WEBVTT

00:00.440 --> 00:05.460
Der Eindeutigkeitssatz für Maße, manchmal auch Maßeindeutigkeitssatz

00:05.460 --> 00:10.780
genannt, ist einer der wichtigsten, weil am häufigsten auch

00:10.780 --> 00:13.160
angewandten Sätze der Maßtheorie.

00:14.760 --> 00:19.420
Ausgangspunkt ist ein sogenannter messbarer Raum, das heißt eine nicht

00:19.420 --> 00:24.180
leere Menge Omega, und darauf eine Sigma-Algebra als System von

00:24.180 --> 00:25.400
Teilmengen von Omega.

00:26.200 --> 00:30.320
Diese Sigma-Algebra enthält die leere Menge, mit jeder Menge auch

00:30.320 --> 00:34.780
deren Komplement und mit abzählbar unendlich vielen Mengen auch deren

00:34.780 --> 00:35.500
Vereinigung.

00:37.140 --> 00:41.700
Wichtig ist für dieses Video, dass man weiß, was ein Maß ist.

00:41.880 --> 00:45.140
Der übliche Buchstabe für ein Maß ist das griechische µ.

00:45.920 --> 00:50.480
Das µ ist eine Funktion, die auf a definiert ist und nicht negative,

00:50.700 --> 00:53.860
reelle Werte annimmt, sie darf aber auch den Wert unendlich annehmen.

00:54.900 --> 01:00.120
Eine solche Funktion heißt Maß auf a, wenn sie der leeren Menge den

01:00.120 --> 01:03.960
Wert 0 zuordnet und Sigma-Additiv ist.

01:04.540 --> 01:09.480
Das bedeutet, das Maß einer Vereinigung von abzählbar vielen paarweise

01:09.480 --> 01:13.580
disjunkten Mengen ist Summe der Maße der einzelnen Mengen.

01:14.700 --> 01:19.480
Aus dieser Sigma-Additivität erhält man schnell ein Resultat, das als

01:19.480 --> 01:21.720
Stetigkeit von unten bezeichnet wird.

01:21.720 --> 01:27.440
Das besagt, falls wir eine Mengenfolge haben an in der Sigma-Algebra,

01:28.100 --> 01:33.580
die von unten aufsteigt gegen eine Menge a, das bedeutet, es gilt für

01:33.580 --> 01:40.300
jede natürliche Zahl n, an ist eine Teilmenge von an plus 1 und a ist

01:40.300 --> 01:46.360
die Vereinigung dieser an, dann folgt, dass µ von an gegen µ von a

01:46.360 --> 01:47.100
konvergiert.

01:48.200 --> 01:52.620
Hiermit können wir schon den Eindeutigkeitssatz für Maße formulieren.

01:53.220 --> 01:55.400
Die Voraussetzungen sind die folgenden.

01:56.380 --> 02:02.180
Gegeben ist ein Mengensystem M, ein System von Teilmengen von Omega.

02:03.480 --> 02:08.220
Dieses Mengensystem sei durchschnittstabil, das bedeutet, mit je zwei

02:08.220 --> 02:12.040
Mengen in diesem Mengensystem ist auch deren Durchschnitt im

02:12.040 --> 02:17.540
Mengensystem und es sei ein erzeugendes System für die Sigma-Algebra,

02:17.780 --> 02:21.520
das bedeutet, die erzeugte Sigma-Algebra von M ist gerade a.

02:22.800 --> 02:28.600
Nehmen wir an, wir hätten zwei Maße auf der Sigma-Algebra µ1 und µ2

02:28.600 --> 02:30.860
mit folgender Eigenschaft.

02:31.340 --> 02:35.940
Diese beiden Maße stimmen auf M überein, das bedeutet, dort liefern

02:35.940 --> 02:37.080
sie gleiche Werte.

02:38.400 --> 02:40.740
Wir benötigen noch eine weitere Voraussetzung.

02:40.740 --> 02:47.160
Wenn es in diesem Mengensystem M eine Folge bn von Mengen gibt, die

02:47.160 --> 02:53.740
von unten aufsteigt gegen den Grundraum, und die Maße liefern für jede

02:53.740 --> 02:58.740
dieser Mengen einen endlichen Wert, ich kann schreiben µ1 von bn ist

02:58.740 --> 03:03.320
endlich für jedes n, ich hätte auch schreiben können µ2 ist endlich,

03:03.440 --> 03:08.520
wir wissen ja µ1 und µ2 stimmen auf dem Mengensystem M überein, dann

03:08.520 --> 03:12.200
folgt jedenfalls, und das ist hier das Entscheidende, die beiden Maße

03:12.200 --> 03:12.980
sind gleich.

03:14.940 --> 03:19.160
Das Besondere an diesem Satz ist, dass es für komplizierte Sigma

03:19.160 --> 03:23.900
-Algebren recht einfache erzeugende Systeme geben kann, und es ist

03:23.900 --> 03:27.980
schon erstaunlich, dass diese schwachen Bedingungen ausreichen, um ein

03:27.980 --> 03:33.340
Maß auf der Sigma-Algebra a festzulegen, wenn man nur dessen Werte auf

03:33.340 --> 03:35.500
einem erzeugenden System von a kennt.

03:35.500 --> 03:40.940
Ich möchte eine Anwendung hier nennen, ansonsten soll in diesem Video

03:40.940 --> 03:42.580
nur der Satz bewiesen werden.

03:42.700 --> 03:47.180
Eine Anwendung ist die, die Voraussetzungen treffen zu, auf eine

03:47.180 --> 03:52.040
Situation in der Stochastik, wenn dieser messbare Raum die reellen

03:52.040 --> 03:56.180
Zahlen sind, mit der Sigma-Algebra der Borellmengen, und das

03:56.180 --> 04:01.260
Mengensystem M besteht aus allen nach unten unbeschränkten und nach

04:01.260 --> 04:03.980
oben beschränkten abgeschlossenen Intervallen.

04:04.800 --> 04:08.160
Und das Maß µ ist ein Wahrscheinlichkeitsmaß.

04:08.620 --> 04:10.760
Damit nimmt es nur endliche Werte an.

04:11.400 --> 04:14.960
Hier muss man wissen, dass die Sigma-Algebra der Borellmengen erzeugt

04:14.960 --> 04:19.480
wird von diesem System M, das möchte ich hier nicht beweisen, dass das

04:19.480 --> 04:23.300
System M durchschnittsstabil ist, sieht man sofort, denn der Schnitt

04:23.300 --> 04:28.160
der Intervalle von minusunendlich bis s und minusunendlich bis t ist

04:28.160 --> 04:32.040
das Intervall von minusunendlich bis zum Minimum von s und t.

04:32.040 --> 04:35.540
Die Konsequenz für die Stochastik ist folgende.

04:36.280 --> 04:38.440
Dort gibt es den Begriff der Verteilungsfunktion.

04:39.040 --> 04:43.360
Der übliche Buchstabe ist f, t durchläuft die reellen Zahlen und f von

04:43.360 --> 04:48.260
t ist definiert als die Wahrscheinlichkeit, dass eine Zufallsvariable

04:48.260 --> 04:51.140
einen Wert annimmt, der kleiner oder gleich t ist.

04:51.860 --> 04:56.360
Mit anderen Worten, es ist die Wahrscheinlichkeit, dass x einen Wert

04:56.360 --> 05:01.900
annimmt im Intervall von minusunendlich bis t, also in den zu M

05:01.900 --> 05:03.140
gehörenden Mengen.

05:04.740 --> 05:07.560
Die Verteilung der Zufallsvariablen ist aber ein

05:07.560 --> 05:10.860
Wahrscheinlichkeitsmaß auf der Sigma-Algebra der Borellmengen.

05:12.560 --> 05:17.520
Und die Konsequenz ist, diese Verteilungsfunktion legt die Verteilung

05:17.520 --> 05:20.200
dieser Zufallsvariablen eindeutig fest.

05:22.020 --> 05:24.480
Doch nun zum Beweis des Satzes.

05:24.880 --> 05:28.240
Ich übernehme nochmal als Memo die Voraussetzungen.

05:28.240 --> 05:33.740
Wir haben ein durchschnittstabiles Mengensystem m über Omega, das die

05:33.740 --> 05:35.300
Sigma -Algebra a erzeugt.

05:36.440 --> 05:41.780
Wir haben zwei Maße und wir wissen µ1 von b ist gleich µ2 von b für

05:41.780 --> 05:44.080
jedes b in diesem Mengensystem m.

05:44.920 --> 05:49.760
Zudem wissen wir noch, es gibt eine Folge in m, die von unten

05:49.760 --> 05:56.780
aufsteigt gegen den Grundraum und für diese bn in dieser Folge liefert

05:56.780 --> 06:01.960
das Maß µ1 und damit auch das Maß µ2 endliche Werte für jedes n.

06:02.660 --> 06:06.320
Und dann wollen wir schließen, dass µ1 gleich µ2 gilt.

06:07.800 --> 06:08.880
Sehen wir uns den Beweis an.

06:09.780 --> 06:14.480
In diesem Beweis wird klar werden, wie schlagkräftig ein Dünkeln

06:14.480 --> 06:16.800
-System ist als technisches Hilfsmittel.

06:17.800 --> 06:25.680
Wir starten mit einer Menge b aus m, auf der die Maße µ1 und µ2 einen

06:25.680 --> 06:26.900
endlichen Wert annehmen.

06:27.280 --> 06:28.820
Ansonsten ist die Menge beliebig.

06:29.460 --> 06:34.680
Jetzt definieren wir zu diesem b ein Mengensystem d Index b, ich sage

06:34.680 --> 06:35.820
kurz d b.

06:36.740 --> 06:41.880
Das seien alle diejenigen Mengen a in der Sigma-Algebra mit der

06:41.880 --> 06:47.880
Eigenschaft, dass µ1 von b geschnitten a gleich µ2 von b geschnitten a

06:47.880 --> 06:48.160
ist.

06:49.560 --> 06:52.640
Ich nenne das mal ein gutes Mengensystem.

06:54.000 --> 06:57.900
Die erste Überlegung ist die, dieses Mengensystem, dieses gute

06:57.900 --> 07:00.880
Mengensystem ist ein Dünkeln-System.

07:01.680 --> 07:03.260
Und da können wir uns natürlich fragen, warum?

07:04.840 --> 07:08.780
Beim Dünkeln-System muss zunächst gezeigt werden, dass der Grundraum

07:08.780 --> 07:10.680
Omega in diesem System ist.

07:10.680 --> 07:15.220
Nun, wenn wir für die Menge a in der Definition von d b Omega

07:15.220 --> 07:19.540
einsetzen, dann steht da µ1 von b geschnitten Omega, aber b

07:19.540 --> 07:20.800
geschnitten Omega ist b.

07:21.200 --> 07:25.460
µ1 von b gleich µ2 von b, das heißt Omega ist in diesem System.

07:26.040 --> 07:28.780
Die zweite Eigenschaft des Dünkeln-Systems ist folgende.

07:29.500 --> 07:33.460
Wir müssen zeigen, wenn wir zwei Mengen haben, nennen wir sie c und d

07:33.460 --> 07:40.400
in diesem System, mit c Teilmenge d, dann muss auch die Differenzmenge

07:40.400 --> 07:43.040
d vermindert um c in dem System liegen.

07:44.280 --> 07:48.780
Nun, wenn eine Menge c hier drin liegt, dann bedeutet das µ1 von b

07:48.780 --> 07:52.040
geschnitten c ist µ2 von b geschnitten c.

07:52.920 --> 07:56.460
Und wenn eine Menge d in dem System ist, heißt das µ1 von b

07:56.460 --> 08:00.260
geschnitten d gleich µ2 von b geschnitten d.

08:01.300 --> 08:05.520
Diese Werte der Maße sind endliche Werte, wir können Differenzen

08:05.520 --> 08:06.600
bilden.

08:06.920 --> 08:12.980
Wir halten dann folgende Gleichung µ1 von b geschnitten d minus µ1 von

08:12.980 --> 08:18.880
b geschnitten c gleich µ2 von b geschnitten d minus µ2 von b

08:18.880 --> 08:19.720
geschnitten c.

08:20.580 --> 08:26.440
Aber diese Differenzen sind einmal µ1 von b geschnitten klammer auf d

08:26.440 --> 08:33.200
minus c klammer zu gleich µ2 von b geschnitten klammer auf d minus c

08:33.200 --> 08:33.880
klammer zu.

08:34.740 --> 08:39.560
Und wir sehen, wir haben hier nur die Subtraktivität der Maße

08:39.560 --> 08:45.420
ausgenutzt und diese Differenzmenge d vermindert um c ist auch in

08:45.420 --> 08:47.160
diesem Mengensystem db.

08:47.880 --> 08:52.500
Die dritte Eigenschaft eines Dünkelsystems besagt, wenn ich abzählbar

08:52.500 --> 08:57.420
viele Mengen habe, nennen wir sie a1, a2 und so weiter, die paarweise

08:57.420 --> 09:01.540
disjunkt sind, dann muss auch deren unendliche Vereinigung in dem

09:01.540 --> 09:02.320
System sein.

09:03.840 --> 09:07.600
Naja, nach Definition dieses Mengensystems bedeutet das für jedes n

09:07.600 --> 09:13.060
gilt µ1 von b geschnitten an gleich µ2 von b geschnitten an.

09:14.160 --> 09:19.140
Wenn wir hier auf beiden Seiten über n summieren und die Sigma

09:19.140 --> 09:24.980
-Additivität von µ1 und µ2 sowie das Distributivgesetz anwenden,

09:25.740 --> 09:32.740
ergibt sich µ1 von b geschnitten Vereinigung der an in Klammern gleich

09:32.740 --> 09:39.220
µ2 von b geschnitten Vereinigung der an in Klammern und damit erkennen

09:39.220 --> 09:44.280
wir, dass auch die Vereinigung der an in dem System ist und damit ist

09:44.280 --> 09:47.060
dieses Mengensystem db ein Dünkelsystem.

09:48.380 --> 09:54.800
Nach Voraussetzung gilt, das Mengensystem m ist in dem Sinne gut, es

09:54.800 --> 09:56.540
ist ganz enthalten in db.

09:58.360 --> 10:05.700
Denn wenn ich dort eine Menge a einsetze in das Mengensystem db, die

10:05.700 --> 10:13.040
zu m gehört, dann steht da µ1 von b geschnitten a, aber b geschnitten

10:13.040 --> 10:18.900
a ist auf dem Mengensystem m und deshalb ist es gleich µ2 von b

10:18.900 --> 10:19.800
geschnitten a.

10:20.720 --> 10:25.060
Wegen der Durchschnittstabilität von m ist der Schnitt b geschnitten a

10:25.060 --> 10:29.980
in m und aus dem Grunde sieht man, dass jede Menge aus m in dem Sinne

10:29.980 --> 10:32.640
gut ist, dass sie Element von db ist.

10:33.980 --> 10:38.580
db ist aber als Dünkelsystem nachgewiesen, wenn es das Mengensystem m

10:38.580 --> 10:44.460
enthält, muss es auch das von m erzeugte Dünkelsystem enthalten, das

10:44.460 --> 10:45.520
ist Delta von m.

10:47.360 --> 10:51.580
Wer noch nicht so firm ist in Dünkelsystemen, dem empfehle ich mein

10:51.580 --> 10:53.520
Video über Dünkelsysteme.

10:54.680 --> 10:59.700
Aus der Durchschnittstabilität von m können wir aber folgern, dass das

10:59.700 --> 11:04.060
erzeugte Dünkelsystem Delta von m gleich der erzeugten Sigma-Algebra

11:04.060 --> 11:05.560
von m ist, Sigma von m.

11:07.340 --> 11:13.000
Und in der Zeile drüber steht ja gerade Delta von m ist Teilsystem von

11:13.000 --> 11:17.600
db, also können wir folgern, unsere Sigma-Algebra a, die ist ja Sigma

11:17.600 --> 11:20.790
von m, ist ein Teilsystem von db.

11:23.820 --> 11:28.840
Die Menge b war beliebig aus m nur mit der Eigenschaft, dass µ1 von b

11:28.840 --> 11:29.920
endlich ist.

11:30.980 --> 11:36.680
Diese Eigenschaft gilt für jedes bn, das bedeutet, wir haben diese

11:36.680 --> 11:43.920
Inklusion, die Sigma-Algebra a ist enthalten in d Index bn für jedes

11:43.920 --> 11:44.180
n.

11:46.300 --> 11:50.260
Jetzt nutzen wir die Stetigkeit von unten des Maßes aus.

11:51.080 --> 11:57.020
Wenn die Folge bn von unten gegen Omega aufsteigt, steigt die Folge a

11:57.020 --> 12:01.360
geschnitten bn von unten gegen a auf und zwar gilt das für jedes a in

12:01.360 --> 12:02.180
der Sigma-Algebra.

12:03.420 --> 12:10.480
Und die Stetigkeit von unten des Maßes µ1 liefert µ1 von a, ist der

12:10.480 --> 12:17.280
Limes für n gegen und endlich von µ1 von a geschnitten bn, aber µ1 von

12:17.280 --> 12:21.260
a geschnitten bn ist gleich µ2 von a geschnitten bn.

12:22.280 --> 12:26.700
Also ist das gleich dem Limes für n gegen und endlich von µ2 von a

12:26.700 --> 12:33.000
geschnitten bn, aber da µ2 auch stetig von unten ist, ist das µ2 von

12:33.000 --> 12:33.240
a.

12:34.040 --> 12:39.920
Wir haben also gezeigt, für beliebiges a in der Sigma-Algebra gilt µ1

12:39.920 --> 12:44.360
von a gleich µ2 von a und das war der ganze Beweis des

12:44.360 --> 12:46.520
Eindeutigkeitssatzes für Maße.

