WEBVTT

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Das Spiel der deutschen Mannschaft gegen Spanien am vergangenen

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Sonntag hat es wieder einmal vor Augen geführt.

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Die eigenen Emotionen in den Griff zu bekommen, ist im Sport genauso

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wichtig wie körperliche Fitness und spielerisches Können.

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Wenn ein Spiel alles entscheidet, wird die Angst vor einer Niederlage

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zum lähmenden Blick in den Abgrund, den es unbedingt zu vermeiden

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gilt.

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Nervenstärke beweist, wer negative Gedanken ausblenden kann.

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Dass man das genauso trainieren kann wie einen Muskel, hat der

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Sportpsychologe Darko Jekauz nachgewiesen.

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Sein am Karlsruher Institut für Technologie entwickeltes

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Trainingsprogramm beruht auf der Meditationstechnik der sogenannten

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Achtsamkeit.

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Als Buch veröffentlicht ist es in kürzester Zeit zu einem Bestseller

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geworden.

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Ursprünglich stammt die Meditationstechnik der Achtsamkeit aus dem

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Buddhismus.

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Über Umwege hat sie Eingang in den Sport gefunden.

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Einer der ersten, die Achtsamkeit systematisch praktiziert hat, waren

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die Chicago Bulls, die Mannschaft.

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Sie haben in der Zeit sechs NBA Championships gewonnen, waren also

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sehr erfolgreich und ihr Trainer Phil Jackson hat das sehr stark

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unterstützt.

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Professor Darko Jekauz ist Sportpsychologe am Karlsruher Institut für

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Technologie.

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Nachdem es zunächst vereinzelte Trainer waren, die mit der Achtsamkeit

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im Sport experimentierten, wird die Wirksamkeit jetzt systematisch

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erforscht.

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Achtsamkeit hat dabei zwei Komponenten.

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Die erste Komponente ist die Konzentration auf das, was gerade in

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diesem Augenblick passiert.

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Wenn ich mich auf das konzentriere, was jetzt passiert, dann bin ich

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in gewisser Weise achtsam.

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Und bei dieser Konzentration auf das, was jetzt passiert, soll ich

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keine Wertungen vornehmen, sondern die Situation annehmen, wie sie

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ist.

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So lassen sich negative Emotionen wie Angst oder Wut ausblenden.

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Wir sind alle irgendwie von Natur aus programmiert, alles permanent zu

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werten.

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Unser Gehirn ist programmiert, ständig irgendwas zu planen, ständig

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irgendwas zu vergleichen, ständig irgendetwas zu analysieren.

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Und Achtsamkeit bedeutet, diese ganzen Prozesse zum Stopp zu bringen.

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Das ist also ein sehr, sehr langer Weg, bis man das wirklich

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konsequent umsetzen kann.

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Negative Bewertungen der Situation erschweren das Abrufen von

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Höchstleistungen.

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Es gibt manche Athleten, die sind im Training und werden auf einmal

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sehr wütend, wenn etwas nicht funktioniert.

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Und sie können selber nicht sagen, warum sie wütend sind.

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Wenn man dann sich diesen Athleten beschäftigt, kann man erkennen,

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dass hier bestimmte Erwartungen erzeugt werden.

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Wenn ich so und so viel trainiere, dann muss dieser Effekt

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herauskommen.

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Erst wenn man sich diesen Werten bewusst wird, kann man sie abstellen.

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Ein weiteres Beispiel ist Fairplay.

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Es gibt sehr verschiedene Auslegungen, was man als Fairplay

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betrachtet.

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Und hier entstehen sehr intensive Emotionen, wenn gegen diese Regeln

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verstoßen wird.

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Beispielsweise im Fußball.

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Ein Schiedsrichter ist jemand, bei dem man sozusagen annimmt, diese

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Person muss immer perfekte Entscheidungen treffen.

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Aber das ist einfach nicht der Fall.

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Das sind auch Menschen, die machen auch Fehler.

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Man muss sich auch in diesem Moment bewusst werden, dass diese

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Menschen auch Fehler machen können.

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Und in diesem Moment, wenn dieser Fehler passiert, nicht zu sehr zu

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urteilen.

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Das von Prof. Jekauz jetzt veröffentlichte

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Achtsamkeitstrainingsprogramm für den Sport sieht acht Einheiten vor,

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in deren Zentrum jeweils eine Atemmeditation steht.

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Normalerweise ist es so, dass wir alle drei Sekunden einen neuen

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Gedanken haben.

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Und das wird alles automatisch erzeugt.

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Und jetzt geht es darum, diese Automatismen zu durchbrechen.

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Konzentration kann auch als ein Muskel verstanden werden, also das

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trainiert werden muss, bevor man das systematisch einsetzen kann.

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Und das ist die Voraussetzung für Achtsamkeitstraining.

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Also ich kann sozusagen im Kio jetzt verweilen, nur dann, wenn meine

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Konzentration in ausreichendem Maße ausgeprägt ist.

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Und das versucht man durch die ersten Übungen zu machen, durch die

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Atemübungen.

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Vor allem, weil man dadurch abgelenkt ist.

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Also man geht nicht in bestimmten Gedanken, also so, indem man sich in

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eine Emotion hineinsteigert.

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Sondern man konzentriert sich auf den eigenen Atem, was sehr einfach

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ist.

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Wir müssen atmen.

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Wenn ich sozusagen auf meinen Atem konzentriert bin, dann reduziert

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sich mein Erregungslevel irgendwo in Richtung Neutralität.

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Und auch meine Emotionen gehen wieder in Richtung Null.

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Letztlich ist das Achtsamkeitstraining ein Mittel, um den sogenannten

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Flow -Zustand zu erreichen.

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In ihm kann ein Maximum an Leistung abgerufen werden.

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Im Flow-Zustand gehe ich in dieser Aufgabe so auf, dass ich gar nicht

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mehr bemerke, was um mich herum passiert.

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Und dass ich diese internen Widerstände, diese Bewertungen, diese

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emotionalen Erregungen, die in uns permanent schlummern, dass ich sie

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gar nicht mehr erlebe.

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Und dass alles sozusagen wie von selbst läuft.

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Und dass ich praktisch in dem Augenblick da bin, zu 100 Prozent.

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Also von der klassischen Definition von Flow ist es, dass man

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hineinfallen kann.

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Und das lässt sich irgendwie so nicht steuern.

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Und jetzt durch das Training der Achtsamkeit haben wir zumindest einen

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Weg, wie wir die Wahrscheinlichkeit für den Flow-Zustand erhöhen

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können.

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Wenn es gelingt, sind Spitzenleistungen möglich.

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Ein großes Beispiel ist Novak Djokovic, einer der besten Tennisspieler

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in der Geschichte.

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Er beschreibt das in seinem Buch, dass er in seinen jungen Jahren sehr

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große Gefühlsschwankungen hatte.

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Hatte also auch große Leistungsschwankungen und hat nie geschafft, an

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Rafael Nadal oder an Roger Federer heranzukommen.

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Dann hat er diese Praktiken der Achtsamkeit systematisch angewendet.

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Und er beschreibt sie genauso, wie ich für mein Fitness jeden Tag

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trainieren muss.

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Genauso muss ich auch für meine mentale Fitness jeden Tag trainieren.

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Professor Jekauz ist überzeugt, auch FreizeitsportlerInnen können

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durch Achtsamkeitstraining ihre Leistungen steigern.

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Was die Großen ganz gut machen, das schadet auch nicht den

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Freizeitathleten.

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Jeder von uns strebt, gelassener zu werden, stabiler zu werden, also

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mehr aus sich selbst herauszuholen.

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Neuere neurophysiologische Forschungen haben gezeigt, dass intensives

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Achtsamkeitstraining Veränderungen im Gehirn auslösen kann.

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Achtsamkeit ist auch etwas, das auch jetzt zunehmend in der

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Gehirnforschung untersucht wird.

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Und man kann dann feststellen, was auf der Ebene des Gehirns passiert,

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wenn ich Achtsamkeit praktiziere.

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Es kommt in bestimmten Gehirnbereichen zur Zunahme an der grauen

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Masse.

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Es werden bestimmte Verbindungen zwischen bestimmten Gehirnteilen

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dicker.

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Ein relativ großer Teil unserer Emotionen wird im mittleren Hirn

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verarbeitet.

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Da gibt es Verbindungen zum vorderen Teil des Cortex, wo praktisch die

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Emotionsregulation sitzt.

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Und je besser diese zwei Gehirnteile miteinander interagieren, also

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dieses limbische System und Präfrontalkortex, umso effektiver läuft

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das alles.

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Und das war für mich auch sehr interessant, so festzustellen, dass

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diese Gehirnzentren, die für Emotionsregulation und Konzentration

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zuständig sind, dass sich da auch etwas verbessert.

