WEBVTT

00:00.000 --> 00:03.420
In Italien ist ein Viertel der Weinberge davon betroffen, in

00:03.420 --> 00:05.500
Frankreich sind es 15 Prozent.

00:05.940 --> 00:10.580
Allein im Elsass haben die WinzerInnen im Sommer 2018 geschätzt eine

00:10.580 --> 00:12.620
Milliarde Euro Verluste gemacht.

00:13.100 --> 00:16.980
Auch in den Weinbaugebieten am Kaiserstuhl und in Baden fürchtet man

00:16.980 --> 00:18.360
das Esker-Syndrom.

00:18.880 --> 00:22.340
Die Krankheit hat sich unter den Bedingungen des Klimawandels zu einer

00:22.340 --> 00:25.380
wahren Geisel des europäischen Weinbaus entwickelt.

00:25.820 --> 00:29.740
Innerhalb kürzester Zeit kann die von Pilzen ausgelöste Krankheit

00:29.740 --> 00:33.700
mitten im Sommer zum plötzlichen Absterben der Rebstöcke führen.

00:34.260 --> 00:37.880
Das Schlimmste, es gibt praktisch keine wirksame Behandlung.

00:38.400 --> 00:42.880
Oft helfen nur die Rodung der Reben und eine komplette Neubepflanzung.

00:43.440 --> 00:47.300
Das Microbes for Future Forschungsprojekt am Karlsruher Institut für

00:47.300 --> 00:51.180
Technologie startete in diesem Sommer eine Feldkampagne in den

00:51.180 --> 00:52.700
Weinbergen am Oberrhein.

00:52.700 --> 00:57.620
Ziel ist es, mit einer Art Impfung durch geeignete Bodenbakterien das

00:57.620 --> 01:00.120
Immunsystem der Reben zu stärken.

01:01.020 --> 01:05.200
Das Esker-Syndrom ist eine schon in der Antike bekannte Krankheit der

01:05.200 --> 01:05.820
Weinrebe.

01:06.360 --> 01:10.100
Auslöser sind verschiedene Pilze, die auch bei gesunden Reben

01:10.100 --> 01:10.800
vorkommen.

01:11.040 --> 01:15.140
Diese Pilze leben im Inneren des Holzes und sind quasi Mitesser.

01:15.340 --> 01:18.880
Sie leben von den Bröseln, die da abfallen, abgestorbene Zellen.

01:18.880 --> 01:22.600
Ab und zu knabbern sie ein bisschen an der Zellwand, dann kriegen sie

01:22.600 --> 01:24.040
von der Pflanze eins auf die Finger.

01:24.680 --> 01:27.280
Aber im Prinzip ist es eigentlich im Gleichgewicht.

01:27.380 --> 01:31.860
Prof. Peter Nick hat im Rahmen eines KIT-Projekts erforscht, warum bei

01:31.860 --> 01:36.700
Dürre und Trockenheit dieses Miteinander von Pilzen und Rebe plötzlich

01:36.700 --> 01:38.320
in einen Krieg ausartet.

01:38.600 --> 01:43.300
Sie fangen an, Toxine zu bilden, Giftstoffe bringen ihren Wirt um.

01:43.300 --> 01:46.660
Der Rebstock bricht dann innerhalb von einer Woche zusammen.

01:46.880 --> 01:51.100
Der Pilz benutzt dann die Energie von dem toten Wirt, um Sex zu machen

01:51.100 --> 01:52.000
und abzuhauen.

01:52.280 --> 01:56.700
Die Strategie des Pilzes ist eben, wenn meine Wirtspflanze geschwächt

01:56.700 --> 01:59.520
ist, dann hat es keinen Sinn mehr, mich hier aufzuhalten.

01:59.620 --> 02:02.560
Hier habe ich nichts mehr zu holen, die Kuh ist ausgemolken, jetzt

02:02.560 --> 02:05.640
wird sie geschlachtet und ich suche mir eine neue Wirtspflanze.

02:05.640 --> 02:09.360
Unter Stressbedingungen sendet die Weinrebe eine Art

02:09.360 --> 02:13.320
Kapitulationssignal, das von den Pilzen wahrgenommen wird.

02:13.460 --> 02:15.440
Das Signal heißt Ferulasäure.

02:15.860 --> 02:21.240
Ferulasäure ist ein Baustein von Holz und dieser Stoff wird gebildet

02:21.240 --> 02:24.260
und normalerweise sofort in Holz eingebaut.

02:25.040 --> 02:29.660
Wenn sich Ferulasäure anhäuft, kann daran der Pilz erkennen, naja, mit

02:29.660 --> 02:32.440
dem Wachstum klappt es nicht mehr so richtig, denn die Vorstufe wird

02:32.440 --> 02:34.220
zwar gebildet, aber nicht mehr eingebaut.

02:34.660 --> 02:37.480
Und tatsächlich konnten wir zeigen, dass wenn wir den Pilz mit

02:37.480 --> 02:40.980
Ferulasäure konfrontieren, dann schaltet er sofort um auf

02:40.980 --> 02:41.700
Toxinbildung.

02:42.080 --> 02:45.480
Diese Toxine sind aber jetzt auch nicht einfach nur Giftstoffe, das

02:45.480 --> 02:48.700
sind raffinierte Signale, die den Wirt manipulieren.

02:48.900 --> 02:52.220
Und zwar sind es Signale, die Selbstmord auslösen.

02:52.320 --> 02:55.160
Das heißt, der Pilz macht nicht einfach nur ein Gift, er macht ein

02:55.160 --> 02:55.820
Signal.

02:56.240 --> 02:58.260
Bring dich um, bring dich um, bring dich um.

02:58.380 --> 03:00.320
Und die Wirtspflanze bringt sich um.

03:00.320 --> 03:04.140
Will man den Ausbruch des SK-Syndroms verhindern, muss man diese

03:04.140 --> 03:07.720
fatale Kommunikation zwischen Pilz und Rebe unterbrechen.

03:07.900 --> 03:12.240
Können wir versuchen, diese Manipulation zu unterlaufen, dadurch, dass

03:12.240 --> 03:14.900
wir eben diese Signale verhindern?

03:15.180 --> 03:19.120
Also unsere Idee ist, dass wenn ein trockener Sommer ist, so wie jetzt

03:19.120 --> 03:23.820
wieder, dass wir verhindern können, dass diese Ferulasäure sich bildet

03:23.820 --> 03:26.280
und stattdessen andere Signale entstehen.

03:26.280 --> 03:30.040
Wir haben einige von diesen Signalen inzwischen identifiziert.

03:30.220 --> 03:31.400
Wir kennen also die Worte.

03:32.140 --> 03:35.860
Und wir wollen jetzt diese Worte benutzen, um damit eben mit dem Pilz

03:35.860 --> 03:37.560
und der Pflanze zu sprechen.

03:37.820 --> 03:40.660
Wir wollen die Krankheiten nicht dadurch bekämpfen, dass wir

03:40.660 --> 03:43.740
irgendjemanden vergiften mit Arsen oder irgendwas anderem.

03:43.940 --> 03:48.140
Wir wollen die Kommunikation zwischen Organismen so verbessern,

03:48.460 --> 03:52.260
steuern oder hacken, wenn sie so wollen, um das Gleichgewicht besser

03:52.260 --> 03:53.160
erhalten zu können.

03:53.920 --> 03:56.700
Resveratrol ist das Abwehrsignal der Weinrebe.

03:56.940 --> 04:00.900
Wenn man sie dazu bringen kann, genügend davon zu produzieren, lassen

04:00.900 --> 04:02.620
sich die Pilze ruhig stellen.

04:03.120 --> 04:07.140
Das kann mit Hilfe von Bakterien geschehen, die die Wurzeln der Reben

04:07.140 --> 04:07.860
besiedeln.

04:08.000 --> 04:12.460
Wir wollen herausfinden, welche Bakterien sind wichtig dafür, um das

04:12.460 --> 04:16.500
Immunsystem der Pflanze zu stimulieren und die Bildung von Ferulasäure

04:16.500 --> 04:20.500
zu unterdrücken, selbst wenn es einen trockenen und heißen Sommer hat,

04:20.760 --> 04:21.380
so wie jetzt.

04:22.120 --> 04:25.700
Deswegen haben wir jetzt eine Kampagne und da untersuchen wir quasi

04:25.700 --> 04:29.740
die Darmflora der Rebe, die sich um den Wurzelraum tummelt.

04:29.980 --> 04:34.320
Wir haben jetzt eine Sammelkampagne, wo wir im ganzen Oberrhein bei SK

04:34.320 --> 04:39.280
-befallenen Weinbergen suchen, Bodenproben nehmen bei gesunden

04:39.280 --> 04:43.740
Pflanzen aus demselben Weinberg und das miteinander vergleichen und

04:43.740 --> 04:47.900
dann quasi aus den DNA-Schnipseln im Boden rekonstruieren, welche

04:47.900 --> 04:52.960
Mikroben sind denn da, um gesund machende Mikroben zu identifizieren.

04:53.180 --> 04:56.700
Und das könnte man als Präparat den Winzern zur Verfügung stellen.

04:56.840 --> 05:00.220
Sind die Bakterien einmal gefunden, mit denen sich die Abwehrkräfte

05:00.220 --> 05:04.360
der Weinrebe verbessern lassen, kann man sie züchten und in Form von

05:04.360 --> 05:06.640
Kapseln in den Weinbergen ausbringen.

05:06.960 --> 05:09.480
Und das kann man dann irgendwie einfach in den Boden einbringen, dann

05:09.480 --> 05:11.660
löst sich das auf und dann werden die Bakterien freigesetzt.

05:12.260 --> 05:13.420
Das wäre so eine Art Impfung.

05:13.420 --> 05:18.340
Eine Alternative, langfristige Strategie, wäre die Einkreuzung von

05:18.340 --> 05:19.040
Wildreben.

05:19.420 --> 05:22.600
Sie sind genetisch mit einer höheren Resilienz gegen den

05:22.600 --> 05:25.440
Selbstmordappell der Pilze ausgestattet.

05:25.500 --> 05:29.880
Wir haben Wildreben gefunden, also die Vorfahren unserer Weinrebe, und

05:29.880 --> 05:34.640
darin haben wir welche gefunden, die können, wenn man sie mit dem Pilz

05:34.640 --> 05:36.840
infiziert, damit besser zurechtkommen.

05:36.920 --> 05:39.780
Die sind also nicht vollständig, aber teilweise resistent.

05:39.780 --> 05:43.540
Und wir haben herausgefunden, die sind deswegen resistent, weil sie es

05:43.540 --> 05:47.400
schaffen, diesen Stoffwechselweg Richtung Abwehr zu bringen, sodass

05:47.400 --> 05:49.340
also keine Ferulasäure entsteht.

05:49.660 --> 05:51.480
Und damit bleibt der Pilz friedlich.

05:51.620 --> 05:54.520
Wir kennen ein paar von den Genen, andere suchen wir noch und jetzt

05:54.520 --> 05:58.680
war die Idee, das einzukreuzen in unsere Rebe, so wie man das mit den

05:58.680 --> 05:59.920
Piwi -Reben gemacht hat.

06:00.060 --> 06:01.520
Wir wollen es ein bisschen schneller machen.

06:01.740 --> 06:05.040
Bei den Piwi-Reben hat es unterm Strich 100 Jahre gedauert, die Zeit

06:05.040 --> 06:05.800
haben wir nicht.

06:05.800 --> 06:09.020
Da wir aber wissen, welche Gene es sind, können wir natürlich beim

06:09.020 --> 06:13.060
Kreuzen besser sagen, aha, dieses Kind, das nehmen wir weiter und die

06:13.060 --> 06:16.180
anderen 10, die brauchen wir nicht weiter verfolgen, die haben nicht

06:16.180 --> 06:17.280
die richtige Genversion.

06:17.700 --> 06:20.780
Wir haben schon angefangen zu kreuzen, die erste Generation trägt

06:20.780 --> 06:23.580
jetzt schon Beeren und jetzt gehen wir dann in die zweite.

06:23.760 --> 06:26.440
Aber trotz alledem wird es noch so lange dauern, dass vielleicht meine

06:26.440 --> 06:28.720
Enkeln möglicherweise diesen Wein trinken können.

06:28.720 --> 06:33.560
Dabei kommen ausschließlich herkömmliche Züchtungstechniken ganz ohne

06:33.560 --> 06:36.320
gentechnologische Verfahren zum Einsatz.

06:36.560 --> 06:40.900
Wir benutzen nur natürlichen Sex, das heißt es wird einfach gekreuzt

06:40.900 --> 06:43.100
zwischen Wildreben und Kulturreben.

06:43.720 --> 06:47.940
Was wir aber tun ist, wir benutzen Wissen aus der Molekularbiologie,

06:48.120 --> 06:51.600
um das, was bei diesen Kreuzungen rauskommt, schnell untersuchen zu

06:51.600 --> 06:55.060
können, um schneller und gezielter züchten zu können.

06:55.060 --> 06:59.700
Man nennt das markergestützte Züchtung und das ist meiner Meinung nach

06:59.700 --> 07:03.160
sowieso wahrscheinlich die Technik, die auch sich durchsetzen wird

07:03.160 --> 07:03.920
langfristig.

07:04.340 --> 07:07.160
Zum einen will man die ganze Diskussion um die Gentechnik vermeiden,

07:07.300 --> 07:11.320
zum anderen ist es auch so, dass viele Merkmale eben nicht auf ein Gen

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zurückgehen, sondern das sind meistens Kombinationen von Genen.

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Das heißt also, wenn ich das über Gentechnik machen wollte, wäre das

07:18.100 --> 07:19.000
extrem mühsam.

