WEBVTT

00:03.610 --> 00:08.770
Liebe Frau Professorin Dr. Ina Kärner, liebe Zuschauer und

00:08.770 --> 00:11.250
Zuschauerinnen, die uns heute begleiten.

00:11.390 --> 00:15.110
Es freut mich sehr, Sie zum heutigen Colloquium Fundamentale begrüßen

00:15.110 --> 00:15.630
zu dürfen.

00:16.510 --> 00:20.270
Wir blicken heute auf ein kulturwissenschaftliches Thema, das

00:20.270 --> 00:24.470
mindestens seit Simone de Beauvoir Buch das andere Geschlecht

00:24.470 --> 00:29.370
unsichtbare Machtstrukturen und der Gesellschaft aufregt und

00:29.370 --> 00:30.010
hinterfragt.

00:30.870 --> 00:34.910
Feministische Kultur- und Gesellschaftskritik sind, wie wir heute

00:34.910 --> 00:37.370
erfahren werden, keine Selbstverständlichkeit.

00:38.350 --> 00:42.670
Die unterschiedlichen Positionen im feministischen Diskurs mögen dazu

00:42.670 --> 00:46.430
beitragen, den roten Faden manchmal, den roten Faden der

00:46.430 --> 00:50.610
feministischen Theorie zu verlieren oder sich erst gar nicht mit

00:50.610 --> 00:56.330
feministischem Denken sehr zu beschäftigen, weil es ja mühsam ist,

00:56.490 --> 01:00.190
Konflikte und Kontroversen innerhalb einer Denkrichtung einzuordnen.

01:00.190 --> 01:05.210
Das hat sicherlich damit zu tun, dass unser Alltagsdenken zur

01:05.210 --> 01:07.370
Normativität tendiert, denke ich zumindest.

01:09.050 --> 01:11.790
Und dabei muss ich auch an mein Seminar zur Kunst- und

01:11.790 --> 01:15.570
Ökologieamtlichkeit denken, in dem wir neulich Donna Haraways Buch

01:15.570 --> 01:18.450
Staying with the Trouble besprochen haben.

01:18.970 --> 01:24.150
Vielleicht stimmt es, dass wir beim Problem bleiben sollen und das

01:24.150 --> 01:27.270
Problem stets vor Augen zu haben und das Problem wahrzunehmen.

01:28.550 --> 01:33.070
Und in diesem Sinne muss ich sagen, dass langfristiges Denken, wie das

01:33.070 --> 01:37.610
feministische Projekt, ist eine lohnenswerte Arbeit, die positive

01:37.610 --> 01:39.290
Veränderungen im Ganzen setzen kann.

01:40.170 --> 01:45.230
Aber der Weg zur wohlreflektierten Transformation setzt Denk- und

01:45.230 --> 01:46.870
Diskussionsfähigkeiten voraus.

01:47.450 --> 01:51.310
Es gibt nämlich keine einfache Lösung für große Probleme.

01:51.990 --> 01:56.090
Wenn ich hier Jorge Luis Borges paraphasieren darf, würde ich mich

01:56.090 --> 02:00.050
gerne auf eine Aussage aus dem Aufsatz Las versiones homericas

02:00.050 --> 02:05.370
beziehen, das heißt die homerischen Versionen, in dem er eigentlich

02:05.370 --> 02:08.210
über den Entgültigen, über den Perfekten Text nachdenkt.

02:08.590 --> 02:12.650
Aber wir machen es jetzt mit dem Perfekten, mit dem Entgültigen

02:12.650 --> 02:13.130
Diskurs.

02:13.290 --> 02:17.410
Also wenn wir seine Überlegungen an den aktuellen Kontext anpassen,

02:17.790 --> 02:22.670
würde ich sagen, dass das Konzept eines Entgültigen Diskurses nur der

02:22.670 --> 02:24.630
Religion oder der Müdigkeit entspricht.

02:24.730 --> 02:28.610
Da sagt er eigentlich eben, dass das Konzept eines Entgültigen Textes

02:28.610 --> 02:31.290
nur der Religion oder der Müdigkeit entspricht.

02:31.390 --> 02:34.130
Heute werden wir auch über Religion und Feminismus sprechen.

02:34.910 --> 02:39.090
Und so gesehen, denke ich, ist das feministische Denken ein Diskurs

02:39.090 --> 02:43.170
des Diesseits, das heißt des Hier und Jetzt und des ständigen

02:43.170 --> 02:43.890
Aufwachens.

02:44.310 --> 02:45.590
Deswegen ist es auch so komplex.

02:46.450 --> 02:50.430
Und über die Kontroversen des Feminismus werden wir heute noch einiges

02:50.430 --> 02:50.790
erfahren.

02:51.350 --> 02:55.330
Aber zunächst möchte ich unsere heutige Referentin vorstellen.

02:56.670 --> 03:01.390
Prof. Dr. Ina Kerner, sie ist Professorin für Dynamiken der

03:01.390 --> 03:04.370
Globalisierung und sie ist Leiterin des Seminars Politische

03:04.370 --> 03:08.410
Wissenschaft im Institut für Kulturwissenschaft der Universität

03:08.410 --> 03:11.850
Koblenz -Landau und zwar am Campus Koblenz.

03:12.650 --> 03:17.390
Außerdem ist sie Leiterin des Forschungsprojekts Diversität, Macht und

03:17.390 --> 03:22.090
Gerechtigkeit Transkulturelle Perspektiven, ein Projekt gefördert

03:22.090 --> 03:23.790
durch die deutsche Forschungsgemeinschaft.

03:24.530 --> 03:29.870
Das aktuelle Wintersemester 2020-2021 verbringt sie als Fellow der

03:29.870 --> 03:34.930
Forschungsgruppe Global Contestations of Women's and Gender Rights und

03:34.930 --> 03:38.930
zwar am Zentrum für Interdisziplinäre Forschung in Bielefeld.

03:39.150 --> 03:41.950
Sie ist eigentlich heute auch in Bielefeld in ihrem Büro, wie ich

03:41.950 --> 03:42.810
vorhin gehört habe.

03:43.650 --> 03:48.170
Zuvor war sie nacheinander an den drei Berliner Universitäten, also an

03:48.170 --> 03:51.230
der Freien Universität, an der Technischen Universität und an der

03:51.230 --> 03:52.510
Humboldt -Universität tätig.

03:53.050 --> 03:57.790
Sie hatte auch Gas-Professuren in New York und in Islamabad und sie

03:57.790 --> 04:01.550
war auch Gas-Wissenschaftlerin an Universitäten und Forschungszentren

04:01.550 --> 04:05.230
eben in New York, Kapstadt, Berlin, London, Brasilia und Duisburg.

04:06.090 --> 04:10.870
Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich der politischen Theorie und

04:10.870 --> 04:13.490
der transdisziplinären Geschlechterforschung.

04:13.490 --> 04:17.830
Derzeit vor allem auf dem Gebiet postkolonialer politischer Theorien

04:17.830 --> 04:21.330
und transnationaler feministischer Solidarität.

04:22.190 --> 04:25.830
Zu ihren Publikationen möchte ich ein paar erwähnen und zwar die

04:25.830 --> 04:32.110
Monographien Postkoloniale Theorien im Juniors Verlag erschienen und

04:32.110 --> 04:36.930
Differenzen und Macht zur Anatomie von Rassismus und Sexismus im

04:36.930 --> 04:38.270
Campus Verlag erschienen.

04:39.170 --> 04:43.650
In ihrem Vortrag Kultur, Macht, Geschlecht, Positionen und

04:43.650 --> 04:48.410
Kontroversen der feministischen Kritik wird Frau Kerner heute Abend

04:48.410 --> 04:53.870
einen Überblick über vorliegende feministische Kritikansätze und ihre

04:53.870 --> 04:55.650
jeweiligen Schwerpunktsetzungen geben.

04:56.330 --> 04:59.650
Darüber hinaus wird sie eine aktuelle Kontroverse vorstellen, die

04:59.650 --> 05:03.310
Fragen rund um Internationalismus, Postkolonialismus und

05:03.310 --> 05:05.150
Religionskritik aufwirft.

05:05.690 --> 05:11.090
Und jetzt begrüße ich Sie recht herzlich und wir bleiben alles sehr

05:11.090 --> 05:12.630
gespannt auf Ihren Vortrag.

05:12.750 --> 05:13.170
Vielen Dank.

05:14.890 --> 05:19.170
Ganz, ganz herzlichen Dank für die generöse Einführung und vor allem

05:19.170 --> 05:20.490
aber auch für die Einleitung.

05:20.590 --> 05:23.350
Ich freue mich tatsächlich sehr, heute hier zu sein und halte das für

05:23.350 --> 05:24.250
eine große Ehre.

05:25.090 --> 05:29.370
Auch wenn hier jetzt tatsächlich, wurde ja gerade gesagt, mein Büro in

05:29.370 --> 05:30.230
Bielefeld ist.

05:30.370 --> 05:34.990
Das ist toll, aber trotzdem nicht Karlsruhe und kein richtiger Raum

05:34.990 --> 05:35.690
voller Menschen.

05:36.390 --> 05:40.030
Ich hoffe, dass so etwas demnächst wieder möglich sein wird.

05:41.410 --> 05:45.450
Das Kolloquium Fundamentale, das den Rahmen dieses Vortrags darstellt,

05:46.330 --> 05:49.990
thematisiert in diesem Semester in einem allgemeinen Sinne Strömungen

05:49.990 --> 05:51.730
und Positionen der Kulturwissenschaft.

05:52.670 --> 05:56.410
Und als sehr gern bekennende Feministin war ich freilich nicht nur

05:56.410 --> 05:59.710
erleichtert, dass feministische Perspektiven hier eingeschlossen sind,

06:00.110 --> 06:03.830
sondern auch sehr erfreut, dass ich selbst diesen Teil übernehmen

06:03.830 --> 06:04.350
durfte.

06:04.350 --> 06:09.490
Der Titel meines Beitrags heißt Kultur macht Geschlecht, Position und

06:09.490 --> 06:11.430
Kontroversen der feministischen Kritik.

06:12.010 --> 06:16.070
Und ich werde mich in den kommenden etwa 45 Minuten an diesem Titel

06:16.070 --> 06:19.090
entlanghangeln und zwar in drei Schritten.

06:20.190 --> 06:24.850
Zunächst werde ich kurz einen weiten Kulturbegriff stark machen, der

06:24.850 --> 06:29.470
Kultur als Phänomen versteht, das viel mit Macht zu tun hat.

06:30.510 --> 06:33.910
Blickt man mit einem feministischen Fokus auf die so verstandene

06:33.910 --> 06:37.410
Kultur, das heißt mit einem besonderen Interesse für

06:37.410 --> 06:42.590
Geschlechterverhältnisse als, und das zitiert jetzt den Untertitel

06:42.590 --> 06:47.770
dieser Vortragsreihe, als von Menschen gemachte Machtverhältnisse,

06:48.310 --> 06:52.450
ergibt sich daraus als zentrale Beschäftigung oder Aufgabe des

06:52.450 --> 06:55.750
Feminismus die geschlechterbezogene Machtkritik.

06:56.730 --> 06:59.670
Damit ist allerdings noch längst nicht gesagt, was genau das ist,

07:00.290 --> 07:04.510
worauf genau eine solche geschlechterbezogene Machtkritik gerichtet

07:04.510 --> 07:07.190
ist und welches Ziel sie dabei verfolgt.

07:08.270 --> 07:13.810
Aus diesem Grund werde ich zweitens überblickshaft in Grundpositionen

07:13.810 --> 07:18.030
der feministischen Kritik als geschlechterbezogener Machtkritik

07:18.030 --> 07:18.790
einführen.

07:19.790 --> 07:22.830
Diejenigen von Ihnen, die sich hier bereits auskennen, werden sich

07:22.830 --> 07:24.210
hoffentlich nicht langweilen.

07:24.950 --> 07:29.570
Meine Intention in diesem Teil ist, weniger Neuheiten zu präsentieren,

07:29.670 --> 07:33.290
als tatsächlich darüber zu informieren oder für die, die sich schon

07:33.290 --> 07:36.770
auskennen, daran zu erinnern, wie unterschiedlich die

07:36.770 --> 07:41.050
Schwerpunktsetzungen feministischer Kritik ausfallen und darauf

07:41.050 --> 07:45.390
hinzuweisen, an welchen Stellen sich Kontroversen aufdrängen und

07:45.390 --> 07:46.490
entfaltet haben.

07:47.370 --> 07:51.870
Ziel dieser Übung ist die Verdeutlichung des Umstandes, dass es sich

07:51.870 --> 07:55.730
überhaupt nicht von selbst versteht, wofür man sich interessiert, wenn

07:55.730 --> 07:59.490
man sich für feministische Kritik interessiert und dass weder Ali

07:59.490 --> 08:04.530
Schwarzer noch Beyoncé noch sonst irgendeine Einzelperson den

08:04.530 --> 08:08.450
Feminismus in seiner Breite zu repräsentieren beanspruchen kann.

08:09.090 --> 08:12.150
Ich natürlich auch nicht, aber das sollte damit sowieso klar sein.

08:13.010 --> 08:16.750
Drittens werde ich sie dann in jenes Themenfeld mitnehmen, für das ich

08:16.750 --> 08:21.290
mich selbst im Moment besonders interessiere, wenn ich mich der

08:21.290 --> 08:22.690
feministischen Kritik widme.

08:23.210 --> 08:26.290
Und dabei geht es dann in erster Linie um Fragen einer feministischen

08:26.290 --> 08:30.370
Religionskritik, etwas weniger um postkoloniale Ansätze und um

08:30.370 --> 08:34.370
Internationalismus noch ein bisschen weniger, aber beides kommt kurz

08:34.370 --> 08:34.750
vor.

08:35.710 --> 08:39.690
Ich habe eine PowerPoint-Präsentation vorbereitet, möchte aber kurz

08:39.690 --> 08:43.290
trotzdem dazusagen, dass das kein klassischer PowerPoint-Vortrag wird,

08:43.390 --> 08:47.650
bei dem alles, was wichtig ist, auf einer Folie erscheinen wird.

08:48.650 --> 08:53.490
Ich habe ein paar Folien, die sind eher an dieser oder jener Stelle

08:53.490 --> 08:57.090
illustrativ oder dann hoffentlich hilfreich, aber bitte nicht warten,

08:57.890 --> 09:01.750
dass hier Folien kommen, bevor sie wirklich zuhören, das wäre

09:01.750 --> 09:02.910
wahrscheinlich nicht so zielführend.

09:03.050 --> 09:06.850
Ich komme zum ersten Teil, Kultur macht Geschlecht.

09:08.810 --> 09:11.850
Interessanterweise sind ja in den vergangenen Jahren sehr viele

09:12.570 --> 09:16.270
kulturwissenschaftliche Institute und Studiengänge entstanden, bei

09:16.270 --> 09:19.250
denen die wenigsten, die dort in Forschung und Lehre beschäftigt sind,

09:19.750 --> 09:23.450
über eine kulturwissenschaftliche Ausbildung im engen Sinne verfügen,

09:23.550 --> 09:26.710
das heißt unter diesem Begriff versehen mit diesem Label.

09:27.610 --> 09:30.790
In vielen Fällen handelt es sich um Einrichtungen, die sich vormals

09:30.790 --> 09:34.270
Volkskunde nannten und in anderen wird Kulturwissenschaft als

09:34.270 --> 09:38.610
Transdisziplin verstanden, die sich mit Kultur in einem weiten Sinne

09:38.610 --> 09:39.230
befasst.

09:40.050 --> 09:42.790
So ist das auch in Koblenz, wo ich selbst qua Amt zu

09:42.790 --> 09:44.770
kulturwissenschaftlichen Würden gekommen bin.

09:45.530 --> 09:48.870
Der Kulturbegriff, den wir dort zugrunde legen, ist bewusst weit,

09:49.250 --> 09:52.410
sogar explizit holistisch, das heißt auf die Gesamtheit der

09:52.410 --> 09:56.370
menschlichen Institutionen, Handlungen und symbolischen Formen

09:56.370 --> 09:56.870
bezogen.

09:57.770 --> 10:01.430
In ihrem Kern vereint die Kulturwissenschaft dort Zugänge aus

10:01.430 --> 10:06.050
Medienwissenschaft, Ethnologie und der Politologie, für die ich selbst

10:06.050 --> 10:08.710
zuständig bin mit dem Seminar Politische Wissenschaft.

10:09.790 --> 10:13.410
Und es ist vermutlich kein Zufall, dass sich aus dieser Perspektive

10:13.410 --> 10:18.010
vor allem die Birmingham School der britischen Cultural Studies als

10:18.010 --> 10:19.610
Referenzrahmen anbietet.

10:20.370 --> 10:24.510
Wurde dort doch eine Kulturwissenschaft etabliert, die nicht nur klar

10:24.510 --> 10:28.450
von einem Fokus auf Formen der sogenannten Hochkultur abrückt, um

10:28.450 --> 10:32.590
stattdessen Phänomene im Zusammenhang von Populär- und Alterskultur zu

10:32.590 --> 10:37.070
behandeln, sondern die dies zudem mit einem explizit politischen

10:37.070 --> 10:38.030
Impetus tut.

10:39.110 --> 10:42.250
Es lässt sich wohl behaupten, dass dies nicht zuletzt mit

10:42.250 --> 10:47.630
Entwicklungen am 1964 in Birmingham begründeten Center for

10:47.630 --> 10:51.570
Contemporary Cultural Studies zu tun hat, die dort während des

10:51.570 --> 10:56.490
Direktoriums von Stuart Hall stattfanden, also von den späten 1960er

10:56.490 --> 10:58.490
Jahren bis zum Ende der 70er Jahre.

10:59.390 --> 11:03.410
Und zwar die Rezeption soziologischer, vor allem kultursoziologischer

11:03.410 --> 11:07.450
Ansätze, sowie eine bewusste Auseinandersetzung mit marxistischen und

11:07.450 --> 11:09.750
postmarxistischen Theoriepositionen.

11:10.790 --> 11:15.310
Dies wiederum, in diesen wiederum, spielt Macht eine analytisch

11:15.310 --> 11:16.130
wichtige Rolle.

11:17.010 --> 11:19.810
Macht verstanden weniger im engen weberischen Sinne als

11:19.810 --> 11:25.350
Handlungsressource, als, Weber Zitat, Chance innerhalb einer sozialen

11:25.350 --> 11:28.510
Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen,

11:29.310 --> 11:33.230
sondern als Phänomen, das letztlich die gesamte Kultur durchzieht.

11:33.910 --> 11:38.610
Und zwar als anonymer, das heißt nicht notwendig an angebbare Akteur

11:38.610 --> 11:43.030
in rückgebundener Mechanismus, der sich in Diskursen niederschlägt,

11:43.670 --> 11:48.210
unsere Selbstverhältnisse prägt und gesellschaftliche Institutionen

11:48.210 --> 11:54.950
strukturiert und der genau in diesem sich niederschlagenden, prägenden

11:54.950 --> 12:00.230
und strukturierenden Sinne produktiv ist und nicht allein oder in

12:00.230 --> 12:02.190
erster Linie repressiv.

12:03.650 --> 12:08.570
Die Cultural Studies gehen solchen Machtmechanismen, ihrem Entstehen,

12:09.170 --> 12:14.170
ihren Dynamiken und ihren Wirkungen durch möglichst komplexe Analysen

12:14.170 --> 12:14.530
nach.

12:15.570 --> 12:20.170
Im Anschluss an Stuart Hall, der einst den Begriff der Conjunctural

12:20.170 --> 12:25.330
Analysis prägte, auf deutsch wohl am besten als Konstellationsanalyse

12:25.330 --> 12:33.130
übersetzt, erklärt etwa Jeremy Gilbert, Conjunctural Analysis is

12:33.130 --> 12:37.150
sometimes said to be the core activity and objective of Cultural

12:37.150 --> 12:37.690
Studies.

12:37.690 --> 12:40.670
But what do these terms mean?

12:41.430 --> 12:45.750
While all of them require further elaboration, Conjunctural Analysis

12:45.750 --> 12:50.130
can be broadly defined as the analysis of convergent and divergent

12:50.130 --> 12:54.850
tendencies shaping the totality of power relations within a given

12:54.850 --> 12:58.830
social field during a particular period of time.

12:59.510 --> 13:04.230
From this perspective, Cultural Studies might be best understood as a

13:04.230 --> 13:09.030
species of political sociology with an analytical emphasis on the

13:09.030 --> 13:14.270
study of semiotic practices and a heavy bias towards qualitative modes

13:14.270 --> 13:14.910
of analysis.

13:16.170 --> 13:20.710
Its primary objective is to map power relations of all kinds in a

13:20.710 --> 13:24.830
given social field with particular attention to the ways in which

13:24.830 --> 13:28.490
those relations are changing at a given moment.

13:30.590 --> 13:34.590
An ein solches Verständnis einer machtkritischen Kulturwissenschaft

13:34.590 --> 13:38.570
schließt auch die deutschsprachige Rezeption der britischen Cultural

13:38.570 --> 13:43.190
Studies an und macht an genau diesem Punkt ihren politischen Anspruch

13:43.190 --> 13:44.410
und Charakter fest.

13:45.130 --> 13:48.730
So sieht Oliver Marchart die Leistung der Cultural Studies darin,

13:48.830 --> 13:54.270
dass, Zitat, sie die ursprünglich politische Motivation scheinbar

13:54.270 --> 13:57.410
unpolitischer kultureller Handlungen und Phänomene wieder ans

13:57.410 --> 13:58.690
Tageslicht gebracht hat.

13:59.330 --> 14:03.510
Politisch sind diese Handlungen nicht etwa, weil sie ihren Ursprung im

14:03.510 --> 14:07.450
sozialen Subsystem der Politik hätten, sondern politisch sind sie,

14:07.870 --> 14:12.070
weil sie Machtverhältnissen entspringen, die wie ein Netz den gesamten

14:12.070 --> 14:14.790
sozialen Raum überziehen, Zitat Ende.

14:16.230 --> 14:20.110
Vor diesem Hintergrund unternehmen Cultural Studies ihm zufolge den,

14:20.170 --> 14:24.250
Zitat nochmal, Versuch einer Bestimmung der Bedeutung des politischen

14:24.250 --> 14:28.050
für die Kultur und des kulturellen für die Politik.

14:29.490 --> 14:32.650
Und ähnlich argumentieren auch Christina Luther und Markus

14:32.650 --> 14:36.570
Reisenleitner in einem schon etwas älteren Einführungsbuch, wenn sie

14:36.570 --> 14:40.410
den Cultural Studies bescheinigen, ich zitiere, bei der Analyse

14:40.410 --> 14:44.130
kultureller Praktiken nach den Machtverhältnissen zu fragen, innerhalb

14:44.130 --> 14:47.770
derer sie artikuliert werden, nach der Art und Weise wie diese

14:47.770 --> 14:52.190
beschaffen sind, inwieweit sie das konkrete Leben von Menschen

14:52.190 --> 14:56.650
beeinflussen, wodurch sie sich verändern oder wie sie verändert werden

14:56.650 --> 14:57.130
können.

14:58.990 --> 15:02.950
Wichtig ist zu betonen, dass die Analysen der Cultural Studies dabei

15:02.950 --> 15:08.370
nicht allein deskriptiv sind, sondern zudem interventionistisch und

15:08.370 --> 15:10.330
dadurch selbstpolitisch.

15:11.910 --> 15:15.450
Sie intendieren eine möglichst präzise Beschreibung je aktueller

15:15.450 --> 15:19.670
Machtkonstellation nicht um ihrer selbst willen, sondern mit dem Ziel

15:19.670 --> 15:23.870
zur Behebung vorliegender Missstände und damit zu gesellschaftlichen

15:23.870 --> 15:26.050
Transformationsprozessen beizutragen.

15:26.910 --> 15:31.190
Lawrence Grossberg zufolge versuchen sie nämlich, Zitat, die besten

15:31.190 --> 15:35.350
verfügbaren intellektuellen Ressourcen zu verwenden, um zu einem

15:35.350 --> 15:38.870
besseren Verständnis der Machtbeziehungen in einem bestimmten Kontext

15:38.870 --> 15:44.030
zu gelangen, im Glauben, dass ein solches Wissen die Menschen in eine

15:44.030 --> 15:48.410
bessere Position versetzt, den Kontext und damit die Machtbeziehungen

15:48.410 --> 15:49.470
zu verändern.

15:51.150 --> 15:56.830
Auch Grossbergs akademischer Lehrer Stuart Hall hatte ein solchermaßen

15:56.830 --> 16:00.930
politisches Verständnis der kulturwissenschaftlichen Arbeit vertreten

16:00.930 --> 16:06.850
und ich zitiere noch einmal Jeremy Gilbert, The importance of mapping

16:06.850 --> 16:10.710
the specificity of the present, of situating current developments

16:10.710 --> 16:14.870
historically, of looking out for political threats and opportunities,

16:15.310 --> 16:19.170
was always at the heart of Stuart's conception both of cultural

16:19.170 --> 16:23.330
studies as a specific intellectual practice and of the general

16:23.330 --> 16:27.810
vocation of critical and engaged scholarship in the contemporary

16:27.810 --> 16:28.610
world.

16:30.170 --> 16:33.750
Angesichts dieses kritischen, engagierten Wissenschaftsverständnisses

16:33.750 --> 16:37.890
nimmt es wenig Wunder, dass sich Hall in seiner eigenen Forschung in

16:37.890 --> 16:41.210
besonderem Maße gesellschaftlichen Ungleichheitsverhältnissen

16:45.490 --> 16:47.370
beziehungsweise Problemkonstellationen annahm.

16:47.870 --> 16:50.850
Er schrieb über den Neoliberalismus und dessen gesellschaftliche

16:50.850 --> 16:55.550
Implikationen, aber besonders auch über Themenkomplexe, die mit seiner

16:55.550 --> 16:59.770
eigenen Biografie als damarkanischer Einwanderer in Großbritannien

16:59.770 --> 17:00.750
viel zu tun hatten.

17:01.530 --> 17:05.970
Die Nachwirkung des europäischen Kolonialismus, Migration, Rassismus

17:05.970 --> 17:10.210
und Nationalismus, Identität und Identitätspolitik.

17:11.470 --> 17:14.050
Dass er all dies für Menschen gemacht hielt, versteht sich vermutlich

17:14.050 --> 17:14.810
von selbst.

17:15.710 --> 17:19.610
Über Rassismus und Sexismus schrieb er vor bereits knapp über 30

17:19.610 --> 17:24.570
Jahren, ich zitiere ihn, Rassismus wie Sexismus sind Form der

17:24.570 --> 17:25.610
Naturalisierung.

17:26.670 --> 17:30.930
Damit bezeichnete Marx jenen Vorgang, in dem kulturelle und soziale

17:30.930 --> 17:33.510
als natürliche Eigenschaften dargestellt werden.

17:34.510 --> 17:38.890
In dieser Form lässt sich über die kulturellen und sozialen Tatsachen

17:38.890 --> 17:43.110
leicht eine allgemeine Zustimmung organisieren, weil für diese eben

17:43.110 --> 17:46.850
die Evidenz des angeblich Natürlichen spricht.

17:46.850 --> 17:53.890
Zum kritischen Moment einer politischen Kulturwissenschaft gehören

17:53.890 --> 17:58.950
solche Akte der Entnaturalisierung des vermeintlich Natürlichen ebenso

17:58.950 --> 18:02.790
wie weitergehende analytische Anstrengungen, um zu einem besseren

18:02.790 --> 18:05.730
Verständnis der Machtbeziehungen in einem bestimmten Kontext zu

18:05.730 --> 18:06.090
gelangen.

18:07.010 --> 18:11.410
Dies ist oft kein einfaches Unterfangen, denn es liegt keinesfalls auf

18:11.410 --> 18:15.490
der Hand, wie ein solches Verständnis aussehen müsste oder auch nur

18:15.490 --> 18:18.450
auf welchen Grundannahmen es fußen sollte.

18:19.450 --> 18:22.690
Die Machtkonstellationen der Gegenwart und vermutlich auch der Zukunft

18:22.690 --> 18:27.210
sind gerade dadurch gekennzeichnet, dass es sich nicht von selbst

18:27.210 --> 18:30.690
versteht, welche konvergierenden oder divergierenden Tendenzen es

18:30.690 --> 18:35.490
sind, die sie hervorgerufen haben und welche, die sie stabilisieren.

18:36.310 --> 18:40.550
Und so nimmt es wenig Wunder, dass die feministische Kritik, also

18:40.550 --> 18:45.170
jener Wissenschaftszweig, der sich einem besseren Verständnis

18:45.170 --> 18:48.670
vergeschlechtlichter Machtverhältnisse widmet, nicht nur ein

18:48.670 --> 18:52.250
schwieriges, sondern auch alles andere als ein einheitliches

18:52.250 --> 18:53.210
Unterfangen ist.

18:53.890 --> 18:57.890
Damit komme ich zum zweiten Teil, Grundposition der feministischen

18:57.890 --> 18:58.450
Kritik.

18:59.250 --> 19:03.090
Und dazu kriegen Sie eine Tabelle, auf der zwar immer noch vielleicht

19:03.090 --> 19:07.610
etwas sehr viel steht, ich habe aber schon sehr viel rausgekürzt und

19:07.610 --> 19:10.950
wenn man die auf dem Bildschirm hat, geht's hoffentlich.

19:12.130 --> 19:16.130
Diese Tabelle zeigt unterschiedliche Grundpositionen der

19:16.130 --> 19:19.210
feministischen Kritik der vergangenen Jahrzehnte, aber eigentlich auch

19:19.210 --> 19:20.130
der Gegenwart.

19:20.650 --> 19:24.710
Und wie jede Übersicht dieser Art ist sie natürlich nicht vollständig

19:24.710 --> 19:27.250
und auch nicht unangreifbar.

19:27.870 --> 19:31.250
Diverse der hier genannten Positionen sind nämlich zu komplex, als

19:31.250 --> 19:35.470
dass sie ohne Verlust in ein einzelnes Feld eines vergleichsweise

19:35.470 --> 19:38.810
einfachen Schemas gepresst werden könnten.

19:39.590 --> 19:42.510
Außerdem sind die hier genannten Positionen sowohl von

19:42.510 --> 19:46.970
methodologischem Nationalismus als auch von methodologischem

19:46.970 --> 19:48.870
Anthropozentrismus geprägt.

19:49.570 --> 19:54.190
Es fehlen globale, post- und dekoloniale, post-humanistische und öko

19:54.190 --> 19:57.950
-feministische Perspektiven und vermutlich noch einige mehr.

19:58.670 --> 20:01.330
Aber um Vollständigkeit geht es mir hier nicht.

20:01.850 --> 20:06.590
Es geht mir eher um den Aufweis der Heterogenität des Feldes und die

20:06.590 --> 20:12.330
Verdeutlichung seiner vermutlich nicht reduzierbaren Konfliktivität.

20:12.870 --> 20:15.650
Und dass die Dinge noch komplizierter werden, wenn man einen

20:15.650 --> 20:19.610
transnationalen Fokus anlegt, wird dann hoffentlich im dritten Teil

20:19.610 --> 20:21.330
meiner Präsentation deutlich.

20:22.370 --> 20:27.990
Ich werde versuchen, kurz zu erläutern, was hier steht und was sich

20:27.990 --> 20:32.370
hinter diesen verschiedenen Positionen verbirgt und welche

20:32.370 --> 20:34.930
Konsequenzen sich daraus entwickelt haben.

20:35.630 --> 20:40.430
Ganz grob gesprochen kann man sagen, dass es so in den 80er-Jahren,

20:40.510 --> 20:44.150
1980er -Jahren eine große Debatte gab zwischen Gleichheits- und

20:44.150 --> 20:48.610
Differenzansätzen und dass dann zwar schon früher formuliert wurde,

20:48.730 --> 20:52.690
aber in den Mainstream der Gender Studies vorgerückt sind,

20:52.790 --> 20:58.050
intersektionale und queere Ansätze, so ab den 1990er-Jahren.

20:58.130 --> 21:02.570
Wie gesagt, alles mit Vorsicht zu genießen, diese zeitlichen

21:02.570 --> 21:03.130
Einteilungen.

21:03.650 --> 21:07.550
Die Grundannahme der gleichheitsfeministischen Positionen ist erstmal,

21:07.730 --> 21:10.370
dass Frauen und Männer gleich sind, aber unterschiedlich behandelt

21:10.370 --> 21:11.910
werden und dass das problematisch ist.

21:12.430 --> 21:19.610
Und es gibt eine ganz alte Einteilung von Alison Jagger aus den 1980er

21:19.610 --> 21:23.470
-Jahren, die die Gleichheitspositionen untergliedert hat, in die drei,

21:23.610 --> 21:27.610
die hier aufgelistet sind, liberale Feminismen, radikale Feminismen

21:27.610 --> 21:29.170
und sozialistische Feminismen.

21:29.450 --> 21:33.930
Die sind alle drei sozusagen diesem Gleichheitscamp zugeordnet, haben

21:33.930 --> 21:37.630
aber jeweils unterschiedliche Schwerpunktsetzungen in der Analyse,

21:37.810 --> 21:41.750
aber zum Teil auch dann in den praktischen Zielen.

21:42.710 --> 21:48.490
Der liberale Feminismus tendiert zunächst mal gleiche Rechte und

21:48.490 --> 21:52.230
Partizipationschancen für Männer und Frauen in der Öffentlichkeit und

21:52.230 --> 21:53.670
zum Teil auch im Privaten.

21:53.750 --> 21:57.930
Und das ist deshalb interessant, weil er damit letztlich die eine

21:57.930 --> 22:02.930
Grundannahme des Liberalismus, nämlich dass öffentlich und privat

22:02.930 --> 22:05.170
getrennt ist, selbst unterläuft.

22:06.110 --> 22:09.490
Aber das machen feministische Ansätze oft, dass diejenigen

22:09.490 --> 22:12.950
Kategorisierungen, die sie eingruppiert werden, auf, finde ich, jetzt

22:12.950 --> 22:15.230
interessante Weise unterlaufen.

22:15.910 --> 22:20.150
Die Strategien sind welche, die hinlänglich bekannt sind, wenn man

22:20.150 --> 22:23.510
sich mit öffentlicher Geschlechterpolitik auch hierzulande so ein

22:23.510 --> 22:26.090
bisschen auseinandersetzt, zum Beispiel Quotierungen,

22:26.630 --> 22:29.230
Frauenförderpläne, Gleichstellungsrichtlinien.

22:29.930 --> 22:35.370
Und bezogen auf die privaten Fragen oder diese Diffundierung oder

22:35.370 --> 22:39.830
dieses Flüssigmachen der Differenzlinie wird aber auch gefordert,

22:39.930 --> 22:43.690
sozusagen von dieser Richtung, öffentlich organisierte

22:43.690 --> 22:46.470
Kinderbetreuung, zum Beispiel ein Recht auf Kita-Plätze.

22:46.650 --> 22:50.270
Und damit wird eine vormals private Aufgabe zu einer öffentlichen

22:50.270 --> 22:50.770
erklärt.

22:51.850 --> 22:55.530
Radikale feministische Positionen sehen Frauen erst mal in einer

22:55.530 --> 22:58.910
patriarchalen Gesellschaft unterdrückt, in der Formulierung von

22:58.910 --> 23:03.270
Katherine McKinn, die eine sehr wichtige Vertreterin dieser Richtung

23:03.270 --> 23:06.610
ist, liegt das an der Sexualisierung von Frauen in einem sehr, sehr

23:06.610 --> 23:11.090
weiten Sinne, im Grunde in einer Reduzierung auf Körperlichkeit und

23:11.090 --> 23:15.190
das in ihrer Funktion zur männlichen Lustbefriedigung.

23:17.110 --> 23:20.510
In Deutschland, würde ich sagen, ist Alice Schwarzer die wichtigste

23:20.510 --> 23:22.570
Vertreterin des radikalen Feminismus.

23:23.190 --> 23:26.790
Und hier ist das Ziel, die Befreiung von Frauen, und zwar in einem

23:26.790 --> 23:30.130
ersten Schritt durch Bewusstwerdung der eigenen Situation als

23:30.130 --> 23:32.850
politisch und nicht als jeweils individuelles Los.

23:33.750 --> 23:37.990
Und in einem nächsten Schritt durch politische und rechtliche

23:37.990 --> 23:38.670
Veränderungen.

23:38.750 --> 23:43.010
Es gab ein paar wichtige politische Fragen bzw.

23:43.350 --> 23:47.410
Themen, die in diesem Sinne angegangen wurden.

23:47.530 --> 23:51.430
Manche sind auch sehr kontroverse Themen, zum Beispiel Antipornografie

23:51.430 --> 23:58.810
-Gesetze, aber auch vielleicht weniger kontrovers im Kontext des

23:58.810 --> 24:03.350
Feminismus, Kämpfe um ein Recht auf Schwangerschaftsabbruch.

24:05.450 --> 24:09.410
Und wenn man jetzt Schwarzer oder McKinn nimmt, die kämpfen auch stark

24:09.410 --> 24:13.170
gegen Prostitution und möchten das verbieten.

24:13.630 --> 24:17.170
Und wie gesagt, da haben sich komplexe Debatten zuentwickelt.

24:17.310 --> 24:21.010
Aber die Idee wäre rechtliche Veränderungen und dadurch eine

24:21.010 --> 24:21.730
Verbesserung.

24:22.710 --> 24:25.570
Der sozialistische Feminismus ist letztlich entstanden aus einer

24:25.570 --> 24:29.470
kritischen Auseinandersetzung mit dem Marxismus und dessen

24:29.470 --> 24:34.050
Unterthematisierung, Dethematisierung und in so ein paar Varianten

24:34.050 --> 24:41.450
sozusagen nicht wirkliche Ernstnahme der Geschlechterfrage als

24:41.450 --> 24:42.430
Nebenwiderspruch.

24:42.690 --> 24:46.890
Und hier ist die Idee, dass eine Verbesserung der Situation von Frauen

24:46.890 --> 24:51.690
durch gesellschaftlichen ökonomischen Umbau nötig ist, weil nämlich

24:51.690 --> 24:55.530
die letztlich ökonomischen Verhältnisse eine Unterordnung von Frauen

24:55.530 --> 24:57.270
begünstigen bzw.

24:57.650 --> 24:58.330
erzeugen.

24:58.970 --> 25:05.190
Und das Ziel ist dann eine Verbesserung der Situation von Frauen durch

25:05.190 --> 25:09.370
einen solchen Umbau, aber auch und das besonders in aktuellen Ansätzen

25:09.370 --> 25:11.970
eine theoretische und politische Anerkennung der gesellschaftlich

25:11.970 --> 25:15.830
essentiellen Rolle reproduktiver Tätigkeiten, also von Care

25:15.830 --> 25:18.310
-Tätigkeiten als Arbeit.

25:18.690 --> 25:23.390
Und eine Analyse der Ökonomie sieht anders aus und der Gesellschaft,

25:23.970 --> 25:29.410
wenn man die reproduktiven Tätigkeiten als essenziell für das

25:29.410 --> 25:32.470
Funktionieren des Gesamtgeschehens versteht.

25:33.810 --> 25:39.550
Das sind Gleichheitsansätze, etwas verkürzt und holterdiepolter, aber

25:39.550 --> 25:44.230
dennoch in den, wie ich finde oder wie ich das einschätze, zentralen

25:44.230 --> 25:44.630
Zügen.

25:44.970 --> 25:49.850
Die wurden nun von Differenzfeministinnen dafür kritisiert, dass sie

25:49.850 --> 25:52.930
letztlich androzentrisch seien, dass sie nämlich eigentlich eine

25:52.930 --> 25:55.970
kritiklose Anpassung an männlich geprägte Lebens- und

25:55.970 --> 26:00.490
Vorstellungswelten darstellen würden.

26:00.710 --> 26:04.450
Und hier ist die Grundannahme erstmal, Frauen und Männer unterscheiden

26:04.450 --> 26:04.690
sich.

26:04.850 --> 26:09.530
Manche dieser Ansätze führen die Unterschiede tatsächlich doch auf

26:09.530 --> 26:13.330
körperliche Funktionen zurück, die meisten aber auf

26:13.330 --> 26:24.400
Sozialisationsprozesse und problematisieren das in den meisten

26:24.400 --> 26:29.160
Gesellschaften Aspekte, die traditionellerweise Frauen zugeordnet

26:29.160 --> 26:32.520
beziehungsweise mit Weiblichkeit assoziiert werden, wie etwa

26:32.520 --> 26:37.740
Fürsorglichkeit, Friedensliebe, Naturverbundenheit unterbewertet

26:37.740 --> 26:42.980
werden und nicht den Stellenwert haben, den sie haben sollte, was dann

26:42.980 --> 26:48.340
eben auch mit einer Abwertung von Frauen, die diese Werte verkörpern,

26:48.400 --> 26:49.720
bedeutet.

26:50.000 --> 26:53.000
Und es gibt hier ganz unterschiedliche Ziele, die nebeneinander

26:53.000 --> 26:56.880
herstehen können, zum Teil, die konkurrieren eigentlich nicht.

26:57.360 --> 27:01.060
Es gibt das Ziel der Aufwertung und stärkeren Integration des

27:01.060 --> 27:03.560
Weiblichen in Gesellschaft und Öffentlichkeit.

27:04.120 --> 27:07.780
Und ein Beispiel, und das finde ich ganz interessant, ist eine

27:07.780 --> 27:09.240
Forderung von Quotierung.

27:09.360 --> 27:13.740
Hier wird aber dann eine Quote nicht gefordert, weil es gerechter ist,

27:13.840 --> 27:17.660
wenn zum Beispiel in einem Aufsichtsrat Männer und Frauen zu gleichen

27:17.660 --> 27:22.880
Anteilen vertreten sind, sondern, und in den Debatten um eine

27:22.880 --> 27:25.400
Quotierung von Aufsichtsräten vor ein paar Jahren in Deutschland,

27:25.700 --> 27:29.140
wurden diese Argumente immer wieder gebracht, da man davon ausgeht,

27:29.200 --> 27:33.120
dass Frauen anders wirtschaften, im Zweifelsfall vorsichtiger sind und

27:33.120 --> 27:33.940
nicht so zocken.

27:34.520 --> 27:38.480
In jedem Falle wird da eine spezifische Disposition Frauen

27:38.480 --> 27:42.800
zugeschrieben und erwartet einen anderen Ausgang, ein anderes Ergebnis

27:42.800 --> 27:45.760
der Handlung einer Institution, in der mehr Frauen sind.

27:46.100 --> 27:49.680
Das ist dem liberalen Feminismus eigentlich erst mal egal, denn da

27:49.680 --> 27:53.760
geht es darum, den Zugang gerecht zu gestalten und nicht, eine

27:53.760 --> 27:58.440
Großgruppe durch die informelle Männerquote vom Zugang abzuhalten.

27:59.020 --> 28:02.740
Aber was da hintenbei rauskommt sozusagen, ist da irrelevant oder

28:02.740 --> 28:07.540
zweitrangig und die differenzfeministische Quotenargumentation ist

28:07.540 --> 28:09.580
eigentlich output-orientiert.

28:10.500 --> 28:13.660
Eine andere Strategie ist eine gesellschaftliche Anerkennung der

28:13.660 --> 28:17.560
Geschlechterdifferenz und der weiblichen Sphäre, zum Beispiel Lohn für

28:17.560 --> 28:18.300
Hausarbeit.

28:18.720 --> 28:22.620
Das ist eine alte Debatte aus den 70er-Jahren und den 80er-Jahren, die

28:22.620 --> 28:24.500
jetzt zum Teil wieder aufgegriffen wird.

28:25.020 --> 28:31.640
Interessant ist das wiederum, weil das auch an letztlich konservative

28:31.640 --> 28:33.060
Politiken anschließt.

28:33.140 --> 28:37.440
Also sowas Ähnliches wie Lohn für Hausarbeit, nämlich an

28:37.440 --> 28:41.220
Betreuungsgeld, hat die CSU gefordert bzw.

28:43.340 --> 28:47.900
gibt es mit dem Betreuungsgeld in Bayern.

28:47.900 --> 28:54.120
Und da ist sozusagen eine Konvergenz zwischen, würde ich jetzt sagen,

28:54.200 --> 28:58.580
nicht -feministischen, konservativen Forderungen, die an ein

28:58.580 --> 29:04.080
traditionelles Geschlechterverhältnis stützen und diesen

29:04.080 --> 29:06.520
differenzfeministischen Überlegungen.

29:06.580 --> 29:08.020
Da gibt es eine Konvergenz.

29:08.560 --> 29:11.600
Eine dritte Strategie ist eine Schaffung von Freiräumen für Frauen,

29:12.140 --> 29:13.520
Stichwort Separation.

29:13.700 --> 29:22.000
Das kann reichen von Frauen-Buchläden und Cafés und so weiter bis hin

29:22.000 --> 29:26.000
zu Kommunen oder anderen Lebensformen.

29:27.820 --> 29:32.060
Und die Gleichheits-Differenz-Debatte war natürlich nicht nur

29:32.060 --> 29:34.780
einseitig, sondern die Gleichheitsfeministinnen haben auch den

29:34.780 --> 29:39.580
Differenzfeministen vorgeworfen, eine nicht optimale Position zu

29:39.580 --> 29:40.120
vertreten.

29:40.200 --> 29:45.100
Und da war der Vorwurf in der Regel, dass das eigentlich eine

29:45.100 --> 29:49.800
kritiklose Affirmation des vermeintlich Weiblichen, dessen, was

29:49.800 --> 29:55.840
gesamtgesellschaftlich in einer nicht geschlechtergerechten Welt immer

29:55.840 --> 29:59.220
mit dem Weiblichen assoziiert wird, dass das hier kritiklos affirmiert

29:59.220 --> 29:59.540
würde.

30:00.080 --> 30:03.000
Und es wurde zum Teil Essentialismus vorgeworfen.

30:03.140 --> 30:06.740
Das läuft im Rande auf das Gleiche raus.

30:07.060 --> 30:10.680
Also der Vorwurf lief hinaus auf eine Weiterführung überkommender

30:10.680 --> 30:14.900
Geschlechterdualismen, anstatt diese zu unterbrechen.

30:16.800 --> 30:18.420
Intersektionalität und Queer.

30:18.900 --> 30:23.400
Intersektionale Ansätze haben einen Ursprung.

30:24.560 --> 30:28.760
Die kommen jetzt nicht nur aus den USA, aber sind da sehr, sehr stark

30:28.760 --> 30:36.140
formuliert worden von afroamerikanischen Feministinnen, die sagten,

30:36.140 --> 30:41.260
unsere Unterdrückungssituation ist nicht eine Unterdrückung als Frauen

30:41.260 --> 30:43.340
oder als schwarze Personen.

30:43.640 --> 30:46.580
Es ist einfach nicht analytisch zu differenzieren.

30:46.680 --> 30:49.820
Wir werden als schwarze Frauen benachteiligt, diskriminiert.

30:50.400 --> 30:55.180
Und eine politische Strategie, die ständig sagt, ihr müsst euch für

30:55.180 --> 30:58.620
das eine oder für das andere entscheiden, ihr müsst sagen können, ist

30:58.620 --> 31:02.960
das jetzt eine sexistische Diskriminierung oder eine rassistische, die

31:02.960 --> 31:03.780
zieht da nicht.

31:04.920 --> 31:13.500
Und was das als sozusagen Implikation auf so einer ganz generellen

31:13.500 --> 31:17.300
geschlechtertheoretischen Ebene mit sich führt, ist einerseits, dass

31:17.300 --> 31:22.320
Machtverhältnisse und Differenzen auch innerhalb der Genusgruppen,

31:22.400 --> 31:25.000
also innerhalb der Gruppe der Männer, innerhalb der Gruppe der Frauen

31:25.000 --> 31:27.640
und wenn man weiterdenkt, innerhalb der Gruppe derer, die als divers

31:27.640 --> 31:31.560
kategorisiert werden oder sich kategorisieren, dass auch innerhalb

31:31.560 --> 31:34.320
dieser Gruppen Differenzen und Machtverhältnisse bestehen anhand

31:34.320 --> 31:36.780
unterschiedlichster Differenzmarker.

31:37.040 --> 31:44.000
Das kann sein Klasse, das kann sein Rasse in einzelnen Strichen und

31:44.000 --> 31:47.620
Ethnizität, Religion, Alter und verschiedene andere Dinge.

31:49.460 --> 31:54.460
Und damit ging dann gleichzeitig aber auch einher eine Absage, also

31:54.460 --> 31:59.760
ein Verabschiedung der Idee, dass es einfach sei, alle Frauen

31:59.760 --> 32:04.580
betreffende feministische Ziele zu entwerfen, einerseits, mit denen

32:04.580 --> 32:08.140
sich alle tatsächlich identifizieren können als die primären Ziele.

32:09.140 --> 32:13.580
Und es ging außerdem dann mit einher eine Absage an einen, sagen wir

32:13.580 --> 32:17.640
mal, auf reine, in Anführungsstrichen, Geschlechterfragen beschränkten

32:17.640 --> 32:18.320
Feminismus.

32:18.440 --> 32:22.020
Denn wenn mein zentrales Problem ist, dass ich als Frau rassistisch

32:22.020 --> 32:24.820
diskriminiert würde, als schwarze Frau kann ich nicht sagen, die

32:24.820 --> 32:27.680
zentralen Probleme sind zum Beispiel welche, die mit Reproduktion

32:27.680 --> 32:28.820
zusammenhängen.

32:31.320 --> 32:35.980
Und was Strategien angeht, beziehungsweise Implikationen, ist auch

32:35.980 --> 32:38.900
hier einiges Unterschiedliches zu nennen.

32:39.400 --> 32:46.260
Einerseits führt es zum Teil zu Identitätspolitik für bzw.

32:46.560 --> 32:49.840
von und für eine spezifische Gruppe von Frauen.

32:50.940 --> 32:54.640
Es kann aber auch zu Themen zentrierter Bündnispolitik führen, wenn

32:54.640 --> 32:57.900
man davon ausgeht, wir können jetzt nicht als Frauen Politik machen,

32:58.280 --> 33:02.860
können wir aber als Personen, die sich mit einem feministischen Kampf

33:02.860 --> 33:06.640
assoziieren, gemeinsam zu bestimmten Themen Politik machen.

33:07.460 --> 33:12.400
Und eine weitere sozusagen Implikation, die daraus folgen kann, nicht

33:12.400 --> 33:16.120
notwendig muss, ist ein Kampf gegen alle Formen der Unterdrückung.

33:16.240 --> 33:23.000
Und ein paar neuere Ausformulierungen des Anarcha-Feminismus gehen in

33:23.000 --> 33:23.580
diese Richtung.

33:23.720 --> 33:27.740
Und da geht es dann darum, letztlich alle Formen der Unterdrückung zu

33:27.740 --> 33:35.920
bekämpfen und das eben aus den intersektionalen Einsichten nicht

33:35.920 --> 33:37.520
zuletzt abzuleiten.

33:38.820 --> 33:40.940
Der Queer-Feminismus bzw.

33:42.040 --> 33:47.140
dekonstruktivistische Positionen kritisieren, problematisieren vor

33:47.140 --> 33:51.440
allem Heteronormativität und Zweigeschlechtlichkeit als vom Menschen

33:51.440 --> 33:54.660
gemacht, als sozial bedingt und eben nicht natürlich.

33:55.740 --> 34:02.220
Und die Ziele sind dann eine Veruneindeutigung, eine

34:02.220 --> 34:06.320
Enthierarchisierung, eine Dynamisierung von

34:06.320 --> 34:07.720
Geschlechterkategorisierung.

34:08.020 --> 34:12.540
Und neuere Ansätze problematisieren nicht nur Heteronormativität, also

34:12.540 --> 34:17.220
sozusagen die Norm, dass Heterosexuelles, Begehren und Lebensweisen

34:17.220 --> 34:21.940
das Normale seien, alles andere nicht, sondern auch das, was

34:21.940 --> 34:25.200
Homonormativität genannt wird, nämlich dass gleichgeschlechtliche

34:25.200 --> 34:30.960
Lebensweisen okay sind, solange sie dem heterosexuellen Ehemodell

34:30.960 --> 34:33.620
entsprechen, aber alles andere weiterhin nicht.

34:34.340 --> 34:38.280
Und im Zusammenhang der Zweigeschlechtlichkeit, die ja jetzt auch

34:38.280 --> 34:42.120
rechtlich in vielen Ländern kippt, wenn dritte Geschlechter eingeführt

34:42.120 --> 34:46.220
werden, wird eine Cis-Normativität problematisiert.

34:46.660 --> 34:50.860
Also, dass als normal gilt, dass man mit dem Geschlecht, das man bei

34:50.860 --> 34:55.160
Geburt zugeschrieben bekam, tatsächlich auch einverstanden ist und das

34:55.160 --> 34:57.300
nicht weiter schwierig oder problematisch findet.

34:57.900 --> 35:02.400
Das geht vielen Menschen zwar so, dass das nicht weiter anstößig

35:02.400 --> 35:07.020
erscheint, aber alle Transmenschen sind davon ausgenommen, dass das so

35:07.020 --> 35:07.740
einfach wäre.

35:07.940 --> 35:11.720
Und auch hier wird sozusagen, geht der Kampf und die Problematisierung

35:11.720 --> 35:13.900
und die Kritik ständig weiter.

35:15.120 --> 35:18.960
Das war diese Tabelle.

35:22.730 --> 35:25.050
Und nun stellt sich... ach so, genau.

35:26.550 --> 35:31.190
Also 90er-Jahre gab es riesige Debatten zwischen, in Deutschland

35:31.190 --> 35:34.630
besonders, zwischen Queerfeminismus und vor allem

35:34.630 --> 35:40.830
Gleichheitsfeminismus, die entbrannten an der Rezeption von Judith

35:40.830 --> 35:42.490
Butlers Buch Gender Trouble.

35:43.330 --> 35:49.990
Und da gab es verschiedene Stränge dieser Problematisierung und

35:49.990 --> 35:50.490
Kritik.

35:50.890 --> 35:54.170
Einerseits ist natürlich eine Uneindeutigung der herkömmlichen

35:58.410 --> 36:01.210
Geschlechterkategorien unangenehm, wenn man Frauenpolitik machen will,

36:01.270 --> 36:02.890
zum Beispiel Frauenquoten fördert.

36:03.050 --> 36:06.070
Wenn man Frauenquoten fördert und dann welche daherkommen und sagen,

36:06.190 --> 36:09.530
aber mal über Frauen reden ist ein Problem, gibt es sozusagen

36:09.530 --> 36:11.090
konstitutiven Konflikt.

36:11.510 --> 36:12.590
Das war die eine Sache.

36:13.230 --> 36:16.970
Und viele sozialistische Feministinnen oder sozusagen dem Marxismus

36:16.970 --> 36:21.130
verschriebene Feministinnen haben problematisiert, dass mit dem

36:21.130 --> 36:24.590
Queerfeminismus Fragen von Sexualität, von Begehren, von

36:24.590 --> 36:27.970
geschlechtlicher Identität in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung

36:27.970 --> 36:35.010
rückten und Fragen der geschlechtlichen Arbeitsteilung und andere

36:35.010 --> 36:39.330
sozusagen eher klassische politische Problematisierungen damit erst

36:39.330 --> 36:42.470
mal aus dem Blickfeld rückten oder zurückenschienen für eine Weile.

36:42.610 --> 36:47.690
Mein Eindruck wäre, dass mittlerweile sich einiges neu verbindet und

36:47.690 --> 36:51.550
ich halte das eigentlich für gut.

36:51.850 --> 36:56.030
Denn in der Tat stellt sich die Frage, was von dieser Positionvielfalt

36:56.030 --> 36:58.790
und den Binnen-Feministischen Kontroversen zu halten ist.

36:59.330 --> 37:03.210
Man könnte die These vertreten, sie seien unterm Strich eine Schwäche,

37:04.010 --> 37:06.190
denn sie schwächten die feministische Bewegung.

37:06.250 --> 37:09.330
Und diese Kontroverse, die ich gerade aufgezeigt habe, die könnte man

37:09.330 --> 37:11.930
so interpretieren, als dass sie das eine Weile getan haben.

37:12.950 --> 37:16.610
Aus einer Cultural Studies Perspektive drängt sich hingegen eine

37:16.610 --> 37:21.130
andere Lesart auf, nämlich die, dass hier analytisch seriös und

37:21.130 --> 37:25.130
politisch engagiert um ein adäquates Verständnis komplexer

37:25.130 --> 37:29.470
Machtverhältnisse gerungen wird, um über eine überzeugende Analyse der

37:29.470 --> 37:32.890
geschlechterpolitischen Konstellation in möglichst umfassenden Sinne,

37:33.350 --> 37:39.610
das heißt ein Gedenk aller der sie konstituierenden Aspekte also um

37:39.610 --> 37:40.370
die zu bekommen.

37:41.170 --> 37:44.570
Entscheidend ist bei dieser Lesart dann nicht, wer die skizzierten

37:44.570 --> 37:46.350
Kontroversen gewinnt.

37:46.690 --> 37:51.590
Entscheidend und de facto eine Stärke ist bei dieser Lesart eher das

37:51.590 --> 37:56.470
Zusammenspiel der unterschiedlichen Ansätze, das Gesamtbild der

37:56.470 --> 38:00.270
geschlechterpolitischen Konstellation, dass die verschiedenen Elemente

38:00.270 --> 38:03.690
wie in einem Puzzle oder einem Mosaik trotz aller Lücken,

38:03.810 --> 38:07.230
Überlagerungen und gegenseitigen Irritationen ergeben.

38:08.490 --> 38:11.510
Wenn die, wenn die Lage in der Welt kompliziert und verworren ist,

38:11.610 --> 38:15.290
liegt es nahe, dass auch eine kritische Analyse dieser Lage komplex

38:15.290 --> 38:15.990
ausfällt.

38:16.630 --> 38:20.470
Und zumindest scheint mir jetzt eine solche Komplexität eher ein

38:21.430 --> 38:23.850
Qualitätsnachweis als ein Nachteil zu sein.

38:25.010 --> 38:29.230
Damit komme ich zum dritten Teil, Feminismus, die Religion und

38:29.230 --> 38:31.570
Religionskritik, Work in Progress.

38:32.290 --> 38:33.250
Das ist der Titel.

38:34.190 --> 38:37.830
Und Work in Progress ist im Titel aus zwei Gründen.

38:38.030 --> 38:41.410
Zum einen, weil ich denke, dass die feministische Theorie und Politik

38:41.410 --> 38:45.370
in ihrem kritischen Verhältnis zur Religion einen Schritt weiterkommen

38:45.370 --> 38:45.790
sollte.

38:46.630 --> 38:49.730
Und zum anderen, weil ich selbst erst vor kurzem mit dem Versuch

38:49.730 --> 38:53.590
begonnen habe, hierzu beizutragen, weshalb die folgenden Überlegungen

38:53.590 --> 38:57.970
auch für mich selbst Work in Progress sind und damit eher tentativ als

38:57.970 --> 38:59.410
wasserdicht oder abgeschlossen.

39:00.510 --> 39:02.050
Worum geht es?

39:02.850 --> 39:07.070
Meiner Wahrnehmung nach befinden, befinden wir uns, und wir ist in

39:07.070 --> 39:11.130
diesem Fall der feministische Diskurs im deutschsprachigen Raum, also

39:11.130 --> 39:13.650
meiner Wahrnehmung nach befinden wir uns mit Blick auf die

39:13.650 --> 39:18.170
Thematisierung von Religion in einer unguten Lage, die es, so mein

39:18.170 --> 39:20.050
Postulat, zu ändern gilt.

39:20.430 --> 39:24.330
Und drei Faktoren tragen zu dieser Lage bei.

39:29.350 --> 39:33.610
Erstens stehen die großen, einflussreichen Religionen kaum an der

39:33.610 --> 39:37.770
vorderen Front feministischer Kämpfe, sondern stützen im Gegenteil

39:37.770 --> 39:41.910
allzu oft asymmetrische Geschlechtermodelle, die zum einen Frauen

39:41.910 --> 39:46.450
Männern unterordnen und zum anderen queere Lebensweisen normativ

39:46.450 --> 39:47.190
abwerten.

39:48.090 --> 39:52.190
Feministische Theologinnen und im Falle des Islam auch Kolleginnen

39:52.190 --> 39:56.310
anderer Disziplinen problematisieren diese Asymmetrien von innen

39:56.310 --> 40:00.810
heraus, das heißt aus einer religiösen, in der eigenen

40:00.810 --> 40:03.450
Glaubensgemeinschaft verankerten Perspektive.

40:04.510 --> 40:08.410
In den nicht-theologischen Zweigen des feministischen Diskurses kommen

40:08.410 --> 40:12.090
diese Arbeiten allenfalls, dass es daran liegt, dass die nicht

40:12.090 --> 40:16.190
-theologischen Zweige des feministischen Diskurses mehrheitlich

40:16.190 --> 40:22.250
areligiös und eher auf staatliche als auf religiöse Institutionen,

40:22.290 --> 40:23.750
Rechte und Normen gerichtet sind.

40:24.530 --> 40:28.170
Und zum anderen, weil man nicht in allen Glaubensgemeinschaften alles

40:28.170 --> 40:31.990
öffentlich äußern kann, wenn man langfristig lernt und forschen und

40:31.990 --> 40:32.850
tätig sein will.

40:34.010 --> 40:37.450
Das zumindest hat mir vor etwa zwei Jahren mal eine katholische

40:37.450 --> 40:41.050
Theologin aus dem sogenannten Akademischen Mittelbau erzählt, die

40:41.050 --> 40:44.390
darüber nachdachte, eine von ihr verfasste kritische Analyse des

40:44.390 --> 40:48.550
katholischen Priesterinnenverbots allenfalls unter Pseudonym zu

40:48.550 --> 40:49.410
veröffentlichen.

40:50.170 --> 40:54.030
Eine Professur für katholische Theologie ist an den staatlichen Unis

40:54.030 --> 40:58.850
in Deutschland ohne nihil obstat aus Rom, also ohne vatikanische

40:58.850 --> 41:02.130
Unbedenklichkeitserklärung, nicht zu haben.

41:02.850 --> 41:07.050
Und die betreffende Person befürchtete, dass ihre theologische Kritik

41:07.050 --> 41:11.090
des systematischen Ausschlusses von Frauen, den die katholische Kirche

41:11.090 --> 41:14.810
bei der Besetzung ihrer wichtigen Ämter praktiziert, ein solches

41:14.810 --> 41:16.910
Attest unwahrscheinlich machen würde.

41:18.770 --> 41:20.010
Zweiter Punkt.

41:22.070 --> 41:26.510
Zweitens gibt es unterschiedliche transnationale wie auch lokale

41:26.510 --> 41:31.230
Allianzen zwischen konservativen bis rechten religiösen Kräften und

41:31.230 --> 41:36.130
rechten Parteien und zwar durchaus auch konfessionsübergreifend.

41:37.130 --> 41:41.550
Bindeglied ist nicht zuletzt der Antifeminismus dieser Akteure, ihr

41:41.550 --> 41:45.350
oft polemischer Einsatz gegen alles, was Gender im Namen trägt.

41:45.850 --> 41:49.850
Im Kontext der Weltfrauenkonferenz in Peküng 1995 war das noch die

41:49.850 --> 41:53.550
Aktionsplattform, die in der EU in den folgenden Jahren zur

41:53.550 --> 41:56.830
Verankerung des Gender Mainstreaming führte, das heißt zur

41:56.830 --> 42:02.050
Verpflichtung öffentlicher Einrichtungen bei allen gesellschaftlichen

42:02.050 --> 42:06.430
und politischen, also in dem Fall dann behördlichen Vorhaben, die

42:06.430 --> 42:09.650
unterschiedlichen Auswirkungen auf die Lebenssituation und Interessen

42:09.650 --> 42:12.910
von Frauen und Männern grundsätzlich und systematisch zu

42:12.910 --> 42:13.790
berücksichtigen.

42:15.950 --> 42:20.550
Das hat unter anderem der Vatikan massiv, der hat bei dieser

42:20.550 --> 42:24.150
Weltfrauenkonferenz in Peking massiv gegen Gender polemisiert, ein

42:24.150 --> 42:25.970
paar andere Religionsgemeinschaften auch.

42:26.950 --> 42:30.710
Mittlerweile spricht sich der Vatikan ganz generell aus gegen Gender

42:30.710 --> 42:35.670
als, Zitat, Ideologie, die den Unterschied in der Natur eines Mannes

42:35.670 --> 42:39.590
und einer Frau leugnet und eine Gesellschaft ohne geschlechtliche

42:39.590 --> 42:44.210
Unterschiede vorsieht und somit die anthropologische Grundlage der

42:44.210 --> 42:46.810
Familie eliminiert, Zitat Ende.

42:47.410 --> 42:52.310
Das ist aus einem Dokument namens Als Mann und Frau erschuf er sie aus

42:52.310 --> 42:57.430
dem letzten Jahr und heraus, also verfasst hat dieses Dokument die

42:57.430 --> 43:00.130
Bildungskongregation des Vatikan.

43:01.370 --> 43:05.990
Hier wird sehr deutlich, worum es bei dem Einsatz gegen Feminismus und

43:05.990 --> 43:09.610
Genderideologie, Zitat Vatikan, geht.

43:10.170 --> 43:12.810
Es ist ein Kampf gegen die Erosion traditioneller

43:12.810 --> 43:16.050
Geschlechterverhältnisse und Familienkonstellationen.

43:16.870 --> 43:20.570
Und der Vatikan ist bei weitem nicht der einzige religiöse Akteur auf

43:20.570 --> 43:21.290
diesem Terrain.

43:22.250 --> 43:26.070
Auch evangelikale Kirchen sind hier stark involviert, vor allem in den

43:26.070 --> 43:29.890
USA, jedoch auch in lateinamerikanischen und afrikanischen Ländern,

43:30.510 --> 43:32.930
oftmals mit transnationalen Verbindungen.

43:34.010 --> 43:38.910
Es ist ganz interessant, es ist wohl nachgewiesen, dass beispielsweise

43:38.910 --> 43:45.590
US -amerikanische evangelikale Kirchen rechte Parteien beim letzten EU

43:45.590 --> 43:47.250
-Wahlkampf unterstützt haben.

43:47.410 --> 43:49.870
Also die Verbindungen gehen auch in die Politik hinein.

43:51.470 --> 43:53.950
Aber es gibt noch ein weiteres Feld.

43:54.950 --> 43:59.110
Säkulare Feministinnen in Pakistan problematisieren nämlich einen

43:59.110 --> 44:02.330
Saudi - imperialismus, das heißt die Verbreitung der

44:02.330 --> 44:06.470
geschlechterpolitisch reaktionären wahhabitischen Lehre in ihrem Land,

44:06.930 --> 44:09.630
nicht zuletzt durch die Finanzierung religiöser Schulen.

44:10.630 --> 44:15.370
Beim diesjährigen Aurat-March, den feministischen Demonstrationen zum

44:15.370 --> 44:16.570
Weltfrauentag am 8.

44:16.730 --> 44:21.170
März, kam es in Islamabad zu massiver Gewalt durch Akteure der

44:21.170 --> 44:22.830
religiösen Rechten.

44:23.750 --> 44:27.810
Und eine antifeministische Gegendemonstration brachte Frauen aus

44:27.810 --> 44:31.330
rechtsgerichteten islamistischen Parteien, einer islamistischen

44:31.330 --> 44:34.370
Moschee und religiösen Schulen auf die Straße.

44:35.810 --> 44:40.850
Drittens, die Bundesrepublik ist nicht säkular, zumindest dann nicht,

44:40.910 --> 44:44.230
wenn man unter säkular eine Trennung von Kirche und Staat versteht.

44:44.830 --> 44:47.850
Und die Formulierung Kirche und Staat zeigt bereits an, dass die

44:47.850 --> 44:51.190
Religion, mit der unser Staat verwoben ist, in erster Linie das

44:51.190 --> 44:56.070
Christentum ist, Katholizismus und lutherische reformierte und unierte

44:56.070 --> 44:57.810
Spielarten des Protestantismus.

44:59.190 --> 45:01.650
Neben der christlichen Mehrheitsregion gibt es kleinere

45:01.650 --> 45:05.530
Religionsgemeinschaften sowie leider eine lange Tradition von

45:05.530 --> 45:09.410
religionsbasierter Diskriminierung und Verfolgung.

45:10.490 --> 45:13.270
Antisemitische Straftaten haben den vergangenen Jahren wieder

45:13.270 --> 45:18.570
empfindlich zugenommen und antimuslimischer Rassismus ist seit 9-11

45:18.570 --> 45:19.330
ein Thema.

45:20.150 --> 45:23.710
Und dass er in erster Linie ein neues Gewand der bereits älteren

45:23.710 --> 45:26.970
Ausländerfeindlichkeit sein mag, macht nichts besser.

45:28.270 --> 45:31.130
Und freilich sind diese Zusammenhänge hindernlich bekannt.

45:31.310 --> 45:34.450
Ich nenne sie hier aber, weil sie meiner Einschätzung nach relevant

45:34.450 --> 45:38.330
sind im Zusammenhang der feministischen Thematisierung und Nicht

45:38.330 --> 45:40.810
-Thematisierung von Religionen.

45:42.390 --> 45:45.070
Und dazu komme ich jetzt gleich.

45:45.650 --> 45:48.950
Denn in der mir noch verbleibenden Zeit werde ich versuchen, plausibel

45:48.950 --> 45:53.930
zu machen, dass und warum die feministische Kritik bislang nicht

45:53.930 --> 45:57.530
angemessen auf das soeben umrissene Szenario reagiert.

45:58.390 --> 46:02.090
Ich werde Leerstellen benennen und wenig produktive Konfliktlinien.

46:02.790 --> 46:06.450
Und es ist vermutlich kein Zufall, sondern eher im gerade umrissenen

46:06.450 --> 46:10.250
Szenario begründet, dass die Konfliktlinien im besonderen Maße den

46:10.250 --> 46:14.750
Islam betreffen, genauer feministische Bezugnahmen auf den Islam.

46:15.450 --> 46:19.510
Dass das kein Zufall ist, heißt jedoch nicht, dass weitere Reflexionen

46:20.130 --> 46:21.030
unnötig wären.

46:21.610 --> 46:23.650
Das Gegenteil ist der Fall.

46:27.540 --> 46:30.440
Bevor ich zur weiteren Ausführung komme, möchte ich betonen, dass in

46:30.440 --> 46:34.440
den letzten Jahren im Zuge feministischer Auseinandersetzung mit

46:34.440 --> 46:38.580
Rechtspopulismus und Illiberalismus vermehrt kritische Analysen

46:38.580 --> 46:43.200
vorgelegt wurden, der älteren wie der neueren Allianzen zwischen

46:43.200 --> 46:46.860
weltlichen und religiösen rechtskonvertiven Kräften, ihrer

46:46.860 --> 46:49.980
gegenseitigen Unterstützung und ihrer politischen Einflussnahme.

46:50.620 --> 46:55.280
Und diese Analysen scheinen mir äußerst wichtig und richtungsweisend.

46:55.720 --> 47:00.120
Ich fürchte aber, sie reichen nicht und das hat mit der Konfliktlinie

47:00.120 --> 47:01.080
Islam zu tun.

47:02.160 --> 47:06.480
Was durchaus thematisiert wird in diesen Studien, und das halte ich

47:06.480 --> 47:11.020
für äußerst wichtig, ist die Bezugnahme rechter Kräfte auf den Islam.

47:11.900 --> 47:15.200
Die AfD zum Beispiel schürt antimuslimischen Rassismus,

47:15.880 --> 47:20.060
instrumentalisiert zu diesem Zweck die Frauenfrage und vereinnahmen,

47:20.140 --> 47:23.380
zumindest partiell, feministische Argumentationsweisen.

47:24.460 --> 47:27.860
Etwas verkürzt gesagt kann man wohl behaupten, dass die AfD das

47:27.860 --> 47:32.740
klassische orientalistische Stereotyp einer vermeintlich ungezügelten,

47:33.220 --> 47:37.400
wilden muslimischen Welt reproduziert, mit unterdrückenden Männern und

47:37.400 --> 47:42.080
unterdrückten Frauen und auf dieser Grundlage argumentiert, dass wir

47:42.080 --> 47:45.620
das bei uns nicht haben wollen und dass aus diesem Grund Zuwanderung

47:45.620 --> 47:46.780
beschränkt werden sollte.

47:47.840 --> 47:51.520
So schreibt etwa Beatrix von Storch auf ihrer Webseite unter der

47:51.520 --> 47:56.020
Überschrift, dem politischen Islam die Stillen bieten, also Beatrix

47:56.020 --> 47:58.020
von Storch, die AfD-Politikerin.

47:59.020 --> 48:04.280
Ich lese das jetzt vor und danach werde ich sie kritisch analysieren.

48:05.100 --> 48:09.000
Der politische Islam ist in den letzten Jahrzehnten zur dominanten

48:09.000 --> 48:12.480
Ideologie in vielen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens geworden.

48:13.300 --> 48:16.680
Diese Ideologie ist eine Bedrohung für Freiheit und Demokratie.

48:17.360 --> 48:20.820
Der politische Islam kennt keine Trennung von Religion, Recht und

48:20.820 --> 48:21.320
Politik.

48:22.060 --> 48:25.360
Sein Ziel ist die Unterwanderung, Eroberung und Unterwerfung der

48:25.360 --> 48:26.660
westlichen Gesellschaften.

48:27.340 --> 48:30.220
Durch Masseneinwanderung und Parallelgesellschaften wächst sein

48:30.220 --> 48:31.880
Einfluss auch in Deutschland und Europa.

48:32.860 --> 48:36.380
Es gilt, unsere freiheitliche Kultur zu verteidigen und keine

48:36.380 --> 48:39.520
Kompromisse bei der Durchsetzung unserer Rechtsordnung zuzulassen.

48:40.200 --> 48:43.600
Der Einfluss von Staaten wie Saudi-Arabien und von islamistischen

48:43.600 --> 48:45.320
Netzwerken muss unterbunden werden.

48:45.980 --> 48:49.420
Ich fordere eine Anti-Scharia-Gesetzgebung, die die Anwendung von

48:49.420 --> 48:52.320
Scharia -Recht unter Strafe stellt.

48:52.320 --> 48:56.220
Scharia-Richter und Extremisten müssen ausgewiesen und die

48:56.220 --> 48:58.520
Vollverschleierung muss verboten werden.

48:59.200 --> 49:02.260
Die Grundlage für Integration ist die Akzeptanz unserer von

49:02.260 --> 49:05.760
Christentum und Aufklärung geprägten freiheitlichen europäischen

49:05.760 --> 49:06.680
Leitkultur.

49:07.000 --> 49:09.820
Soweit Beatrix von Storch auf ihrer Webseite.

49:10.020 --> 49:14.320
Und ich finde, das perfide an dieser Darstellung sind ihre Auslassung,

49:15.040 --> 49:19.260
ihre vorschnellen Gleichsetzungen und ihre Vermischung feministischer

49:19.260 --> 49:20.860
und rassistischer Argumente.

49:21.940 --> 49:25.500
Ausgelassen wird etwa der Umstand, dass zu den Zielen des politischen

49:25.500 --> 49:30.080
Islam in besonderem Maße ihr Einfluss in muslimisch geprägten Ländern

49:30.080 --> 49:33.780
gehört und vielleicht nicht in erster Linie der westlichen Länder.

49:34.740 --> 49:38.760
Ferner sind nicht alle Varianten des politischen Islam terroristisch,

49:39.020 --> 49:43.320
aber auch, wenn es um islamistischen Terror geht, sind Menschen in

49:43.320 --> 49:47.460
Ländern wie Pakistan, Afghanistan oder Nigeria in weit höherem Maße

49:47.460 --> 49:52.480
davon betroffen als Menschen in Europa, weil dort wesentlich mehr auch

49:52.480 --> 49:55.460
tödliche Anschläge stattfinden als bei uns.

49:56.860 --> 50:00.680
Was ferner ausgelassen wird, ist der Umstand, dass auch das

50:00.680 --> 50:05.260
Christentum keinesfalls immer für Freiheit und Aufklärung stand und

50:05.260 --> 50:09.940
dass sich Akteure wie der Vatikan und evangelikale Kirchen noch heute

50:09.940 --> 50:14.280
für die Einschränkung weiblicher Freiheiten einsetzen, zum Beispiel

50:14.280 --> 50:16.280
auf dem Gebiet reproduktiver Rechte.

50:17.700 --> 50:20.940
Zu den vorschnellen Gleichsetzungen, die hier vorgenommen werden,

50:21.460 --> 50:26.860
gehört jene von Scharia und Extremismus und was die freiheitliche

50:26.860 --> 50:30.200
europäische Leitkultur genau sein soll angesichts einer langen und

50:30.200 --> 50:35.880
keinesfalls vollständig aufgearbeiteten Kolonialgeschichte und einer,

50:36.020 --> 50:39.560
so muss man fürchtlich argumentieren, Verlängerung kolonialer Logiken

50:39.560 --> 50:43.440
in der aktuellen Migrationspolitik mit ihren Lagern und

50:43.440 --> 50:47.340
Abschüttungsmechanismen, das bleibt hier ebenfalls unklar.

50:48.660 --> 50:51.960
Von Storch suggeriert, man könne Freiheit und Demokratie durch

50:51.960 --> 50:56.120
Ausgrenzung erzeugen, dass sie dabei stellenweise klingt wie säkulare

50:56.120 --> 50:59.900
pakistanische Feministinnen könnte man fast lustig finden, wenn es

50:59.900 --> 51:02.980
nicht so ernst wäre, weil die problematisieren ja auch den Einfluss

51:02.980 --> 51:03.820
Saudi -Arabiens.

51:04.940 --> 51:09.880
Ernst ist es, weil die Diagnose ja stimmt, dass der politische Islam

51:09.880 --> 51:14.740
wie auch der frauenpolitische Katholizismus aus Rom und der politische

51:14.740 --> 51:20.460
Protestantismus evangelikaler Spielart eine antifeministische Agenda

51:20.460 --> 51:21.180
verfolgt.

51:21.720 --> 51:24.540
Wie ja übrigens auch die AfD mit ihren Angriffen auf die Gender

51:24.540 --> 51:28.420
Studies, geschlechtergerechte Sprache und einiges mehr.

51:29.540 --> 51:33.380
Ernst ist es ferner, da sich zumindest die intersektional

51:33.380 --> 51:37.560
aufgestellten feministischen Kritiken, also jene feministischen

51:37.560 --> 51:41.320
Kritiken, die es für zentral halten, Formen des Sexismus und des

51:41.320 --> 51:45.100
Rassismus stets im Verbund zu analysieren, bei Kritiken des

51:45.100 --> 51:49.060
politischen Islam bislang zumindest vornehm zurückhalten.

51:50.080 --> 51:53.520
Zugunsten einer Problematisierung der Indienstnahme der Kritik des

51:53.520 --> 51:56.900
politischen Islam durch rechte Kräfte wie die AfD.

51:58.420 --> 52:02.300
Im Hintergrund dieser Zurückhaltung liegt meiner Einschätzung nach die

52:02.300 --> 52:06.160
durchaus begründete Befürchtung, durch eine Kritik des politischen

52:06.160 --> 52:10.840
Islam ungewollt islamfeindliche und antimuslimische Sentimente zu

52:10.840 --> 52:13.660
befeuern, vor allem wenn man nicht selbst Muslima ist und sozusagen

52:13.660 --> 52:16.580
von innen heraus argumentieren kann, sondern aus einer

52:16.580 --> 52:19.980
mehrheitsgesellschaftlichen Position heraus, entweder aus einer

52:19.980 --> 52:22.400
christlichen oder aus einer nichtreligiösen.

52:23.620 --> 52:27.000
Begründet ist diese Befürchtung, dass es im deutschsprachigen

52:27.000 --> 52:30.700
feministischen Diskurs durchaus Stimmen gibt, denen genau dies

52:30.700 --> 52:32.060
unterstellt werden kann.

52:32.820 --> 52:36.560
Wie sich einige von Ihnen vielleicht denken können, meine ich damit

52:36.560 --> 52:40.480
tatsächlich Ali Schwarzer, der sich zwar auf Basis ihrer Schriften

52:40.480 --> 52:44.800
vorbehaltlos unterstellen würde, dass ihre islamkritische Haltung

52:44.800 --> 52:48.560
ihren Freundschaften mit feministischen AktivistInnen aus dem Iran und

52:48.560 --> 52:53.680
Algerien entspringen, die in der Tat mit dem politischen Islam massiv

52:53.680 --> 52:54.640
zu kämpfen haben.

52:55.900 --> 52:59.440
Meiner Ansicht nach muss man Schwarzer aber auch dafür kritisieren,

52:59.860 --> 53:05.040
dass sie leider nicht intersektional denkt und den Diskurskontext des

53:05.040 --> 53:08.560
antimuslimischen Rassismus, mit dem wir es gegenwärtig zu tun haben

53:08.560 --> 53:12.920
und mit dem jede diskursive Intervention zum Thema Islam rechnen

53:12.920 --> 53:15.220
sollte, auszublenden scheint.

53:16.160 --> 53:20.380
Mehr noch, ich würde behaupten, dass Schwarzer, ebenso wie einige

53:20.380 --> 53:25.120
andere Emma-Autorinnen, die zum Thema schreiben, Konfliktlinien mit

53:25.120 --> 53:28.260
den explizit rassismuskritischen Stimmen im gegenwärtigen

53:28.260 --> 53:33.000
feministischen Diskurs eher schürt, als abzubauen bestrebt ist.

53:33.940 --> 53:37.840
So bescheinigt etwa Netschlag Kellegg in ihrem Buch die unheilige

53:37.840 --> 53:42.060
Familie, wie die islamische Tradition Frauen und Kinder entrechtet.

53:42.380 --> 53:47.680
So ist der Buchtitel im Kapitel Forscher auf falscher Fährte, den

53:47.680 --> 53:52.060
sozialkonstruktivistischen Gender Studies, dem Kampf um Frauenrechte

53:52.060 --> 53:56.100
in muslimischen Gemeinschaften einen Bärendienst zu erweisen, den sie

53:56.100 --> 54:00.200
unterstellt mit Blick auf soziale Geschlechterrollen, Zitat, dass

54:00.200 --> 54:04.220
alles nur ein Konstrukt ist und demnach dekonstruiert werden kann.

54:04.580 --> 54:07.620
Das Zitat fängt hier nicht ganz am Anfang an, aber also was ich jetzt

54:07.620 --> 54:10.740
vorgelesen habe, dass man halber Satz davor damit verständlich ist,

54:10.800 --> 54:11.520
was da steht.

54:14.940 --> 54:18.340
Und sie schreibt dann weiter, an der Lebenswirklichkeit vieler

54:18.340 --> 54:21.200
Menschen, die täglich Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts

54:21.200 --> 54:25.260
erleben oder zumindest darauf reduziert werden, geht das allerdings

54:25.260 --> 54:25.780
vorbei.

54:26.780 --> 54:29.800
Frauen sind immer noch die anderen, sie erfahren andere

54:29.800 --> 54:31.300
Rollenzuschreibungen als Männer.

54:32.000 --> 54:35.720
Wer wie große Teile der Gender Studies Ungleiches gleich behandelt,

54:36.140 --> 54:41.520
marginalisiert real existierende Probleme und betreibt intellektuellen

54:41.520 --> 54:43.720
Eskapismus, so Kelleck.

54:44.360 --> 54:47.920
Leider geht diese Kritik meiner Einschätzung nach am Problem vorbei

54:47.920 --> 54:52.180
und schürt aufgrund ihrer Polemik gegen die Gender Studies die

54:52.180 --> 54:55.960
benannte Konfliktlinie eher, als dass es sie zu beheben trachtet.

54:56.880 --> 55:00.600
Was Kelleck richtigerweise betont, ist die bereits erwähnte

55:00.600 --> 55:04.260
Zurückhaltung vieler KollegInnen aus den Gender Studies bei der

55:04.260 --> 55:06.280
Problematisierung des politischen Islam.

55:07.080 --> 55:10.120
Das hat allerdings, würde ich argumentieren, wenig mit

55:10.120 --> 55:13.220
geschlechterpolitischem Konstruktivismus zu tun, wie Kelleck

55:13.220 --> 55:13.940
unterstellt.

55:14.660 --> 55:18.460
Denn erstens kann und sollte potenziell jede

55:18.460 --> 55:22.560
Geschlechterkategorisierung dekonstruiert werden, überall auf der

55:22.560 --> 55:22.860
Welt.

55:23.720 --> 55:26.240
Und das ist zunächst eine analytische Operation.

55:28.120 --> 55:31.240
Niemand würde behaupten, dass mit einer solchen analytischen Operation

55:31.240 --> 55:34.420
empirische, materielle, geschlechterpolitische Kämpfe bereits

55:34.420 --> 55:37.020
gekämpft, geschweige denn gewonnen wären.

55:37.860 --> 55:41.300
Und kaum jemand würde behaupten, dass die Kämpfe, die an den

55:41.300 --> 55:44.660
unterschiedlichen Orten gekämpft werden müssen, identisch seien.

55:45.840 --> 55:49.140
Kelleck hat allerdings recht, wenn sie betont, so zumindest lese ich

55:49.140 --> 55:52.860
ihre Gender Studies Kritik, dass Teile der westlichen Gender Studies

55:52.860 --> 55:57.100
der Tendenz nach dethematisieren, dass die Geschlechterverhältnisse zu

55:57.100 --> 56:01.700
Hause oft tatsächlich anders und zumindest gemessen an Kriterien des

56:01.700 --> 56:06.840
Gleichheitsfeminismus zu Hause günstiger sind als anderswo.

56:07.940 --> 56:13.140
Diese Dethematisierung hat aber weniger mit dem Sozialkonstruktivismus

56:13.140 --> 56:17.080
zu tun als mit postkolonialen feministischen Kritiken.

56:18.060 --> 56:21.540
Diese haben nämlich bereits vor Jahrzehnten die diskursive

56:21.540 --> 56:26.220
Viktimisierung von Frauen im globalen Süden und die Konstruktion einer

56:26.220 --> 56:29.960
simplifizierten Differenz zwischen dem geschlechterpolitisch

56:29.960 --> 56:34.060
fortschrittlichen Westen und dem aus kulturellen oder religiösen

56:34.060 --> 56:37.620
Gründen rückschrittlichen Rest der Welt problematisiert.

56:38.240 --> 56:39.380
Aus gutem Grund.

56:39.920 --> 56:43.100
Bereits der britische Kolonialismus hat es sich zur selbsterklärten

56:43.100 --> 56:48.200
Aufgabe gemacht, die Lage der Frauen in seinen Kolonien zu verbessern.

56:49.120 --> 56:52.900
Weiße Männer retten braune Frauen vor braunen Männern.

56:54.460 --> 56:58.060
So hat Gaytriz Bivak diese Logik auf den Punkt gebracht.

56:58.560 --> 57:02.020
Der deutsche Kolonialismus hat das, soweit ich ihn kenne, nicht getan.

57:02.160 --> 57:07.940
Der hat sich sozusagen noch nicht mal damit befasst, dass die Lage der

57:07.940 --> 57:11.820
Frauen dort schlecht ist, sondern gleich noch brutaler ausgebeutet, in

57:11.820 --> 57:13.440
vielen Fällen zumindest in Namibia.

57:15.080 --> 57:18.680
Auch der Umstand, dass westliche Feministinnen bei solchen

57:18.680 --> 57:22.540
Rettungsaktionen nicht unbeteiligt sind, ist mittlerweile in den

57:22.540 --> 57:24.020
Gender Studies Gemeinplatz.

57:24.700 --> 57:27.820
Die bereits monierte Zurückhaltung vieler intersektional und

57:27.820 --> 57:31.080
postkolonial belesener KollegInnen bei der Kritik des politischen

57:31.080 --> 57:37.280
Islam wird sicher auch durch diesen Diskursstrang bestärkt, mit nicht

57:37.280 --> 57:40.940
nur, würde ich argumentieren, positiven Effekten.

57:41.400 --> 57:44.540
Zwei solcher Effekte sind besonders offensichtlich.

57:45.260 --> 57:48.880
Der erste ist jener, den auch Kellegg anführt, die Unterdrückung von

57:48.880 --> 57:51.760
Frauen und queeren Personen in muslimisch geprägten Ländern.

57:52.480 --> 57:55.880
Ob diese nun tatsächlich an der Religion hängt, diese Unterdrückung,

57:55.880 --> 58:00.320
oder zumindest auch kulturell und historisch und damit nicht zuletzt

58:00.320 --> 58:04.580
kolonialhistorisch bedingt ist, vielleicht auch durch den globalen

58:04.580 --> 58:08.620
Kapitalismus und andere Faktoren, sei an dieser Stelle dahingestellt,

58:08.740 --> 58:13.440
wobei einschlägig arbeitende SozialwissenschaftlerInnen in und aus den

58:13.440 --> 58:16.500
entsprechenden Ländern oft ein breites Bündel von Faktoren ausmachen.

58:17.040 --> 58:19.840
Aber dennoch, also die Unterdrückung von Frauen und queeren Personen

58:19.840 --> 58:22.380
in muslimisch geprägten Ländern bleibt tatsächlich oft

58:22.380 --> 58:29.800
unterproblematisiert zugunsten der Problematisierung des

58:29.800 --> 58:33.820
antimuslimischen Rassismus von... oder der Instrumentalisierung des

58:33.820 --> 58:37.080
Feminismus durch rechte Kräfte.

58:37.460 --> 58:40.220
Der zweite Effekt ist ebenso problematisch.

58:40.440 --> 58:44.720
Er besteht darin, dass die Kritik jener Unterdrückung entweder der AfD

58:44.720 --> 58:48.440
oder jenen Feministinnen überlassen wird, die ihrerseits gegen die

58:48.440 --> 58:50.660
Gender Studies polemisieren, wie Kellegg.

58:51.080 --> 58:54.920
Dass sie hiermit mit der AfD ins Selberhorn blasen, auch wenn sie das

58:54.920 --> 58:58.660
jeweils aus ganz anderen Stoßrichtungen tun, macht die Sache überhaupt

58:58.660 --> 58:59.260
nicht besser.

59:01.500 --> 59:05.040
Das war jetzt in doppelter Hinsicht Work in Progress.

59:05.200 --> 59:08.960
Wie vorher gesagt, ein Fazit steht noch aus und wird wohl noch eine

59:08.960 --> 59:09.820
Weile brauchen.

59:10.800 --> 59:12.800
Deshalb kommt jetzt von mir auch keins.

59:12.900 --> 59:15.820
Ich hoffe, die Diskussion, die nun endlich beginnen kann, wird dem

59:15.820 --> 59:16.780
zuträglich sein.

59:17.380 --> 59:21.540
Und zunächst danke ich aber ganz herzlich für Ihre Aufmerksamkeit.

