WEBVTT

00:00.000 --> 00:01.580
Im frühen 20.

00:01.820 --> 00:05.540
Jahrhundert wollten Seismologen mehr über die innere Struktur der Erde

00:05.540 --> 00:09.920
herausfinden und hielten dazu die Ankunftszeiten seismischer Wellen

00:09.920 --> 00:12.240
auf einem sogenannten Laufzeitdiagramm fest.

00:13.280 --> 00:16.820
Zunächst wurden die Ankunftszeiten der verschiedenen Wellentypen mit

00:16.820 --> 00:17.800
Seismometern gemessen.

00:18.540 --> 00:22.440
Die Zeit der Wellenankunft nach dem Erdbeben trugen die Forscher dann

00:22.440 --> 00:26.380
auf der vertikalen Achse ein und die Entfernung zum Erdbeben auf der

00:26.380 --> 00:27.000
horizontalen.

00:28.160 --> 00:32.000
Zuerst sahen sie nur eine Punktwolke auf dem Diagramm.

00:32.140 --> 00:36.560
Je mehr Erdbeben sie aber einzeichneten, desto mehr kristallisierten

00:36.560 --> 00:39.200
sich nach und nach einzelne Linien heraus.

00:40.440 --> 00:43.420
Woher kam dieser Zusammenhang zwischen den Ankunftszeiten der

00:43.420 --> 00:45.660
einzelnen Erdbebenwellen und ihrer Entfernung?

00:53.240 --> 00:55.120
Hallo und herzlich willkommen!

00:55.660 --> 00:58.060
In diesem Video klären wir folgende Fragestellungen.

00:58.060 --> 01:02.200
Wie ist die Erde im Inneren aufgebaut und woher kennen wir eigentlich

01:02.200 --> 01:03.020
diesen Aufbau?

01:03.660 --> 01:07.260
Kann man die Erde im übertragenen Sinne seismologisch aufschneiden und

01:07.260 --> 01:08.260
in sich hineinschauen?

01:09.120 --> 01:11.320
Die Seismologen des frühen 20.

01:11.760 --> 01:14.800
Jahrhunderts vermuteten bereits, dass die Kurven ihres

01:14.800 --> 01:19.080
Laufzeitdiagramms auf den Aufbau der Erde zurückzuführen sein müssten.

01:19.980 --> 01:24.020
Außerdem stimmten die Diagramme für alle Seismometer weltweit in etwa

01:24.020 --> 01:28.240
überein, woraus sich ein ähnliches Bild der Tiefe überall auf der Erde

01:28.240 --> 01:28.760
ergab.

01:29.700 --> 01:33.860
Aus dem Laufzeitdiagramm berechneten die Wissenschaftler nun, wie sich

01:33.860 --> 01:37.260
die Ausbreitungsgeschwindigkeiten der seismischen Wellen mit der Tiefe

01:37.260 --> 01:41.460
änderten und wie damit die beobachtete Form der Kurven zustande kam.

01:42.440 --> 01:46.040
Für die P-Wellen ist die Ausbreitungsgeschwindigkeit hier über der

01:46.040 --> 01:49.940
Tiefe mit einer schwarzen Linie, für die S-Wellen mit einer grauen

01:49.940 --> 01:50.560
dargestellt.

01:50.560 --> 01:54.220
Die Wissenschaftler sahen, dass die Änderung der seismischen

01:54.220 --> 01:58.040
Geschwindigkeiten der P- und S-Wellen in bestimmten Tiefen besonders

01:58.040 --> 01:59.100
signifikant ist.

01:59.820 --> 02:03.840
Aus dieser Beobachtung zogen die Seismologen den Schluss, dass in

02:03.840 --> 02:07.480
diesen Tiefen eine Änderung der Materialzusammensetzung der Erde

02:07.480 --> 02:11.460
vorliegen müsste, dass die Erde also aus unterschiedlichen

02:11.460 --> 02:15.800
konzentrischen Schichten aufgebaut ist, in denen sich Erdbebenwellen

02:15.800 --> 02:17.540
unterschiedlich schnell ausbreiten.

02:18.360 --> 02:21.880
Heute weiß man, dass die Erde einen Radius von fast

02:21.880 --> 02:23.760
sechseinhalbtausend Kilometern hat.

02:24.800 --> 02:28.440
Vergleicht man den Querschnitt der Erde mit dem einer aufgeschnittenen

02:28.440 --> 02:39.310
Orange, erkennt man, dass beide aus verschiedenen Schichten bestehen.

02:41.530 --> 02:46.510
Die Erdkruste entspricht dieser äußersten dünnen Schicht von weniger

02:46.510 --> 02:50.550
als einem Prozent des Radius, den ich hier mit dem Sparschäler

02:50.550 --> 02:51.490
abtragen kann.

02:57.560 --> 03:01.240
In der schematischen Abbildung des Erdkörpers erkennt man sie in

03:01.240 --> 03:01.600
braun.

03:02.300 --> 03:06.500
Unter den Ozeanen reicht sie bis in etwa zehn Kilometer und unter den

03:06.500 --> 03:09.420
Kontinenten im Mittel bis in 30 Kilometer Tiefe.

03:09.920 --> 03:13.760
Unter den Gebirgen der Erde kann die Kruste auf bis zu 60 Kilometer

03:13.760 --> 03:15.100
Mächtigkeit anwachsen.

03:16.340 --> 03:20.600
Die Erdkruste besteht aus festem Gestein und bildet den oberen Teil

03:20.600 --> 03:21.840
der Kontinentalplatten.

03:21.840 --> 03:25.900
Wegen der relativ geringen Mächtigkeit der Kruste sind die

03:25.900 --> 03:29.540
vorherrschenden Drücke und seismischen Geschwindigkeiten geringer als

03:29.540 --> 03:30.520
in tieferen Schichten.

03:31.960 --> 03:36.300
In der Erdkruste liegen die P-Wellengeschwindigkeiten zwischen 5,8 und

03:36.300 --> 03:41.520
6,5 Kilometer pro Sekunde, die der S-Wellen unter vier Kilometer pro

03:41.520 --> 03:41.900
Sekunde.

03:43.540 --> 03:48.840
Die eigentliche Orangenschale entspricht in ihrer Dicke etwa dem

03:48.840 --> 03:50.060
oberen Erdmantel.

03:50.060 --> 03:54.020
Er reicht bis in eine Tiefe von 400 bis 600 Kilometern.

03:54.620 --> 03:56.740
Das sind 5 bis 10 Prozent des Radius.

03:57.220 --> 03:59.740
In der Abbildung ist er in Rot dargestellt.

04:00.300 --> 04:03.540
Darunter folgt der untere Erdmantel im hellen Orange.

04:04.560 --> 04:07.920
Je tiefer man in die Erde eindringt, desto dichter sind die dort

04:07.920 --> 04:09.140
vorkommenden Gesteine.

04:09.660 --> 04:13.360
Das führt zu einem Anstieg der seismischen Geschwindigkeiten im oberen

04:13.360 --> 04:14.500
und unteren Erdmantel.

04:14.500 --> 04:18.740
P-Wellen erreichen Geschwindigkeiten von fast 14 Kilometern pro

04:18.740 --> 04:21.940
Sekunde, S-Wellen um die 7 Kilometer pro Sekunde.

04:22.680 --> 04:26.740
Die Grenze zwischen unterem Erdmantel und äußerem Erdkern liegt in

04:26.740 --> 04:29.000
etwa 2900 Kilometer Tiefe.

04:29.800 --> 04:33.100
Hier stimmt der Vergleich mit der Orange nicht mehr ganz und wir

04:33.100 --> 04:34.460
müssen uns andersweitig helfen.

04:35.160 --> 04:39.600
Der Radius des Erdkerns ist etwas mehr als halb so groß wie der der

04:39.600 --> 04:40.260
ganzen Erde.

04:40.260 --> 04:42.240
Im Bild ist er hellgelb zu sehen.

04:43.020 --> 04:45.980
Das entspricht etwa diesem Tischtennisball hier.

04:48.760 --> 04:54.760
Der innere Erdkern hat einen Radius von etwa 1200 Kilometern und steht

04:54.760 --> 04:59.320
in einem ähnlichen Verhältnis zur Gesamtgröße wie der innerste weiße

04:59.320 --> 05:00.400
Teil der Orange.

05:01.820 --> 05:06.200
An der Kernmantelgrenze bricht die P-Wellengeschwindigkeit ein und die

05:06.200 --> 05:08.400
S -Wellengeschwindigkeit fällt sogar auf 0 ab.

05:08.400 --> 05:12.320
Denn der äußere Erdkern besteht aufgrund hoher Temperaturen

05:12.320 --> 05:15.980
hauptsächlich aus flüssigem Eisen, das bei einer Scherung keine

05:15.980 --> 05:19.620
Rückstellkräfte aufweist und deshalb keine Ausbreitung von Scherwellen

05:19.620 --> 05:20.220
zulässt.

05:20.720 --> 05:24.420
Innerhalb des äußeren Erdkerns steigt die P-Wellengeschwindigkeit bis

05:24.420 --> 05:26.860
zur Grenze des inneren Erdkerns wieder an.

05:28.360 --> 05:32.540
Im inneren Kern liegt aufgrund des hohen Drucks des Eisen wieder in

05:32.540 --> 05:36.700
seiner festen Phase vor, so dass sich hier neben P-Wellen auch wieder

05:36.700 --> 05:38.060
S -Wellen ausbreiten können.

05:39.000 --> 05:42.660
Die Geschwindigkeit beider Wellentypen bleibt dort konstant, für P

05:42.660 --> 05:46.280
-Wellen etwa 11 Kilometer pro Sekunde und für S-Wellen knapp 4

05:46.280 --> 05:47.460
Kilometer pro Sekunde.

05:48.400 --> 05:52.360
An den Grenzen dieser großen Schichten werden Erdbebenwellen bei ihrem

05:52.360 --> 05:54.720
Weg durch die Erde gebrochen und reflektiert.

05:55.640 --> 05:59.740
Jeder Punkt im Laufzeitdiagramm gehört zu einer Erdbebenwelle auf

05:59.740 --> 06:01.240
ihrem Weg durch die Erde hindurch.

06:01.240 --> 06:06.860
Jede Linie oder jeder Ast beschreibt eine Kombination aus Reflektionen

06:06.860 --> 06:10.640
und Brechungen an bestimmten Schichtgrenzen in der Erde und hat einen

06:10.640 --> 06:13.740
bestimmten Namen, hier zum Beispiel PKiKp.

06:15.020 --> 06:19.620
Die Welle PKiKp ist eine P-Welle, die vom Erdbeben erst durch den

06:19.620 --> 06:22.820
Erdmantel und dann durch den äußeren Erdkern läuft.

06:23.100 --> 06:24.660
Das K steht dabei für Kern.

06:24.660 --> 06:30.080
Die Welle wird dann am inneren Erdkern reflektiert, I wie Innen, und

06:30.080 --> 06:33.800
gelangt auf der anderen Seite der Erde wieder durch den äußeren

06:33.800 --> 06:37.460
Erdkern und Erdmantel zum aufzeichnenden Seismometer.

06:38.360 --> 06:42.400
Sie tritt in verschiedenen Entfernungsbereichen auf, die dann den Ast

06:42.400 --> 06:43.880
im Laufzeitdiagramm ergeben.

06:45.560 --> 06:49.080
Heute können Wissenschaftler den Aufbau der Erde noch besser bestimmen

06:49.080 --> 06:52.680
und dreidimensionale Strukturen tomografisch auflösen.

06:52.680 --> 06:57.420
Möglich machen das viele seismische Netzwerke, die verteilt über die

06:57.420 --> 07:00.820
Erde Wellen von großen und kleinen Erdbeben aufzeichnen.

07:01.580 --> 07:04.660
Ein Ergebnis einer solchen Berechnung mit vielen hundert

07:04.660 --> 07:08.160
Erdbebenaufzeichnungen weltweit ist zum Beispiel dieses Bild des

07:08.160 --> 07:08.920
Erdmantels.

07:09.640 --> 07:13.520
Sie sehen die Variation der S-Wellengeschwindigkeit im Erdmantel.

07:13.520 --> 07:17.540
Rot und gelbe Farben zeigen langsamere Geschwindigkeiten, blaue

07:17.540 --> 07:18.500
schnellere an.

07:19.340 --> 07:22.860
Die Erde ist zwar aus Schichten aufgebaut, dennoch gibt es darin

07:22.860 --> 07:27.180
heterogene Strukturen, die vom Schichtaufbau um einige Prozent

07:27.180 --> 07:27.820
abweichen.

07:28.360 --> 07:32.220
Diese Variationen der seismischen Geschwindigkeiten innerhalb der Erde

07:32.220 --> 07:35.500
werden vielfach durch Änderungen der Temperatur hervorgerufen.

07:36.160 --> 07:39.580
Die elastischen Parameter der Erde, welche die seismische

07:39.580 --> 07:42.960
Geschwindigkeit bestimmen, sind also temperaturabhängig.

07:43.520 --> 07:48.040
Höhere Temperaturen resultieren in langsameren, niedrigere in

07:48.040 --> 07:49.660
schnelleren Wellengeschwindigkeiten.

07:51.140 --> 07:55.760
Hohe Temperaturen im Erdkern resultieren aus radioaktiven Prozessen

07:55.760 --> 07:58.500
und vorhandener Restwärme der Erdentstehung.

07:59.140 --> 08:03.100
Sie führen dazu, dass Gesteinsmaterial im Mantel und äußeren Kern

08:03.100 --> 08:05.560
aufsteigt und in Bewegung gerät.

08:05.560 --> 08:10.120
Dabei entstehen unter anderem Konvektionszellen im Erdmantel, die

08:10.120 --> 08:14.100
Material an den Subduktionszonen in die Tiefe und an den

08:14.100 --> 08:17.760
mittelozeanischen Spreizungszentren wieder nach oben transportieren.

08:18.440 --> 08:22.560
Die Animation zeigt das Ergebnis einer Modellrechnung, das heißt ein

08:22.560 --> 08:26.160
mögliches Muster der Bewegung, die auf der heute bekannten

08:26.160 --> 08:29.840
Materialzusammensetzung und Temperaturverteilung in der Erde beruht.

08:30.620 --> 08:35.040
Rote Farben stehen dabei für warmes, aufsteigendes Material, blau

08:35.040 --> 08:37.140
-grüne Töne für kaltes, absinkendes.

08:38.520 --> 08:43.600
Die Bewegungen laufen dabei mit Geschwindigkeiten von bis zu 10 cm pro

08:43.600 --> 08:44.140
Jahr ab.

08:44.500 --> 08:47.760
Das entspricht etwa der Größenordnung der Plattenbewegungen an der

08:47.760 --> 08:51.800
Erdoberfläche, die durch eben diese Konvektionszellen angetrieben

08:51.800 --> 08:52.100
wird.

08:53.180 --> 08:57.040
Ich habe Ihnen in diesem Video gezeigt, dass Wissenschaftler mithilfe

08:57.040 --> 09:00.920
von Laufzeitkurven berechnen können, dass die Erde in erster Näherung

09:00.920 --> 09:04.660
aus verschiedenen konzentrischen Schichten aufgebaut ist.

09:05.560 --> 09:08.160
Sie haben Charakteristika dieser Schichten kennengelernt.

09:08.520 --> 09:11.340
Die wichtigsten Eigenschaften fasse ich noch einmal zusammen.

09:12.440 --> 09:16.940
Die Erde besteht aus einer Erdkruste, die unter den Ozeanen dünner und

09:16.940 --> 09:18.660
unter Gebirgsketten mächtiger ist.

09:19.580 --> 09:23.500
Daran schließt sich der Erdmantel an, in dem Gesteinsmaterial

09:23.500 --> 09:23.860
konvektiert.

09:25.060 --> 09:29.560
Der Erdkern besteht tatsächlich aus Eisen mit einem äußeren,

09:29.720 --> 09:32.920
flüssigen, ebenso konvektierenden Bereich, in dem sich keine

09:32.920 --> 09:37.040
Scherwellen ausbreiten können, und einem inneren, festen Anteil.

09:38.180 --> 09:41.860
Möglich werden diese Erkenntnisse durch die Auswertung von seismischen

09:41.860 --> 09:46.060
Wellenankünften an Seismometern, die Erdbeben rund um die Erde

09:46.060 --> 09:46.920
aufzeichnen.

09:46.920 --> 09:51.380
Dreidimensionale Heterogenitäten innerhalb dieser Schichten können

09:51.380 --> 09:55.240
heute mit Hilfe von dichten Seismometernetzwerken global und lokal

09:55.240 --> 09:58.860
aufgelöst werden und erweitern stetig unser Bild der Erde.

