WEBVTT

00:00.000 --> 00:03.880
Es liegt 100 Meter unter der Erde und hat einen Umfang von 27

00:03.880 --> 00:04.480
Kilometern.

00:04.660 --> 00:07.900
Darin befinden sich 9300 Magnete.

00:08.620 --> 00:12.260
Die Aufgabe, die es hat, ist es, Protonen bei Lichtgeschwindigkeit zu

00:12.260 --> 00:14.260
beschleunigen und kollidieren zu lassen.

00:15.020 --> 00:18.240
Was sich wie eine futuristische Handlung von einem Science-Fiction

00:18.240 --> 00:24.100
-Film anhört, ist in Wirklichkeit der Large Hadron Collider, kurz LHC,

00:24.200 --> 00:25.260
am CERN in Genf.

00:25.960 --> 00:30.600
Bereits in 2008 hatte der LHC seinen ersten Start, scheiterte aber

00:30.600 --> 00:31.600
bereits kurz danach.

00:32.220 --> 00:34.300
Nun steht im März der zweite Start bevor.

00:34.760 --> 00:39.840
Das Ziel des LHC, an dem Wissenschaftler und Forscher aus der aller

00:39.840 --> 00:43.980
Welt beteiligt sind, ist es, das Universum und sein Entstehen besser

00:43.980 --> 00:45.500
zu verstehen und erklären zu können.

00:46.040 --> 00:49.720
Darunter erhoffen sich auch durch die Entdeckung neuer Teilchen

00:49.720 --> 00:52.440
endlich, die schwarze Materie besser zu verstehen.

00:53.080 --> 00:57.080
Ob so ein riesiges Projekt dann auch Gefahren für die Forschung und

00:57.080 --> 01:01.000
die Forscher oder Umwelt mit sich bringt und wie genau der LHC

01:01.000 --> 01:04.800
funktioniert, ließ sich mein Kollege Joshua Bayless von Professor

01:04.800 --> 01:08.780
Margarete Mühlleitner vom Institut für Theoretische Physik erklären.

01:09.360 --> 01:12.920
Also der LHC, das ist der Large Hadron Collider.

01:13.480 --> 01:16.600
Zu deutsch ist das also ein Beschleuniger, ein großer Beschleuniger

01:16.600 --> 01:17.440
für Hadronen.

01:18.080 --> 01:21.640
Und in dem Beschleuniger werden Protonen beschleunigt, auf nahezu

01:21.640 --> 01:24.720
Lichtgeschwindigkeiten, die werden dann zur Kollision gebracht.

01:25.360 --> 01:29.220
Protonen, das sind die Teilchen, aus denen Atomkerne aufgebaut sind.

01:30.000 --> 01:33.440
Und vorstellen muss man sich das dann konkret so, dass also am Zern

01:33.440 --> 01:38.000
bei Genf gibt es einen Tunnel, der liegt etwa 100 Meter unter der Erde

01:38.000 --> 01:41.240
und hat einen Umfang von etwa 27 Kilometern.

01:41.380 --> 01:45.280
Und in dem Tunnel gibt es dann eben so Röhren, in denen eben genau

01:45.280 --> 01:48.840
diese Protonen beschleunigt werden, auf nahezu Lichtgeschwindigkeit.

01:49.360 --> 01:52.300
Und die werden dann an bestimmten Orten zur Kollision gebracht.

01:52.640 --> 01:55.880
Und bei der Kollision werden dann riesige Energien frei aus den

01:55.880 --> 01:57.440
Teilchen erzeugt werden können.

01:57.560 --> 02:01.540
Also ganz gemäß der Formel von Einstein, wonach eben Energie und

02:01.540 --> 02:04.340
Materie umgewandelt werden kann und wieder zurück.

02:04.560 --> 02:08.240
Und aus den Teilchen, die wir dann, die dort entstehen, die werden

02:08.240 --> 02:11.100
dann untersucht mit riesigen Mikroskopen.

02:11.320 --> 02:13.980
Die nennen wir aber nicht Mikroskope, sondern Detektoren.

02:14.260 --> 02:17.300
Und aus der Untersuchung der Teilchen können wir dann unsere Theorien

02:17.300 --> 02:18.160
besser verstehen.

02:18.940 --> 02:22.280
Also konkret kann man sich das so vorstellen, wir Theoretiker, also so

02:22.280 --> 02:26.320
Leute wie ich, wir entwickeln Theorien, die es uns erlauben, das

02:26.320 --> 02:30.540
Universum, seine Entstehung zu verstehen und woraus es aufgebaut ist.

02:30.680 --> 02:33.800
Diese Theorien müssen natürlich im Experiment überprüft werden.

02:33.960 --> 02:38.020
Und wir geben dann den Experimentalphysikern Hinweise, wonach sie

02:38.020 --> 02:39.900
suchen müssen und wo sie suchen müssen.

02:40.240 --> 02:43.940
Und die Experimentalphysiker wiederum sagen uns dann, ob sowas

02:43.940 --> 02:45.460
überhaupt möglich ist oder nicht.

02:45.640 --> 02:48.640
Und so ist das also ein sehr enges Zusammenspiel zwischen uns.

02:49.200 --> 02:53.240
Und die Beschleunigeranlage, also der LHC, der wird vom Zernen

02:53.240 --> 02:57.440
unterhalten, aber der große Beitrag zur Forschung und auch zur

02:57.440 --> 03:00.400
Entwicklung, der kommt durchaus von den Instituten und den

03:00.400 --> 03:01.220
Universitäten.

03:01.760 --> 03:06.320
Und so ist also auch das KIT ganz maßgeblich an dem Detektor CMS

03:06.320 --> 03:07.160
mitbeteiligt.

03:07.320 --> 03:09.780
Der Neustart der LHC in Genf steht kurz bevor.

03:10.100 --> 03:11.420
Was können wir da erwarten?

03:11.500 --> 03:15.560
Also jetzt bei dem neuen Run vom LHC, da haben wir eine nahezu

03:15.560 --> 03:19.480
verdoppelte Schwerpunktenenergie und wir werden auch ungefähr die

03:19.480 --> 03:21.540
zehnfache Datenmenge produzieren.

03:22.200 --> 03:25.540
Und das ermöglicht uns also zum einen durch die höhere Energie können

03:25.540 --> 03:30.140
wir schwerere Teilchen produzieren und zum anderen dadurch, dass wir

03:30.140 --> 03:34.560
mehr Daten haben, können wir auch seltenere Prozesse untersuchen bzw.

03:34.980 --> 03:38.480
die Prozesse, die wir bereits untersucht haben, mit höherer Präzision

03:38.480 --> 03:39.220
untersuchen.

03:39.520 --> 03:42.740
Und das ermöglicht uns dann einerseits eben das Higgs-Teilchen, das

03:42.740 --> 03:44.500
wir entdeckt haben, besser zu verstehen.

03:45.020 --> 03:48.820
Andererseits können wir nach neuen Teilchen suchen, die vorhergesagt

03:48.820 --> 03:51.460
werden von Theorien jenseits des Standardmodells.

03:51.880 --> 03:54.740
Und wir können eben auch ganz seltene Prozesse vermessen.

03:55.240 --> 03:59.400
Und all das ermöglicht uns dann unsere Modelle besser zu verstehen und

03:59.400 --> 04:03.380
letztlich die Natur besser zu verstehen und auch Hinweise darauf zu

04:03.380 --> 04:06.580
bekommen, um was es sich denn bei der dunklen Materie zum Beispiel

04:06.580 --> 04:07.000
handelt.

04:07.620 --> 04:10.580
Wissenschaftler hoffen sich unter anderem durch die LHC neue Teilchen

04:10.580 --> 04:13.260
zu entdecken, die ihnen die dunkle Materie erklären kann.

04:13.760 --> 04:16.720
Was kann sich der Laie darunter vorstellen und welche Rolle spielt sie

04:16.720 --> 04:18.640
bei der Erklärung des Entstehens des Universums?

04:18.840 --> 04:22.300
Die dunkle Materie, wie das schon der Name sagt, das ist eine Materie,

04:22.380 --> 04:24.240
die wir so direkt nicht sehen können.

04:24.820 --> 04:26.480
Wir wissen aber, dass sie da ist.

04:26.560 --> 04:29.700
Das sieht man zum Beispiel aus der Rotationsgeschwindigkeit von

04:29.700 --> 04:30.940
Sternen in Galaxien.

04:31.300 --> 04:35.000
Da kann man daraus schließen, dass man das nur erklären kann, wenn es

04:35.000 --> 04:36.040
dunkle Materie gibt.

04:36.460 --> 04:39.560
Oder auch kosmologische Beobachtungen geben Hinweise darauf.

04:40.080 --> 04:42.740
Und die dunkle Materie ist überhaupt auch gar nicht selten, sondern

04:42.740 --> 04:46.320
sie macht nahezu ein Viertel der Energiedichte des Universums aus.

04:46.640 --> 04:47.660
Es ist also sehr wichtig.

04:47.900 --> 04:51.380
Und insbesondere spielt sie eine große Rolle bei der Strukturbildung

04:51.380 --> 04:52.440
des Universums.

04:53.000 --> 04:56.480
Das heißt, wir wissen heute, dass im Universum zunächst die kleinen

04:56.480 --> 04:59.720
Strukturen gebildet wurden und dann sich die größeren Strukturen

04:59.720 --> 05:00.640
entwickelt haben.

05:01.300 --> 05:04.440
So etwas können wir nur erklären, wenn wir annehmen, dass die dunkle

05:04.440 --> 05:09.280
Materie aus massiven Teilchen besteht, die nur sehr schwach

05:09.280 --> 05:10.520
miteinander wechselwirken.

05:10.620 --> 05:12.640
So etwas nennen wir kalte, dunkle Materie.

05:13.080 --> 05:14.960
Und nach solchen Teilchen suchen wir dann.

05:15.560 --> 05:19.060
Dazu muss man wissen, dass im Standardmodell der Teilchenphysik solche

05:19.060 --> 05:20.360
Teilchen nicht vorkommen.

05:20.760 --> 05:24.640
Das heißt, die Existenz der dunklen Materie ist ein starker Hinweis

05:24.640 --> 05:28.500
darauf, dass es Physik jenseits des Standardmodells geben muss.

05:29.280 --> 05:32.560
Und solche Weakly Interacting Massive Particles, wie wir sie nennen,

05:33.160 --> 05:36.680
die werden zum Beispiel von supersymmetrischen Theorien vorhergesagt.

05:37.020 --> 05:41.020
Und das Ziel ist natürlich, diese Teilchen zu produzieren und zu

05:41.020 --> 05:42.300
vermessen und zu verstehen.

05:42.840 --> 05:46.660
Die LHC hatte in 2008 bereits ihren ersten Start, scheiterte aber

05:46.660 --> 05:49.320
bereits kurz danach aufgrund eines Versagens einer Komponente.

05:49.320 --> 05:52.220
Gibt es für den zweiten Versuch Änderungen, die sowas verhindern

05:52.220 --> 05:52.480
helfen?

05:53.800 --> 05:55.080
Ja, zum Glück.

05:55.620 --> 05:59.580
Also was damals passiert ist, oder was das Problem war, das war, dass

05:59.580 --> 06:02.700
die Verbindung zwischen supraleitenden Magneten, die war nicht

06:02.700 --> 06:04.860
hinreichend geschützt gegen Überströme.

06:05.540 --> 06:08.820
Solche Überströme können entstehen, wenn die Supraleitung der Magnete

06:08.820 --> 06:09.660
zusammenbricht.

06:10.160 --> 06:13.400
Dadurch kam es dann zu einer Perforierung der Heliumkühlung und das

06:13.400 --> 06:15.800
hatte dann zur Folge, dass Magnete zerstört wurden.

06:16.340 --> 06:19.640
Und was man jetzt gemacht hat, ist, man hat zusätzliche Stromleitung

06:19.640 --> 06:23.780
gelegt, man hat die Ventile verbessert, man hat natürlich die Magnete

06:23.780 --> 06:26.980
ausgewechselt und man hat auch zahlreiche Tests durchgeführt, um

06:26.980 --> 06:28.920
wirklich auf der sicheren Seite zu sein.

06:30.100 --> 06:33.180
Geht von der LHC eine mögliche Gefährdung für die Beteiligten Vorschau

06:33.180 --> 06:33.960
oder die Umwelt aus?

06:34.640 --> 06:37.280
Nein, das kann man ganz deutlich mit Nein beantworten.

06:37.500 --> 06:41.460
Also was natürlich ist, im Beschleuniger oder am Experiment entsteht

06:41.460 --> 06:43.980
Strahlung, die gefährlich ist für uns Menschen.

06:43.980 --> 06:47.220
Aber deswegen hat man auch keinen Zugang zu diesem Bereich, wenn der

06:47.220 --> 06:48.540
LHC in Betrieb ist.

06:48.960 --> 06:51.660
Und diese Strahlung wird auch ins Gestein abgeleitet.

06:51.820 --> 06:55.460
Und auch bei den Kollisionen selbst kann es keine katastrophalen

06:55.460 --> 06:58.860
Ereignisse geben und das wissen wir ganz einfach aus dem Studium der

06:58.860 --> 06:59.600
Höhenstrahlung.

07:00.080 --> 07:03.480
Die Höhenstrahlung, die trifft jeden Tag und ständig auf die Erde ein

07:03.480 --> 07:07.860
und dort sind sehr viel höhere Energien zugange und da ist noch nie

07:07.860 --> 07:08.680
irgendwas passiert.

07:09.100 --> 07:11.400
Das einzige, was vielleicht passieren könnte, ist die

07:11.400 --> 07:13.860
Arbeitsüberlastung von den beteiligten Forschern.

07:14.800 --> 07:18.480
Das war mein Kollege Joshua Bayless im Gespräch mit Margarete

07:18.480 --> 07:21.260
Mühleitner über den Teilchenbeschleuniger am CERN in Genf.

