WEBVTT

00:00.970 --> 00:04.700
Herzlich willkommen zu diesem Video über Wahrscheinlichkeitsräume und

00:04.700 --> 00:06.760
das Kolmogorov'sche Axiomensystem.

00:07.480 --> 00:11.080
Andrey Nikolayevich Kolmogorov war einer der bedeutendsten

00:11.080 --> 00:12.400
Mathematiker des 20.

00:12.680 --> 00:18.340
Jahrhunderts und er war 30 Jahre alt, als er im Jahr 1933 ein

00:18.340 --> 00:20.900
Axiomensystem für die Stochastik aufstellte.

00:21.680 --> 00:26.460
Ganz allgemein besteht ein Axiomensystem in der Mathematik aus nicht

00:26.460 --> 00:31.820
beweisbaren Grundpostulaten, also Forderungen, die man stellt, um auf

00:31.820 --> 00:35.900
sicherem Boden zu stehen und darauf aufbauend begründete Schlüsse

00:35.900 --> 00:36.800
ziehen zu können.

00:37.720 --> 00:41.500
Um die einem Wahrscheinlichkeitsraum zugrunde liegenden Axiome zu

00:41.500 --> 00:43.760
motivieren, diene diese Abbildung.

00:44.680 --> 00:47.880
Ich habe dazu eine Reißzwecke oder wie man manchmal auch sagt

00:47.880 --> 00:51.720
Heftzwecke 300 Mal auf einen Steinboden geworfen.

00:52.580 --> 00:59.240
Insgesamt fiel sie 126 Mal mit der Spitze nach oben und 174 Mal mit

00:59.240 --> 01:00.720
der Spitze schräg nach unten.

01:01.620 --> 01:05.720
Man sieht die im zeitlichen Verlauf der 300 Würfe aufgetragenen

01:05.720 --> 01:10.160
relativen Häufigkeiten derjenigen Fälle, bei denen die Spitze oben

01:10.160 --> 01:10.500
lag.

01:11.100 --> 01:15.980
Ganz am Ende ist also die relative Häufigkeit gleich 126 geteilt durch

01:15.980 --> 01:18.680
300 und damit etwa 0,41.

01:19.680 --> 01:23.680
Offenbar scheinen sich diese relativen Häufigkeiten bei wachsender

01:23.680 --> 01:26.100
Anzahl von Würfen zu stabilisieren.

01:27.240 --> 01:31.020
Allgemeiner stellen wir uns einen stochastischen Vorgang vor, dessen

01:31.020 --> 01:34.700
mögliche Ergebnisse durch einen mit Omega bezeichneten sogenannten

01:34.700 --> 01:36.320
Grundraum beschrieben werden.

01:37.380 --> 01:41.180
Dieser Vorgang werde N Mal in unabhängiger Folge unter gleichen

01:41.180 --> 01:42.360
Bedingungen wiederholt.

01:43.000 --> 01:46.400
Wir können hier etwa an das wiederholte Werfen eines Würfels oder das

01:46.400 --> 01:48.080
Drehen eines Glücksrades denken.

01:48.080 --> 01:53.900
Für eine beliebige Teilmenge von Omega bezeichne Rn von a den

01:53.900 --> 01:58.380
relativen Anteil der Male, bei denen der Ausgang des stochastischen

01:58.380 --> 02:00.220
Vorgangs zu a gehört.

02:00.880 --> 02:05.760
Wir zählen also, wie oft insgesamt das Ereignis a eintrat, also das

02:05.760 --> 02:09.660
Ergebnis des stochastischen Vorgangs als Element von Omega zur

02:09.660 --> 02:14.600
Teilmenge a gehört und teilen dann durch die Gesamtanzahl n der

02:14.600 --> 02:15.080
Wiederholung.

02:16.060 --> 02:17.920
Dann gelten folgende Aussagen.

02:18.780 --> 02:24.840
Rn von a liegt als relative Häufigkeit immer zwischen 0 und 1, Rn von

02:24.840 --> 02:30.520
Omega ist gleich 1 und wenn a und b zwei Teilmengen von Omega sind,

02:30.640 --> 02:34.540
deren Durchschnitt die leere Menge ist, so ist die relative Häufigkeit

02:34.540 --> 02:39.020
der Vereinigung von a und b gleich der Summe der einzelnen relativen

02:39.020 --> 02:39.680
Häufigkeiten.

02:39.680 --> 02:45.060
Diese Aussagen gelten für jedes n, aber es kommt etwas Entscheidendes

02:45.060 --> 02:45.600
hinzu.

02:46.380 --> 02:50.480
Die relative Häufigkeit von a stabilisiert sich erfahrungsgemäß bei

02:50.480 --> 02:51.360
wachsendem n.

02:52.080 --> 02:56.440
Das hat nichts mit Mathematik zu tun, sondern es ist einfach etwas,

02:56.620 --> 02:57.860
was wir feststellen.

02:58.500 --> 03:01.920
Wenn wir doch einmal auf die Abbildung schauen, würden wir sagen, die

03:01.920 --> 03:06.060
Erfahrung hat gezeigt, dass ich bei dieser Reißzwecke und diesem

03:06.060 --> 03:10.800
Steinboden bei einem künftigen Wurf eher darauf wetten würde, dass sie

03:10.800 --> 03:16.060
mit der Spitze schräg nach unten fällt, denn nur in ungefähr 41% aller

03:16.060 --> 03:18.380
Fälle fiel sie mit der Spitze nach oben.

03:19.300 --> 03:21.860
Was wir nicht wissen ist, wie es weitergeht.

03:22.860 --> 03:27.020
Und bei dieser beobachteten Stabilisierung liegt auch keine Konvergenz

03:27.020 --> 03:28.460
im Sinne der Analyse vor.

03:29.380 --> 03:34.400
Was Kolmogorov unter anderem gemacht hat, er hat Grundpostulate, also

03:34.400 --> 03:39.300
Axiome, für diese ominösen Fragezeichen hier aufgestellt.

03:40.100 --> 03:42.320
Sehen wir uns einmal das Axiomensystem an.

03:43.080 --> 03:47.360
Es definiert, was ein Wahrscheinlichkeitsraum ist, nämlich ein Tripel.

03:47.360 --> 03:51.680
Wie der Name sagt, besteht ein Tripel aus drei Dingen und man sieht

03:51.680 --> 03:55.880
hier ein Omega, ein kalligrafisches A und ein schmuckes B.

03:56.960 --> 04:00.800
Jetzt kommt die Kraft der Abstraktion, die der Mathematik fast

04:00.800 --> 04:02.940
unbegrenzte Anwendungen verschafft.

04:03.400 --> 04:06.500
Omega ist eine beliebige, nicht leere Menge.

04:07.380 --> 04:10.340
Natürlich hat man hier die möglichen Ergebnisse eines stochastischen

04:10.340 --> 04:14.720
Vorgangs im Hinterkopf, ja selbstverständlich, und die Wahl von Omega

04:14.720 --> 04:19.080
in konkreten Situationen kann schwierig sein, aber hier geht es um

04:19.080 --> 04:23.360
Mathematik und wir vergessen einmal zumindest vorläufig jegliche

04:23.360 --> 04:26.060
konkreten Situationen und Anwendungen.

04:27.180 --> 04:29.840
Was ist das kalligrafische A im obigen Tripel?

04:30.520 --> 04:35.520
Es ist ein System von Teilmengen von Omega, also formal eine Teilmenge

04:35.520 --> 04:39.560
der Potenzmenge von Omega und zwar genauer eine Sigma-Algebra.

04:39.560 --> 04:44.480
Das heißt, es enthält die leere Menge mit jeder Menge auch deren

04:44.480 --> 04:49.200
Komplement und mit je abzählbar vielen Mengen auch deren Vereinigung.

04:50.180 --> 04:53.380
Wer den Begriff einer Sigma-Algebra noch nicht kennt, kann sich zum

04:53.380 --> 04:55.240
Beispiel mein Video dazu ansehen.

04:55.960 --> 04:59.860
Die Mengen aus diesem System werden diejenigen sein, denen wir

04:59.860 --> 05:04.040
Wahrscheinlichkeiten zuordnen und man wünscht sich, dass man jeder

05:04.040 --> 05:07.860
Teilmenge von Omega eine solche Wahrscheinlichkeit zuweisen kann.

05:07.860 --> 05:12.460
Das geht aber nicht immer und so kann es sein, dass das kalligrafische

05:12.460 --> 05:16.100
A eine echte Teilmenge der Potenzmenge von Omega ist.

05:16.880 --> 05:21.620
Das schmucke P im Tripel ist eine auf dem System A definierte reelle

05:21.620 --> 05:22.300
Funktion.

05:23.260 --> 05:26.820
Von dieser Funktion fordert man dreierlei und zwar sind diese

05:26.820 --> 05:31.240
Forderungen an die Eigenschaften relativer Häufigkeiten angelehnt.

05:31.940 --> 05:37.000
Das erste Axiom besagt, dass P von A immer nicht negativ ist.

05:37.000 --> 05:42.620
Die zweite Forderung ist die sogenannte Normierungseigenschaft P von

05:42.620 --> 05:44.060
Omega gleich 1.

05:45.560 --> 05:50.360
Das dritte Axiom besagt, dass P von einer abzählbaren Vereinigung

05:50.360 --> 05:55.340
paarweise disjunkter Mengen aus dem System A gleich der Summe der P

05:55.340 --> 05:56.340
von A n ist.

05:57.080 --> 06:01.500
Man sieht, dass ich hier etwas farbig hervorgehoben habe und diese

06:01.500 --> 06:04.160
Schreibweise ist nicht nur eine Marotte von mir.

06:04.160 --> 06:09.180
Sind allgemein Mengen paarweise disjunkt, so schreibt man häufig die

06:09.180 --> 06:12.520
Vereinigung dieser Mengen mit dem Summen und nicht mit dem

06:12.520 --> 06:13.620
Vereinigungszeichen.

06:14.160 --> 06:18.160
Man nennt diese Eigenschaft die sogenannte Sigma-Additivität von P.

06:19.020 --> 06:23.540
Das Präfix Sigma bezieht sich dabei auf die Tatsache, dass unendlich

06:23.540 --> 06:24.800
viele Mengen auftreten.

06:25.570 --> 06:30.020
Die grundlegende Bedeutung der Sigma-Additivität wurde Ende des 19.

06:30.440 --> 06:35.220
Jahrhunderts vom französischen Mathematiker Emil Borel erkannt und sie

06:35.220 --> 06:38.960
führte zur Entwicklung der allgemeinen Maß- und Integrationstheorie.

06:40.080 --> 06:45.000
Man nennt die Funktion P ein Wahrscheinlichkeitsmaß, kurz W-Maß, auf

06:45.000 --> 06:49.220
dem System A und jede Menge aus A heißt Ereignis.

06:51.440 --> 06:54.400
Folgendes sollte man bei diesem Axiomsystem beachten.

06:55.360 --> 06:59.660
Ist Omega eine abzählbare Menge, also entweder endlich oder wie die

06:59.660 --> 07:03.540
Menge der natürlichen Zahlen abzählbar unendlich, so kann als Sigma

07:03.540 --> 07:06.700
-Algebra immer die Potenzmenge von Omega gewählt werden.

07:07.220 --> 07:08.800
Ich gehe darauf später noch ein.

07:10.040 --> 07:14.760
Offenbar macht dieses Axiomsystem keinerlei inhaltliche Aussage

07:14.760 --> 07:19.180
darüber, was eine Wahrscheinlichkeit ist, sondern es legt nur fest,

07:19.560 --> 07:23.460
welche formalen Eigenschaften Wahrscheinlichkeiten als mathematische

07:23.460 --> 07:26.000
Objekte unbedingt besitzen sollten.

07:26.740 --> 07:30.280
In der Mathematik wird aber auch nicht inhaltlich definiert, was eine

07:30.280 --> 07:32.660
Gruppe oder was ein Vektorraum ist.

07:33.680 --> 07:37.080
Wenn man an Anwendungen denkt, so ist ein Wahrscheinlichkeitsraum

07:37.080 --> 07:41.160
immer ein mathematisches Modell und ein solches Modell kann die

07:41.160 --> 07:44.380
Wirklichkeit mehr oder weniger gut beschreiben.

07:45.300 --> 07:49.540
Wir werden jetzt aus obigen Axiomen einige wichtige Folgerungen

07:49.540 --> 07:49.860
ziehen.

07:50.460 --> 07:54.040
Ich nehme dazu die Axiome als Memo auf die nächste Folie.

07:54.780 --> 08:00.140
Also p von a ist eine nicht-negativ-reelle Zahl, p von Omega ist

08:00.140 --> 08:03.900
gleich 1 und p ist Sigma-Additiv.

08:04.980 --> 08:06.820
Die Folgerungen sehen so aus.

08:07.600 --> 08:10.520
Für Ereignisse a, b, a1, a2 usw.

08:10.780 --> 08:15.380
gelten Erste Folgerung, p von der leeren Menge ist gleich 0.

08:16.540 --> 08:20.960
Diese Eigenschaft ergibt sich aus der Sigma-Additivität, indem man

08:20.960 --> 08:24.360
jede der Mengen a, n gleich der leeren Menge setzt.

08:24.920 --> 08:29.740
Dann steht links p von der leeren Menge und rechts diese

08:29.740 --> 08:32.860
Wahrscheinlichkeit unendlich oft aufsummiert.

08:32.860 --> 08:37.500
Da p von der leeren Menge nach Voraussetzung eine reelle Zahl ist,

08:37.860 --> 08:41.220
kann das nur gehen, wenn diese Zahl gleich 0 ist.

08:42.820 --> 08:46.720
Die zweite Folgerung besagt, dass die Wahrscheinlichkeit einer

08:46.720 --> 08:51.080
endlichen Vereinigung paarweise des jüngter Ereignisse gleich der

08:51.080 --> 08:54.140
Summe der Wahrscheinlichkeiten der einzelnen Ereignisse ist.

08:55.040 --> 08:58.080
Man sieht, dass ich wieder das Summenzeichen verwendet habe.

08:58.080 --> 09:02.540
Man nennt diese für jedes feste k größer oder gleich 2 geltende

09:02.540 --> 09:05.500
Eigenschaft die endliche Additivität von p.

09:06.300 --> 09:10.680
Diese Eigenschaft folgt sofort aus der Sigma-Additivität im Memo oben

09:10.680 --> 09:16.040
rechts, wenn man jedes a, n mit n größer als k gleich der leeren Menge

09:16.040 --> 09:19.800
setzt, da ja die leere Menge die Wahrscheinlichkeit 0 besitzt.

09:21.320 --> 09:26.200
Folgerung c besagt, dass p von a nicht nur größer oder gleich 0 ist,

09:26.300 --> 09:28.380
sondern auch kleiner gleich 1.

09:28.920 --> 09:32.960
Wir beweisen diese Eigenschaft zusammen mit einer weiteren und die

09:32.960 --> 09:37.020
besagt, dass die Wahrscheinlichkeit des Komplementes eines Ereignisses

09:37.020 --> 09:39.860
a gleich 1 minus p von a ist.

09:40.720 --> 09:44.060
Man nennt Folgerung d die Regel von der komplementären

09:44.060 --> 09:44.940
Wahrscheinlichkeit.

09:45.720 --> 09:49.920
Manchmal wird das Komplement eines Ereignisses a auch als a-quer

09:49.920 --> 09:53.480
geschrieben, aber ich verwende im folgenden das hochgestellte c.

09:54.460 --> 10:01.880
Eigenschaft d folgt, indem man in b k gleich 2 sowie a1 gleich a und

10:01.880 --> 10:04.340
a2 gleich a Komplement setzt.

10:04.660 --> 10:09.720
Da die Vereinigung von a und a Komplement gleich Omega ist, steht dann

10:09.720 --> 10:16.380
in b links p von Omega, also 1 und rechts p von a plus p von a

10:16.380 --> 10:16.860
Komplement.

10:17.840 --> 10:21.820
Also folgt die Regel von der komplementären Wahrscheinlichkeit und wir

10:21.820 --> 10:27.260
erhalten auch c, da p von a Komplement größer oder gleich 0 und damit

10:27.260 --> 10:29.640
p von a kleiner gleich 1 ist.

10:31.860 --> 10:37.260
Die nächste Folgerung besagt, ist a eine Teilmenge von b, so folgt p

10:37.260 --> 10:39.100
von a kleiner gleich p von b.

10:39.100 --> 10:43.360
Diese sogenannte Monotonie-Eigenschaft des Wahrscheinlichkeitsmaßes

10:43.360 --> 10:48.760
folgt daraus, dass man b als Vereinigung der Desjungenmengen a und b

10:48.760 --> 10:50.520
vermindert um a schreiben kann.

10:51.300 --> 10:55.320
Aus der endlichen Additivität und der Tatsache, dass p von b

10:55.320 --> 10:59.420
vermindert um a größer oder gleich 0 ist, folgt dann die Behauptung.

11:00.640 --> 11:04.320
Die nächste Folgerung ist der sogenannte Additionssatz für zwei

11:04.320 --> 11:05.040
Ereignisse.

11:05.040 --> 11:08.900
Er besagt, dass die Wahrscheinlichkeit der Vereinigung zweier

11:08.900 --> 11:12.340
Ereignisse gleich der Summe der Wahrscheinlichkeiten der beiden

11:12.340 --> 11:16.020
Ereignisse vermindert um die Wahrscheinlichkeit des Durchschnittes

11:16.020 --> 11:16.320
ist.

11:17.220 --> 11:20.940
Bevor wir diese Folgerung beweisen, möchte ich noch eine letzte

11:20.940 --> 11:21.560
angeben.

11:22.420 --> 11:25.880
Die Wahrscheinlichkeit einer Vereinigung von absehbar unendlich vielen

11:25.880 --> 11:29.620
Ereignissen ist höchstens gleich der Summe der Wahrscheinlichkeiten

11:29.620 --> 11:31.000
der einzelnen Ereignisse.

11:31.000 --> 11:34.640
Diese Eigenschaft wird Sigma-Subadditivität genannt.

11:36.040 --> 11:40.400
Die Idee für einen Beweis des Additionssatzes ist anhand eines Fenn

11:40.400 --> 11:41.300
-Diagramms klar.

11:42.060 --> 11:46.020
Das hier sei das Ereignis a und das das Ereignis b.

11:46.800 --> 11:51.360
Dann sieht man hier den Durchschnitt von a und b und das hier ist a

11:51.360 --> 11:55.660
vermindert um b und dieser Teil ist b vermindert um a.

11:55.660 --> 12:00.380
Addiert man p von a und p von b, so wird offenbar p von a geschnitten

12:00.380 --> 12:03.720
b doppelt gezählt und muss deshalb subtrahiert werden.

12:04.760 --> 12:09.440
Ein formaler Beweis ohne Bild verwendet, dass man die Menge a in

12:09.440 --> 12:13.380
dieser Form als Vereinigung zweier disjuncter Mengen schreiben kann.

12:13.740 --> 12:17.260
Und die Menge b lässt sich in gleicher Weise als Vereinigung zweier

12:17.260 --> 12:18.440
disjuncter Mengen schreiben.

12:19.260 --> 12:24.900
Aufgrund der endlichen Additivität ist dann p von a diese Summe und in

12:24.900 --> 12:27.500
gleicher Weise ist p von b diese Summe.

12:28.180 --> 12:32.640
Die Vereinigung von a und b ist die Menge a vereinigt mit der dazu

12:32.640 --> 12:37.300
disjunkten Menge b vermindert um a, also b geschnitten a Komplement.

12:38.080 --> 12:42.680
Nach der Darstellung für a ist also a vereinigt b die Vereinigung der

12:42.680 --> 12:47.440
drei paarweise disjunkten Mengen a geschnitten b Komplement, a

12:47.440 --> 12:50.640
geschnitten b und b geschnitten a Komplement.

12:50.640 --> 12:55.660
Nach der endlichen Additivität gilt dann diese Gleichung.

12:56.680 --> 13:00.260
Jetzt folgt auch rein algebraisch, was wir eben anschaulich gesehen

13:00.260 --> 13:00.640
haben.

13:01.260 --> 13:05.460
Addiert man p von a und p von b, so erhält man die rechte Seite der

13:05.460 --> 13:08.940
letzten Gleichung plus den summanden p von a geschnitten b.

13:09.500 --> 13:13.940
Den muss man also subtrahieren, um p von a vereinigt b zu erhalten.

13:13.940 --> 13:18.720
Damit ist der Additionssatz bewiesen und es bleibt nur noch die Sigma

13:18.720 --> 13:20.340
-Subadditivität zu zeigen.

13:20.980 --> 13:25.020
Ich nehme einmal das, was noch zu beweisen ist, auf die nächste Folie.

13:26.300 --> 13:31.540
Die naheliegende Beweisidee besteht darin, die Vereinigung der a,n als

13:31.540 --> 13:34.380
Vereinigung paarweise disjunkter Mengen zu schreiben.

13:35.660 --> 13:42.760
Hierzu setzen wir b1 gleich a1 und b2 als a2 vermindert um a1, nehmen

13:42.760 --> 13:47.660
also aus a2 nur das, was nicht schon in a1 enthalten ist.

13:48.220 --> 13:53.180
In gleicher Weise sei b3 gleich a3 vermindert um die Vereinigung von

13:53.180 --> 13:55.300
a1 und a2 und so weiter.

13:56.300 --> 14:02.160
Wenn das hier die Menge a1 ist, ist diese auch gleich b1 und wenn das

14:02.160 --> 14:07.220
die Menge a2 ist, so ist dieser beige gefärbte Teil gleich b2.

14:08.140 --> 14:13.060
Von der hier eingezeichneten Menge a3 ist dann dieser Teil die Menge

14:13.060 --> 14:13.700
b3.

14:14.800 --> 14:21.120
Allgemein ist bn gleich an vermindert um die Vereinigung von a1 bis an

14:21.120 --> 14:27.620
-1, also an geschnitten mit jedem der Komplimente der aj über j von 1

14:27.620 --> 14:28.900
bis n-1.

14:30.240 --> 14:35.980
Nach Konstruktion ist dann für jedes n bn eine Teilmenge von an und

14:35.980 --> 14:41.760
die Mengen bn und bm sind für verschiedene Indizes m und n disjunkt.

14:42.000 --> 14:45.900
Das Schöne ist, dass die Vereinigung der an gleich der Vereinigung der

14:45.900 --> 14:50.820
bn ist, wobei ich wegen der Paarweisen disjunktheit der bn rechts

14:50.820 --> 14:52.880
wieder das Summenzeichen verwendet habe.

14:53.880 --> 14:57.920
Auf jeden Fall ist hier die rechte Seite Teilmenge der linken, weil

14:57.920 --> 15:01.120
für jedes n bn eine Teilmenge von an ist.

15:01.700 --> 15:06.220
Es gilt aber nach dem sogenannten Prinzip des kleinsten Täters auch

15:06.220 --> 15:10.500
die umgekehrte Teilmengenbeziehung, denn wenn ein Element von Omega,

15:10.740 --> 15:15.000
nennen wir es x, zur Menge links vom Gleichheitszeichen gehört, so

15:15.000 --> 15:19.700
gibt es mindestens eine natürliche Zahl n, sodass x in an liegt.

15:20.200 --> 15:24.820
Dann gibt es aber auch eine kleinste natürliche Zahl, einen kleinsten

15:24.820 --> 15:27.500
Täter, sodass x in an liegt.

15:28.080 --> 15:33.240
Das heißt x gehört zu an, aber weder zu a1 noch zu a2 usw.

15:33.380 --> 15:35.000
noch zu an-1.

15:35.000 --> 15:38.440
Das ist aber gerade die Definition von bn.

15:39.320 --> 15:42.420
Also gibt es ein n mit x Element bn.

15:42.880 --> 15:46.000
Das heißt x gehört zur Menge rechts vom Gleichheitszeichen.

15:46.860 --> 15:50.320
Hieraus folgt, dass die Wahrscheinlichkeit der Vereinigung der an

15:50.320 --> 15:53.520
gleich der Wahrscheinlichkeit der Vereinigung der bn ist.

15:54.120 --> 15:58.360
Wegen der Sigma-Additivität gilt jetzt dieses Gleichheitszeichen.

15:58.360 --> 16:04.580
Und da bn eine Teilmenge von an ist, gilt p von bn kleiner gleich p

16:04.580 --> 16:09.160
von an und wir erhalten diese Ungleichung und damit die Sigma

16:09.160 --> 16:10.780
-Subadditivität von p.

16:11.480 --> 16:13.540
Damit sind alle Folgerungen bewiesen.

16:14.880 --> 16:17.940
Ich möchte abschließend zwei Beispielklassen für

16:17.940 --> 16:19.520
Wahrscheinlichkeitsräume angeben.

16:20.060 --> 16:23.900
Die erste Klasse besteht aus den sogenannten diskreten

16:23.900 --> 16:25.060
Wahrscheinlichkeitsräumen.

16:25.060 --> 16:30.520
In diesem Fall ist Omega eine abzählbare Menge, das heißt entweder

16:30.520 --> 16:33.140
endlich oder abzählbar unendlich.

16:33.660 --> 16:37.300
Man sieht, dass ich die Elemente von Omega mithilfe natürlicher Zahlen

16:37.300 --> 16:38.600
durchnummeriert habe.

16:39.100 --> 16:43.200
Omega 1 ist das erste Element, Omega 2 das zweite usw.

16:43.800 --> 16:46.140
Bei einer endlichen Menge ist dann irgendwann Schluss.

16:47.120 --> 16:51.360
Die Sigma-Algebra a ist hier das System aller Teilmengen von Omega,

16:51.560 --> 16:52.380
also die Potenzmenge.

16:52.380 --> 16:56.960
In diesem Fall ist es recht einfach, Wahrscheinlichkeitsmaße zu

16:56.960 --> 16:57.380
konstruieren.

16:58.360 --> 17:03.080
Man ordnet einfach den Elementen von Omega nicht-negativ-reelle Zahlen

17:03.080 --> 17:05.220
zu, die sich zu 1 aufsummieren.

17:05.960 --> 17:09.820
Je nachdem, ob Omega eine endliche oder abzählbar unendliche Menge

17:09.820 --> 17:13.600
ist, steht hier eine endliche Summe oder der Grenzwert einer

17:13.600 --> 17:14.640
unendlichen Reihe.

17:14.640 --> 17:20.540
Jetzt definieren wir einfach für eine Teilmenge a von Omega, p von a

17:20.540 --> 17:25.860
als die Summe der pj über alle j mit der Eigenschaft, dass omega j in

17:25.860 --> 17:26.580
a liegt.

17:27.140 --> 17:29.980
Hierdurch wird ein Wahrscheinlichkeitsmaß definiert.

17:31.040 --> 17:32.060
Was müssen wir zeigen?

17:32.820 --> 17:36.580
Nun, die Nicht-Negativität von p ist klar und auch die

17:36.580 --> 17:39.760
Normierungsbedingung p von Omega gleich 1.

17:39.760 --> 17:44.880
Die Sigma-Additivität folgt aus dem sogenannten großen Umordnungssatz

17:44.880 --> 17:48.200
für Reihen, über den ich ein eigenes Video gemacht habe.

17:48.840 --> 17:53.000
Natürlich muss man dieses Geschütz nur für den Fall auffahren, dass

17:53.000 --> 17:54.840
die Menge Omega unendlich ist.

17:55.600 --> 17:59.140
Man kann und sollte mit einem diskreten Wahrscheinlichkeitsraum immer

17:59.140 --> 18:01.180
an eine Massenverteilung denken.

18:01.180 --> 18:06.460
Die Zahl pj ist einfach die Wahrscheinlichkeitsmasse, die als Stab der

18:06.460 --> 18:09.640
Länge pj im Punkt Omega j angebracht wird.

18:10.420 --> 18:14.960
Ein wichtiger Spezialfall eines diskreten Wahrscheinlichkeitsraums ist

18:14.960 --> 18:17.880
der nach Pierre-Simon Laplace benannte Laplace

18:17.880 --> 18:19.100
-Wahrscheinlichkeitsraum.

18:19.100 --> 18:24.580
Hier ist Omega eine mindestens zweielementige, endliche Menge und die

18:24.580 --> 18:29.520
Wahrscheinlichkeit einer Teilmenge a ist die Anzahl der Elemente von a

18:29.520 --> 18:32.440
dividiert durch die Anzahl der Elemente von Omega.

18:33.260 --> 18:37.340
In diesem Modell sieht man jedes Element von Omega als gleichmöglich

18:37.340 --> 18:41.080
im Hinblick auf den Ausgang eines stochastischen Vorgangs an.

18:41.080 --> 18:45.360
Man spricht dann etwa von einem unverfälschten Würfel, einer fairen

18:45.360 --> 18:48.680
Münze oder von rein zufälligem Ziehen.

18:49.780 --> 18:53.640
Die zweite Beispielklasse betrifft diesen Wahrscheinlichkeitsraum.

18:54.540 --> 19:00.040
Der Grundraum Omega ist hier der r hoch n und die Sigma-Algebra a ist

19:00.040 --> 19:04.340
das mit einem kaligrafischen b hoch n geschriebene sogenannte System

19:04.340 --> 19:06.400
der Borellenmengen im r hoch n.

19:07.160 --> 19:11.540
Diese Sigma-Algebra ist die kleinste Sigma-Algebra im r hoch n, die

19:11.540 --> 19:13.240
alle offenen Mengen enthält.

19:14.400 --> 19:18.000
Auch über diese Sigma-Algebra habe ich ein eigenes Video gemacht.

19:18.900 --> 19:23.340
Das Lambda hoch n ist das Borelle-Beck-Maß im r hoch n.

19:23.900 --> 19:27.740
Wer dieses auf dem System der Borellmengen definierte Maß noch nicht

19:27.740 --> 19:32.460
kennt, salopp gesprochen ordnet es einer Borellmenge im r hoch n deren

19:32.460 --> 19:34.400
n -dimensionales Volumen zu.

19:35.060 --> 19:40.160
Also etwa Intervallen im r1 deren Länge, Rechtecken im r2 deren Fläche

19:40.160 --> 19:42.900
und Quadern im r3 deren Volumen.

19:42.900 --> 19:48.000
Das oben vor dem Lambda hoch n stehende f ist eine auf dem r hoch n

19:48.000 --> 19:52.880
definierte nicht negative messbare Funktion, das heißt die Urbilder

19:52.880 --> 19:56.480
von Borellmengen im r1 sind Borellmengen im r hoch n.

19:57.420 --> 20:01.140
Wichtig ist die Eigenschaft, dass das Lebesgue-Integral dieser

20:01.140 --> 20:05.280
Funktion über dem gesamten r hoch n und dafür schreibt man auch so

20:05.280 --> 20:06.700
gleich 1 ist.

20:07.860 --> 20:11.200
Man nennt eine solche Funktion f eine Wahrscheinlichkeitsdichte.

20:11.200 --> 20:14.960
Jetzt kann man ein Wahrscheinlichkeitsmaß auf dem System der

20:14.960 --> 20:19.800
Borellmengen definieren, indem man einer Borellmenge b das Integral

20:19.800 --> 20:22.360
von f über dieser Menge zuordnet.

20:23.340 --> 20:27.660
Damit die Funktion p Sigma-additiv wird, muss man hier mit dem

20:27.660 --> 20:29.160
Lebesgue -Integral arbeiten.

20:29.940 --> 20:33.620
Der Satz von Beppo Levi, der auch als Satz von der monotonen

20:33.620 --> 20:37.660
Konvergenz bekannt ist, liefert gerade die Sigma-Additivität.

20:38.640 --> 20:39.880
Soweit die Theorie.

20:40.820 --> 20:45.060
In Anwendungen ist die Dichte f meist stetig oder zumindest stückweise

20:45.060 --> 20:45.680
stetig.

20:46.160 --> 20:50.200
Und die Menge b ist so einfach, dass auch mit dem Riemann-Integral

20:50.200 --> 20:51.540
gearbeitet werden kann.

20:51.980 --> 20:55.460
Im eindimensionalen Fall könnte das Ganze so aussehen.

20:56.180 --> 20:59.000
Blau eingezeichnet ist der Graph der Dichte f.

20:59.000 --> 21:03.840
Der Flächeninhalt zwischen der x-Achse und diesem Graphen ist gleich 1

21:03.840 --> 21:07.920
und die Wahrscheinlichkeit eines Intervalls mit den Grenzen a und b

21:07.920 --> 21:13.540
ist das Integral von a bis b über f von x dx, also anschaulich der

21:13.540 --> 21:15.640
gelb hervorgehobene Flächeninhalt.

21:16.220 --> 21:19.000
Man kann also ganz konkret rechnen.

21:19.000 --> 21:22.960
Dabei kommt es nicht darauf an, ob das Intervall offen, abgeschlossen

21:22.960 --> 21:26.380
oder halboffen ist, denn im Gegensatz zu einem diskreten

21:26.380 --> 21:29.980
Wahrscheinlichkeitsraum besitzt in dieser Beispielklasse mit

21:29.980 --> 21:34.100
Wahrscheinlichkeitsdichten jeder einzelne Punkt die Wahrscheinlichkeit

21:34.100 --> 21:34.380
0.

21:35.260 --> 21:38.280
Beispiele für solche Dichten sind die Dichten der stetigen

21:38.280 --> 21:42.100
Gleichverteilung auf einem Intervall, der Normalverteilung oder der

21:42.100 --> 21:43.480
Exponentialverteilung.

21:46.040 --> 21:49.400
Damit sind wir am Ende dieses Videos angelangt.

21:49.400 --> 21:54.100
Ich bedanke mich ganz herzlich fürs Anschauen, für Hinweise und

21:54.100 --> 21:56.800
konstruktive Kritik bin ich wie immer dankbar.

