass sie aber auch noch

17:28.410 --> 17:32.650
sattere Schwarztöne erlauben, als das bei Flüssigkristall-Displays

17:32.650 --> 17:33.530
möglich ist.

17:34.110 --> 17:37.510
Diese Bildschirme, habe ich mir sagen lassen, sind vielleicht noch

17:37.510 --> 17:41.470
nicht ganz so haltbar wie die Flüssigkristall-Bildschirme, aber ihr

17:41.470 --> 17:45.590
Marktanteil wächst langsam und man wird sich zu fragen haben, ob

17:45.590 --> 17:49.590
vielleicht die Flüssigkristall-Technik eines Tages in den Hintergrund

17:49.590 --> 17:51.650
treten wird vor dieser neuen Möglichkeit.

17:52.730 --> 17:59.230
Das war Dr. Klaus Nippert, Leiter des KIT-Archivs zu 125 Jahren Flüssigkristallforschung.

