WEBVTT

00:00.000 --> 00:03.640
Für die Wirtschafts-Nobelpreisträger Josef Stieglitz ist die

00:03.640 --> 00:08.360
Wirtschaftswissenschaft mit der Beinahe-Meltdown, der Finanzkrise von

00:08.360 --> 00:11.580
2008, selbst in eine tiefe Existenzkrise geraten.

00:12.020 --> 00:14.820
Die Ökonomie, wie sie vor allem an den amerikanischen

00:14.820 --> 00:19.260
Eliteuniversitäten gelehrt wird, hat die Gefahr nicht nur nicht

00:19.260 --> 00:22.360
vorhergesehen, sie hat die Katastrophe sogar entscheidend

00:22.360 --> 00:23.340
mitverursacht.

00:23.340 --> 00:26.900
Mehr als ein halbes Jahrhundert lang war die Wirtschaftswissenschaft

00:26.900 --> 00:30.520
damit beschäftigt, mit komplexen mathematischen Modellen zu

00:30.520 --> 00:34.540
erforschen, wie mit wirtschaftlichen Rationalität ausgestalte ideale

00:34.540 --> 00:38.720
Wesen frei auf angeblich optimalen Märkten Handel treiben.

00:39.060 --> 00:42.500
Wie die Wirtschaftskrise von 2008 zeigte, hatte das mit der

00:42.500 --> 00:44.280
Wirklichkeit nur wenig zu tun.

00:44.280 --> 00:48.840
Für VWL-Student Joachim Schönmehl war das Anlass, die

00:48.840 --> 00:53.200
Lehrstuhlinhaberin für politische Ökonomie, die Volkswirtschaftlerin

00:53.200 --> 00:56.900
Prof. Inge Ott, nach der Entwicklung ihres Fachs zu befragen.

00:57.360 --> 01:00.840
Zu Beginn des Gesprächs stellte er die Frage nach ihrer Motivation für

01:00.840 --> 01:03.280
die Einführungsvorlesung im Fach Wirtschaftspolitik.

01:03.880 --> 01:05.960
Es hat zwei ganz deutliche Komponenten.

01:06.040 --> 01:09.940
Das eine ist, dass man junge Studierende hat, die super motiviert

01:09.940 --> 01:11.820
sind, die man für das Fach begeistern kann.

01:12.660 --> 01:15.120
Und das ein Ziel ist natürlich, Interesse zu wecken.

01:15.300 --> 01:19.300
Ein weiteres Ziel ist aber natürlich auch, sich potenziellen Nachwuchs

01:19.300 --> 01:20.140
zu akquirieren.

01:20.140 --> 01:24.540
In den vergangenen Jahren haben wir einige tiefgreifende ökonomische

01:24.540 --> 01:28.020
Krisen erlebt, nicht nur in der Realwirtschaft, sondern auch in der

01:28.020 --> 01:29.760
wirtschaftswissenschaftlichen Forschung.

01:30.420 --> 01:32.740
Wie meinen Sie denn, werden Sie die Einführung in die

01:32.740 --> 01:36.360
Wirtschaftspolitik in, sagen wir mal, zehn Jahren unterrichten?

01:36.360 --> 01:39.120
Es gibt mehrere Ansätze zur Veränderung.

01:39.240 --> 01:42.040
Das eine ist mit Sicherheit das, was Sie ansprechen, die inhaltliche

01:42.040 --> 01:44.500
Veränderung, dass wir bei einer Einführung in die Wirtschaftspolitik

01:44.500 --> 01:47.600
immer darauf achten müssen, was ist der aktuelle Bezug.

01:47.760 --> 01:52.200
Also das wird in der Form rein strukturell identisch bleiben, aber die

01:52.200 --> 01:53.600
Inhalte werden sich natürlich verändern.

01:53.600 --> 01:57.420
Ich glaube, dass wir als Volkswirte deutlicher machen müssen, die

01:57.420 --> 02:01.300
Verzahnung zwischen Theorie, Empirie und Politikempfehlungen.

02:01.700 --> 02:04.160
Wobei ich das auch jetzt schon versuche deutlich zu machen, aber ich

02:04.160 --> 02:07.400
glaube, dass ein weiterer Einflusskanal, das werden sicher die

02:07.400 --> 02:09.700
technischen Möglichkeiten sein, das haben wir jetzt schon sehr

02:09.700 --> 02:12.420
deutlich, dass wir Zugriff haben auf Daten, auf die wir vor 15 Jahren

02:12.420 --> 02:16.700
keinen Zugang hatten, Stichwort Open Data zum Beispiel, dass man sowas

02:16.700 --> 02:19.840
deutlicher mit einbezieht, dass man das auch nutzt, um die

02:19.840 --> 02:22.520
Studierenden mehr zum Selberarbeiten zu animieren.

02:22.520 --> 02:26.520
Einfach weil sie selber jetzt auch mit Ressourcen dann umgehen werden

02:26.520 --> 02:28.520
können, auf die es heute noch gar keinen Zugriff gibt.

02:28.780 --> 02:32.960
Ein Ingenieur kann das Versagen eines Bauteils mit seinen Methoden

02:32.960 --> 02:35.320
unter Belastung sehr genau vorhersagen.

02:36.040 --> 02:39.520
Wie viel vertrauen Sie den Vorhersagemodellen, zum Beispiel der

02:39.520 --> 02:42.200
Wirtschaftsforschungsinstitute in Deutschland, die regelmäßig

02:42.200 --> 02:45.900
Prognosen über die Entwicklungen im nächsten Jahr erstellen?

02:45.900 --> 02:50.160
Die Güte der Modelle ist, umso besser, je kürzer die Zeiträume sind,

02:50.300 --> 02:52.160
die man prognostizieren möchte.

02:52.320 --> 02:54.940
Also die Prognosen sind präziser für die nächsten drei Monate als die

02:54.940 --> 02:56.180
nächsten fünf Jahre.

02:57.140 --> 03:00.380
Die VWL hat extrem dazugelernt, auch gerade die Forschungsinstitute,

03:00.480 --> 03:03.480
die ja sehr stark mit dem Vorwurf konfrontiert wurden, ja, es taugt ja

03:03.480 --> 03:04.900
alles nichts, was ihr da so entwickelt.

03:05.680 --> 03:11.160
Tatsächlich ist es so, dass natürlich die Modelle nur das einbauen

03:11.160 --> 03:16.080
können, was an Wissen vorhanden ist und dann sicher auch bestmöglich

03:16.080 --> 03:17.840
auf Änderungen angepasst werden.

03:17.940 --> 03:21.820
Aber ein exogener Schock, sowas wie 9-11 zum Beispiel, das kann kein

03:21.820 --> 03:24.540
Mensch vorhersehen, das können die Modelle nicht sehen.

03:25.240 --> 03:27.320
Insofern würde ich sagen, das ist keine Schwäche der Modelle.

03:27.320 --> 03:31.540
Wichtig ist trotz alledem, dass man systematisch einfließen lässt, was

03:31.540 --> 03:35.400
es an zusätzlichen Erkenntnissen gibt und dann, to the best of our

03:35.400 --> 03:38.140
knowledge, wie wir gerne sagen, die weiterentwickelt und in die

03:38.140 --> 03:38.780
Prognosen baut.

03:38.780 --> 03:43.400
Als Volkswirtschaftlerin meinen Sie, die Mathematik ist der beste Weg

03:43.400 --> 03:48.120
zum Verständnis menschlichen Handelns und glauben Sie, dass sich die

03:48.120 --> 03:52.300
Lehre in Zukunft eher in Richtung einer Naturwissenschaft, wie es

03:52.300 --> 03:56.120
zurzeit schwerpunktmäßig gelehrt wird, oder einer Sozialwissenschaft

03:56.120 --> 03:56.620
entwickelt?

03:56.620 --> 03:58.880
Ich glaube, wir gehen deutlich wieder mehr Richtung

03:58.880 --> 03:59.920
Sozialwissenschaften.

04:00.020 --> 04:03.840
Also der Vorwurf war ja, dass wir zu formal sind, zu abstrakt die

04:03.840 --> 04:07.180
Modelle, viel zu harte Annahmen treffen, um in irgendeiner Form

04:07.180 --> 04:09.860
tatsächlich Realitätsbezug zu haben.

04:09.860 --> 04:16.100
Und es ist so, dass diese Kritik aufgegriffen wird, dass wir aber auch

04:16.100 --> 04:18.920
massiv davon profitieren, dass wir jetzt gestiegene

04:18.920 --> 04:23.280
Rechnerleistungsfähigkeit haben und erneut die verfügbaren Daten, was

04:23.280 --> 04:26.480
dazu führt, dass wir leichter veranschaulichen können, wie die

04:26.480 --> 04:27.560
Zusammenhänge sind.

04:27.560 --> 04:32.520
Nichtsdestotrotz, denke ich, ist die Mathematik extrem hilfreich bei

04:32.520 --> 04:38.640
der Analyse von Gesamteffekten und um interagierende Effekte zu

04:38.640 --> 04:42.640
analysieren und auch um gegenläufige Effekte zu identifizieren.

04:42.640 --> 04:45.720
Weil am Ende des Tages, das ist auch ein Satz, den Sie aus der

04:45.720 --> 04:48.580
Vorlesung kennen, ist viel, was wir machen, dass wir uns einen

04:48.580 --> 04:51.020
Gesamteffekt anschauen und uns überlegen, wie kann ich Ihnen

04:51.020 --> 04:52.500
Teileffekte zerlegen.

04:53.020 --> 04:55.540
Und da hilft einfach die Mathematik extrem.

04:56.060 --> 05:00.620
Sie hilft als Anschauungsinstrument mithilfe von Simulationen extrem.

05:00.620 --> 05:06.260
Und ich glaube nicht, dass wir von der Mathematik Abstand nehmen

05:06.260 --> 05:06.420
werden.

05:06.480 --> 05:07.280
Das auf gar keinen Fall.

05:07.380 --> 05:12.060
Ich glaube nur, dass es deutlich mehr Empirie dazukommen wird und dass

05:12.060 --> 05:15.780
praktisch die sozialwissenschaftlichen Argumente, die implizit

05:15.780 --> 05:18.220
vorhanden sind, dass die noch deutlicher gemacht werden.

05:18.220 --> 05:19.340
Eine Schlussfrage.

05:20.060 --> 05:23.100
Wenn Sie nach einem langen Arbeitstag im Supermarkt am Kühlregal

05:23.100 --> 05:27.140
entlang gehen, machen Sie sich dann Gedanken zum Wettbewerb in stark

05:27.140 --> 05:31.160
homogen geprägten Güterklassen oder über Pfannkuchenrezepte?

05:32.340 --> 05:32.760
Erstens.

05:33.880 --> 05:34.600
Im Ernst?

05:35.160 --> 05:35.400
Ja.

05:35.960 --> 05:38.120
Ja, weil ich bin jemand, der gerne kocht.

05:38.700 --> 05:39.520
Alleine deshalb.

05:40.500 --> 05:43.660
In der Tat ist es schon so, das ist ja das Nette an unserer Disziplin,

05:43.760 --> 05:45.440
dass wir es überall im echten Leben sehen.

05:45.640 --> 05:48.700
Sie hat einen Ingenieur genannt, der seine Bauteile analysiert.

05:49.080 --> 05:51.500
So können wir morgens in die Zeitung gucken, schauen, was taugen

05:51.500 --> 05:54.440
unsere Modelle, an welchen Stellen kann ich sie gut verwenden, an

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welchen Stellen passen sie nicht.

05:55.720 --> 05:58.200
Und das beschäftigt mich schon immer.

05:58.640 --> 06:03.180
Und ehrlich gesagt, diese Beispiele, jetzt das Supermarktregal mit den

06:03.180 --> 06:06.300
differenzierten Gütern, das ist ja eines der Beispiele, was wir

06:06.300 --> 06:08.120
permanent auch in den Vorlesungen bringen.

06:08.560 --> 06:12.560
Das war die Wirtschaftswissenschaftlerin Prof. Ingertz im Gespräch mit

06:12.560 --> 06:14.380
ihrem Studenten Joachim Schönmehl.

