WEBVTT

00:00.000 --> 00:04.360
15 Minuten sollte es maximal dauern, bis nach einem Notruf der

00:04.360 --> 00:06.120
Rettungswagen vor Ort eintrifft.

00:07.000 --> 00:09.920
Besser wäre sogar eine Frist von nur 10 Minuten.

00:10.500 --> 00:14.740
In einer Mehrheit der Gemeinden im Südwesten ist das leider selten der

00:14.740 --> 00:15.080
Fall.

00:15.680 --> 00:19.640
Eine Ursache ist die zunehmende Zahl der Einsätze, aber auch die

00:19.640 --> 00:23.660
Schließung vieler kleinerer Krankenhäuser und die räumliche Einteilung

00:23.660 --> 00:26.160
der Einsatzbereiche sind Teil des Problems.

00:26.160 --> 00:30.080
Im Juni hat das Innenministerium Baden-Württemberg ein

00:30.080 --> 00:33.680
Forschungsprojekt auf den Weg gebracht, das Abhilfe schaffen soll.

00:34.180 --> 00:37.900
Am Healthcare Lab des Karlsruher Instituts für Technologie entsteht

00:37.900 --> 00:43.200
eine Computersimulation der Dienste aller 34 Rettungsleitstellen des

00:43.200 --> 00:43.580
Landes.

00:44.240 --> 00:48.240
Ziel ist eine Optimierung des Rettungsdienstes durch moderne

00:48.240 --> 00:50.260
Planungselemente der Logistik.

00:50.260 --> 00:54.540
Die Optimierung eines Rettungsdienstes kann nur mithilfe einer

00:54.540 --> 00:56.640
Computersimulation geschehen.

00:56.840 --> 00:59.520
Man kann natürlich jetzt nicht mit Menschenleben experimentieren, mal

00:59.520 --> 01:02.160
was umstellen und sagen, ach jetzt sind mehr gestorben, wir machen es

01:02.160 --> 01:02.640
doch anders.

01:02.780 --> 01:05.320
Deswegen ist natürlich, wie kann ich das Ganze auf den Rechner

01:05.320 --> 01:09.500
kriegen, um zu sagen, oh das scheint uns vielversprechend zu sein, das

01:09.500 --> 01:12.180
kann man auch wirklich im realen Rettungsdienst umsetzen.

01:12.320 --> 01:15.820
Prof. Stefan Nickel ist Direktor des Healthcare Lab am Karlsruher

01:15.820 --> 01:17.340
Institut für Technologie.

01:17.340 --> 01:21.740
Mit Daten der Rettungsleitstelle Karlsruhe wurden dort bereits erste

01:21.740 --> 01:23.180
Analysen durchgeführt.

01:23.300 --> 01:26.420
Wir haben da dann versucht, in der Simulation diese

01:26.420 --> 01:29.900
Rettungsdienstfahrten nachzubilden, also dass wir sagen können, okay

01:29.900 --> 01:31.800
wir wollen jetzt wissen, was war am 7.

01:32.140 --> 01:37.020
Juli 2019 und gucken uns die historischen Daten an und lassen aber

01:37.020 --> 01:41.140
auch unsere Simulation nochmal den Rettungsdienst durchführen und dann

01:41.140 --> 01:42.470
gucken wir, wie weit die übereinstimmen.

01:43.080 --> 01:44.200
Und das klappt sehr gut.

01:44.200 --> 01:48.760
Braucht der Rettungswagen länger als 15 Minuten zum Einsatzort, kann

01:48.760 --> 01:52.940
es etwa daran liegen, dass es bei der zuständigen Leitstelle zu wenige

01:52.940 --> 01:54.100
Fahrzeuge gibt.

01:54.300 --> 01:56.820
Zum Beispiel um Karlsruhe herum hat man immer dieses Problem mit den

01:56.820 --> 01:57.200
Autobahnunfällen.

01:57.920 --> 02:01.140
Wenn dann zwei, drei Autos ineinander fahren, hat man sofort eine hohe

02:01.140 --> 02:02.920
Anzahl von schwerverletzten Personen.

02:03.260 --> 02:05.020
Und wie reagiert man darauf, stimmt das?

02:05.160 --> 02:08.840
Auch die Entscheidung, in welches Krankenhaus der Patient verbracht

02:08.840 --> 02:10.000
wird, ist wichtig.

02:10.000 --> 02:12.420
Da haben wir auch gemerkt, dass manchmal vielleicht die

02:12.420 --> 02:15.760
Rettungsdienstbereiche nicht so gut zugeschnitten sind, dass sie zu

02:15.760 --> 02:18.760
den Krankenhäusern passen, die dann die Patienten versorgen können.

02:18.940 --> 02:22.940
Nicht in allen Fällen ist Geschwindigkeit die kritische Größe.

02:23.100 --> 02:26.080
Bei der Fußball-EM dieser dänische Spieler, der ja so einen

02:26.080 --> 02:29.700
Herzstillstand erlitten hatte, bei solchen Sachen, also einem

02:29.700 --> 02:33.620
Schlaganfall, Herzstillstand oder so, da geht es extrem nur um Zeit.

02:33.740 --> 02:35.840
Da ist eigentlich auch egal, wer was macht, da kann auch ein

02:35.840 --> 02:38.600
Ersthelfer total viel machen, Hauptsache man macht schnell was.

02:38.780 --> 02:42.520
In anderen Fällen, man hat ein Bein gebrochen oder irgendeine

02:42.520 --> 02:45.660
Schädigung vielleicht der Wirbelsäule oder anderes, da ist der

02:45.660 --> 02:48.540
Zeitfaktor gar nicht kritisch, da ist die richtige Lagerung natürlich

02:48.540 --> 02:48.980
wichtig.

02:49.180 --> 02:51.660
Aber alles wird mit der gleichen Hilfsfrist gemessen.

02:52.160 --> 02:55.260
Und man hat gar keine Abhängigkeit, ist es jetzt ein Notfall, wo ich

02:55.260 --> 02:58.580
ganz schnell sein muss, oder ist es ein Notfall, bei dem ich aber auch

02:58.580 --> 03:01.380
zehn Minuten Luft habe, aber ein anderer Notfall kommt noch rein und

03:01.380 --> 03:03.820
den sollte ich vielleicht zuerst machen, weil ich dadurch in Summe

03:03.820 --> 03:04.620
mehr Leben rette.

03:04.620 --> 03:09.120
Für den Logistikexperten müsste die gesamte Zeitspanne vom Notruf bis

03:09.120 --> 03:12.680
zur Erstversorgung im Krankenhaus in Optimierungsüberlegungen

03:12.680 --> 03:13.940
einbezogen werden.

03:14.160 --> 03:16.540
Diese Diskussion gibt es auch schon lange, aber da man kein

03:16.540 --> 03:18.980
Zahlenmaterial hatte, hat man das überhaupt nicht angefasst.

03:19.060 --> 03:21.640
Und natürlich ist die Hilfsfrist gut, es ist immer gut, wenn man

03:21.640 --> 03:24.160
schnell beim Patienten ist, aber nicht in jedem Fall.

03:24.300 --> 03:27.340
Und vielleicht ist es auch nicht das richtige Maß, weil es eben auch

03:27.340 --> 03:30.060
nicht den Sektor Krankenhaus mit einbezieht.

03:30.060 --> 03:32.940
Manchmal wartet man ja ganz lange, bis man in den Schockraum kommt

03:32.940 --> 03:36.220
oder in die entsprechenden Units, die man im Krankenhaus braucht, zur

03:36.220 --> 03:37.020
Weiterbehandlung.

03:37.280 --> 03:40.900
Grundsätzlich kann auch ein Rettungsdienst nach logistischen Verfahren

03:40.900 --> 03:44.940
optimiert werden, wie sie auch für einen Paketdienst oder die

03:44.940 --> 03:47.940
Steuerung komplexer Produktionsprozesse gelten.

03:48.180 --> 03:51.900
Das Tolle ist ja da, dass die Belohnung nicht eine höhere Rendite oder

03:51.900 --> 03:54.520
Ersparnis von Kosten ist, sondern tatsächlich, dass man sagen kann,

03:54.560 --> 03:55.860
wir haben mehr Menschen gerettet.

03:55.860 --> 03:58.940
Das ist ja eigentlich toll, aber angucken tun wir uns das genauso wie

03:58.940 --> 04:00.800
jeden anderen logistischen Prozess auch.

04:00.900 --> 04:04.900
Der soll halt nach irgendwelchen Qualitätsstandards möglichst gut und

04:04.900 --> 04:06.460
sicher und ruhig ablaufen.

04:06.540 --> 04:08.980
Das ist eigentlich das, was man in der Logistik immer will, dass alles

04:08.980 --> 04:12.420
ganz friedlich läuft, auch wenn es was sehr Chaotisches und sehr

04:12.420 --> 04:13.640
Notfallorientiertes ist.

04:13.760 --> 04:16.720
Im nächsten Jahr werden erste Ergebnisse vorliegen.

04:16.960 --> 04:19.860
Stefan Fuchs, Karlsruher Institut für Technologie.

