WEBVTT

00:01.100 --> 00:03.280
Karlsruher Beiträge zur Klimaforschung

00:10.380 --> 00:14.480
Zu Gast in der heutigen Podcast-Folge ist Herr Prof. Dr. Peter Nick.

00:14.980 --> 00:18.880
Er ist Molekularbiologe und Leiter der molekularen Zellbiologie am

00:18.880 --> 00:19.340
KIT.

00:20.240 --> 00:24.340
Zudem leitet er das Nick-Labor, welches Teil des Botanischen Instituts

00:24.340 --> 00:24.660
ist.

00:25.360 --> 00:27.860
Im heutigen Gespräch geht es vor allem um die Relevanz von

00:27.860 --> 00:31.160
Biodiversität, denn diese ist nicht nur für Pflanzen und der

00:31.160 --> 00:34.740
Landwirtschaft wichtig, sondern auch für uns lebensnotwendig.

00:35.440 --> 00:38.680
Um mit den Folgen des Klimawandels umgehen zu können, müssen Pflanzen

00:38.680 --> 00:40.320
resilienter gegen Stress werden.

00:40.980 --> 00:44.400
Genau hier hilft die Arbeit und die Forschung von Herr Prof. Dr. Nick.

00:44.940 --> 00:48.220
Welche wichtige Rolle hierbei auch der Botanische Garten des KITs

00:48.220 --> 00:49.680
spielt, verrät er uns auch.

00:50.240 --> 00:51.800
Mein Name ist Joshua Bayliss.

00:54.380 --> 00:57.800
Bei mir im Podcast ist heute Herr Prof. Dr. Peter Nick.

00:57.800 --> 01:03.020
Er ist Molekularbiologe und Leiter der molekularen Zellbiologie am KIT

01:03.600 --> 01:05.540
und leitet auch das Nick-Labor.

01:05.680 --> 01:07.800
Das ist Teil des Botanischen Instituts.

01:08.220 --> 01:10.500
Erstmal herzlich willkommen, Herr Prof. Dr. Nick.

01:11.100 --> 01:11.300
Hallo.

01:11.980 --> 01:14.720
Ja, schön, dass Sie mit dabei sind in der Podcast-Reihe.

01:15.460 --> 01:19.640
Jetzt natürlich coronabedingt nehmen wir aus dem Homeoffice auf, aber

01:19.640 --> 01:21.900
zum Glück klappt es ja alles technisch.

01:22.920 --> 01:25.540
Ja, ich dachte, wir fangen vielleicht erst mal mit der Frage an.

01:25.540 --> 01:29.360
Was kann man sich denn unter der Forschung von molekularer

01:29.360 --> 01:30.420
Zellbiologie vorstellen?

01:31.960 --> 01:35.900
So heißt meine Professur und das ist natürlich historisch bedingt.

01:36.000 --> 01:40.580
Das war ursprünglich eine Zellbiologie-Professur und deswegen der

01:40.580 --> 01:40.860
Name.

01:41.840 --> 01:45.740
Unsere Forschungen sind aber sozusagen auf verschiedenen Ebenen

01:45.740 --> 01:46.120
unterwegs.

01:46.420 --> 01:50.520
Wir wollen im Prinzip die ganze Wurst von der Zelle bis zur ganzen

01:50.520 --> 01:51.040
Pflanze.

01:51.040 --> 01:56.500
Uns interessiert also, wie Pflanzenzellen zum Beispiel Umweltsignale

01:56.500 --> 02:00.340
wahrnehmen, unterscheiden, wie sie auf Stress reagieren, wie sie sich

02:00.340 --> 02:01.620
an Stress anpassen.

02:02.580 --> 02:07.440
Und das untersuchen wir mit molekularen Methoden, mit zellbiologischen

02:07.440 --> 02:07.960
Methoden.

02:08.580 --> 02:12.340
Uns interessiert aber auch, wie die Zellen innerhalb der Pflanze

02:12.340 --> 02:16.700
zusammenarbeiten, also wie die Pflanze als Ganzes mit Stress fertig

02:16.700 --> 02:17.080
wird.

02:17.080 --> 02:22.180
Und uns interessiert auch, wie dann auf der nächsthöheren Ebene, wie

02:22.180 --> 02:26.400
verschiedene Pflanzen zusammenwirken und mit anderen Organismen

02:26.400 --> 02:28.580
zusammen sich auf Stress einstellen.

02:29.140 --> 02:32.300
Also das heißt, wir haben verschiedene Ebenen, die uns interessieren,

02:32.880 --> 02:36.240
aber aus historischen Gründen steht da halt molekulare Zellbiologie.

02:36.400 --> 02:39.760
Aber wir interessieren uns nicht nur für Gene und Moleküle, sondern

02:39.760 --> 02:40.980
für die ganze Wurst.

02:40.980 --> 02:45.260
Also Forschung beinhaltet sehr, sehr viel und darüber werden wir jetzt

02:45.260 --> 02:47.440
auch innerhalb des Podcasts sprechen.

02:48.180 --> 02:50.840
Genau, ich habe es gerade gesagt, Sie sind eben Leiter der molekularen

02:50.840 --> 02:53.000
Zellbiologie und dem NIC-Labor.

02:53.360 --> 02:57.120
Und wenn man einen Blick auf die Website dieses Labors wirft, dann

02:57.120 --> 02:59.880
sieht man eben auch, wie viel Ihre Forschung wirklich beinhaltet.

03:00.720 --> 03:04.680
Könnten Sie uns da ein bisschen die verschiedenen Bereiche erklären

03:04.680 --> 03:05.360
oder näher bringen?

03:05.360 --> 03:10.160
Genau, also diese Bereiche spiegeln eigentlich diese verschiedenen

03:10.160 --> 03:12.440
Ebenen wider, die ich gerade angesprochen habe.

03:12.600 --> 03:17.800
Also am Anfang geht es in dem Bereich zelluläre Biotechnologie geht es

03:17.800 --> 03:18.940
um Pflanzenzellen.

03:19.580 --> 03:24.180
Wir möchten verstehen, wie Pflanzenzellen reagieren, wie sie auf ihre

03:24.180 --> 03:27.220
Umwelt reagieren, wie sie sich daraufhin verändern.

03:27.720 --> 03:31.020
Und wir interessieren uns immer auch für mögliche Anwendungen.

03:31.020 --> 03:35.580
Das heißt, wir haben zum Beispiel gemeinsam mit Kollegen am Campus

03:35.580 --> 03:40.120
Nord einen Chip entwickelt, in dem man Pflanzenzellen kultivieren kann

03:40.120 --> 03:45.080
und mit denen verschiedene Zellen miteinander chemisch kommunizieren

03:45.080 --> 03:47.840
können, weil uns Kommunikation sehr interessiert.

03:48.120 --> 03:52.120
Kommunikation ist eigentlich der Kern von jeder pflanzlichen

03:52.120 --> 03:53.620
Selbstorganisation.

03:54.620 --> 03:59.160
Das ist also Grundlagenforschung, aber es geht auch um Anwendung.

03:59.160 --> 04:02.160
Mit Hilfe dieses Chips suchen wir zum Beispiel nach Signalen, die

04:02.160 --> 04:05.280
Pflanzen und Pilze untereinander austauschen.

04:06.000 --> 04:10.480
Und das kann zum Beispiel helfen, neuartige Krankheiten, die im

04:10.480 --> 04:14.860
Gefolge des Klimawandels sich ausbreiten, besser zu verstehen oder

04:14.860 --> 04:18.800
auch chemische Signale zu entwickeln, die man für den Pflanzenschutz

04:18.800 --> 04:19.780
einsetzen kann.

04:20.180 --> 04:24.460
Im zweiten Bereich, der heißt Pflanzenstress, geht es vor allem darum,

04:24.600 --> 04:27.120
wie Pflanzen auf Umweltstress reagieren.

04:27.120 --> 04:29.820
Das können Dinge sein wie Salzstress.

04:30.540 --> 04:33.160
In vielen Böden, vor allem in der dritten Welt, wird die aber

04:33.160 --> 04:36.740
künstlich bewässert und dadurch steigt das Salzgehalt im Boden an.

04:37.500 --> 04:41.000
Es gibt Salzstress, Trockenstress interessiert uns natürlich, aber

04:41.000 --> 04:43.620
auch Kältestress ist ein ganz wichtiges Thema.

04:43.880 --> 04:46.340
Klingt jetzt ein bisschen komisch, was hat das mit dem Klimawandel zu

04:46.340 --> 04:46.560
tun?

04:47.080 --> 04:50.100
Aber wir sollten nicht vergessen, dass durch den Klimawandel immer

04:50.100 --> 04:54.640
häufiger auch Situationen vorkommen, wo ein sehr frühes, zeitiges und

04:54.640 --> 04:57.260
warmes Frühjahr alles zum Austreiben bringt.

04:57.400 --> 05:00.320
Und dann kommt irgendwie im April nochmal plötzlich eine Frostperiode

05:00.320 --> 05:01.860
mit großen Schäden.

05:02.720 --> 05:05.880
Und deswegen interessiert uns auch das Thema Kälteresistenz.

05:06.780 --> 05:10.440
Das sind sogenannte abiotische Stressfaktoren, also welche, die aus

05:10.440 --> 05:11.920
der unbelebten Umwelt kommen.

05:12.740 --> 05:17.620
Uns interessiert aber auch ganz stark das Thema, wie Pflanzen mit zum

05:17.620 --> 05:23.420
Beispiel Pilzen zurechtkommen, die Pflanzen einerseits befallen und

05:23.420 --> 05:28.920
auch abtöten können, andererseits aber manchmal auch willkommene, wie

05:28.920 --> 05:31.700
soll ich sagen, Untermieter sind, die der Pflanze auch helfen.

05:32.540 --> 05:36.360
Und das interessiert uns eben auch und das liegt natürlich auf der

05:36.360 --> 05:36.520
Hand.

05:36.600 --> 05:41.400
Es geht uns hier darum, Pflanzen zu schaffen, die resilienter sind,

05:41.680 --> 05:45.820
die also besser mit Stress zurechtkommen, weil selbst wenn wir uns

05:45.820 --> 05:50.280
jetzt am Riemen reißen und den Klimawandel versuchen jetzt sofort zu

05:50.280 --> 05:54.200
stoppen, gibt es immer noch sozusagen das, was wir in der

05:54.200 --> 05:55.500
Vergangenheit versäumt haben.

05:55.700 --> 05:57.520
Das fällt uns jetzt auf die Füße.

05:57.620 --> 06:00.020
Wir müssen also unsere Landwirtschaft verändern.

06:00.160 --> 06:02.440
Wir müssen sie wassersparender machen.

06:02.600 --> 06:07.340
Wir müssen Pflanzen hervorbringen, die mit neuen Krankheiten

06:07.340 --> 06:08.740
zurechtkommen und so weiter.

06:09.680 --> 06:12.800
Okay, und der dritte und letzte Bereich heißt angewandte

06:12.800 --> 06:13.940
Biodiversität.

06:14.120 --> 06:17.320
Da geht es uns vor allem um die Frage, wie entstehen neue

06:17.320 --> 06:22.580
Pflanzenarten und wie können wir Pflanzen auch unterscheiden und wie

06:22.580 --> 06:26.680
können wir Biodiversität für uns Menschen nutzbar machen?

06:27.640 --> 06:28.920
Das wären so die großen Themen.

06:30.200 --> 06:33.780
Also wollen Sie auch vor allem den Pflanzen helfen, so gesehen sich an

06:33.780 --> 06:37.360
den Klimawandel anzupassen, weil wir eben leider das nicht mehr

06:37.360 --> 06:41.280
verhindern können, aber eben schauen können, dass sich diese im besten

06:41.280 --> 06:42.240
Fall anpassen können.

06:43.280 --> 06:47.220
Sie haben auch gerade die Biodiversität angesprochen und ich glaube,

06:47.280 --> 06:50.740
das greift so auch ein bisschen in meine nächste Frage, denn ja, die

06:50.740 --> 06:53.040
meisten Karlsruher oder alle Karlsruher kennen natürlich den

06:53.040 --> 06:55.400
botanischen Garten im Schlossgarten.

06:55.500 --> 06:58.780
Das ist auch ein kleiner exotischer Urlaub für viele, vielleicht auch

06:58.780 --> 06:59.120
für Sie.

06:59.120 --> 07:04.360
Aber das KIT besitzt auch einen botanischen Garten und das ist

07:04.360 --> 07:07.860
natürlich viel mehr als nur Entspannung, wenn man durchläuft, denn da

07:07.860 --> 07:09.520
findet natürlich auch Forschung statt.

07:09.740 --> 07:14.320
Warum ist denn solch ein botanischer Garten im Herzen einer Stadt so

07:14.320 --> 07:16.220
wichtig und was können Sie auch daraus gewinnen?

07:17.240 --> 07:22.380
Zunächst mal darf ich vorherschicken, dass der Schlossgarten und der

07:22.380 --> 07:26.180
botanische Garten des KIT, dass das ursprünglich mal ein großer Garten

07:26.180 --> 07:33.360
war und dass von Anfang an beide Aspekte in diesem Garten auch

07:33.360 --> 07:34.120
vorhanden waren.

07:34.300 --> 07:39.340
Das eine war natürlich die Erbauung, das Genießen von interessanten

07:39.340 --> 07:40.000
und schönen Pflanzen.

07:40.240 --> 07:42.520
Sie sehen als Hintergrundbild bei mir einen Blick in unser

07:42.520 --> 07:46.320
Seerosenhaus und sehen, dass auch ein Weg bei uns in den botanischen

07:46.320 --> 07:51.260
Garten ein interessanter und spannender Kurzurlaub sein kann.

07:52.360 --> 07:57.220
Aber es war auch von Anfang an immer die Frage, Pflanzen als Objekte

07:57.220 --> 07:57.900
der Forschung.

07:58.440 --> 08:03.900
Und vielleicht sollte ich hier erwähnen, dass die Botanik in Karlsruhe

08:03.900 --> 08:07.180
viel, viel älter ist als das KIT oder die Uni Karlsruhe.

08:07.700 --> 08:08.440
Nämlich schon im 18.

08:08.660 --> 08:14.160
Jahrhundert wurde hier durch den Botaniker Köhlreuter, der auch der

08:14.160 --> 08:18.920
erste Direktor des Gartens war, die Sexualität der Pflanzen entdeckt

08:18.920 --> 08:21.120
und auch die Genetik begründet.

08:21.460 --> 08:25.160
Also der Mendel, der 100 Jahre später lebte, der hat Köhlreuter

08:25.160 --> 08:27.980
ausführlich gelesen und über viele Seiten hinweg zitiert.

08:29.180 --> 08:32.580
Das heißt, die Genetik hat hier in Karlsruhe begonnen, im botanischen

08:32.580 --> 08:32.960
Garten.

08:33.300 --> 08:34.500
Das wissen nur wenige.

08:34.660 --> 08:35.260
Wusste ich auch nicht.

08:35.660 --> 08:35.860
Genau.

08:36.660 --> 08:39.060
Also dieser Aspekt der Forschung war von Anfang an wichtig.

08:39.060 --> 08:43.340
Und inzwischen ist es so, dass eben beide Gärten diese Aspekte auch

08:43.340 --> 08:45.000
natürlich unterschiedlich gewichten.

08:45.060 --> 08:47.200
Im Schlossgarten gibt es natürlich keine Forschung.

08:47.640 --> 08:50.120
Bei uns steht natürlich die Forschung und Lehre im Vordergrund.

08:50.640 --> 08:55.320
Aber wir versuchen auch, den botanischen Garten als Plattform zu

08:55.320 --> 08:59.540
nutzen, um der Öffentlichkeit unsere Forschung nahezubringen und auch

08:59.540 --> 09:01.800
Themen, die uns beschäftigen, nahezubringen.

09:01.800 --> 09:05.500
Zum Beispiel wie wichtig es ist, Biodiversität zu erhalten.

09:05.780 --> 09:09.260
Nicht nur, weil es natürlich schade ist, wenn Pflanzen und Tiere

09:09.260 --> 09:13.080
aussterben, sondern weil es für uns überlebensnotwendig ist.

09:13.600 --> 09:18.460
Diese Biodiversität brauchen wir, um zum Beispiel künftig neue

09:18.460 --> 09:19.920
Pflanzen zu züchten.

09:20.100 --> 09:24.100
Also unser Schwerpunkt liegt auf Nutzpflanzen und deren Verwandten

09:24.100 --> 09:25.740
oder auch deren Vorfahren.

09:26.100 --> 09:30.120
Und wir versuchen immer zu zeigen, dass Forschung und Vielfalt

09:30.120 --> 09:31.060
zusammenhängen.

09:31.060 --> 09:35.740
Also Nutzen und Schützen sind eigentlich keine Gegensatzpaare, sondern

09:35.740 --> 09:38.660
das ist eigentlich zwei Seiten derselben Medaille.

09:38.780 --> 09:40.600
Das wollen wir hier auch rüberbringen mit dem Garten.

09:42.580 --> 09:46.060
Und Sie haben es gerade genannt, man sieht es auch im Video, Sie haben

09:46.060 --> 09:50.100
den Rosengarten oder die Wasserrosen.

09:50.440 --> 09:53.760
Was für exotische Pflanzen befinden sich dann noch im botanischen

09:53.760 --> 09:54.080
Garten?

09:54.080 --> 09:59.540
Wir haben natürlich Dinge, die sind für die Forschung extrem wichtig.

09:59.880 --> 10:02.600
Zum Beispiel etwas, was besonders spannend ist.

10:02.700 --> 10:07.380
Wir haben in unserem Garten inzwischen eine komplette Sammlung der

10:07.380 --> 10:08.300
europäischen Wildrebe.

10:08.740 --> 10:11.280
Das ist der Vorfahr unserer Weinrebe.

10:12.460 --> 10:16.180
Und da haben wir alle Genotypen, den ganzen Genpool, den es noch gibt,

10:16.500 --> 10:17.660
der steht bei uns im Garten.

10:17.660 --> 10:21.560
Und er steht nicht nur bei uns im Garten, sondern die ganzen Genome,

10:21.840 --> 10:25.600
also das ganze Erbgut, wurde in Zusammenarbeit mit der Chinesischen

10:25.600 --> 10:29.780
Akademie der Wissenschaft entziffert und in einer großen Datenbank

10:29.780 --> 10:31.060
abgelegt.

10:31.120 --> 10:35.880
Und wir haben jetzt eben die Möglichkeit, in diesem Schatz nach Genen

10:35.880 --> 10:37.380
der Resilienz zu suchen.

10:37.880 --> 10:40.720
Weil bei diesen Wildreben gibt es eben häufig noch Gene, die zum

10:40.720 --> 10:43.660
Beispiel ein besonders starkes Immunsystem wirken.

10:43.660 --> 10:49.460
Oder Gene, die helfen, mit Trockenstress besser zurechtzukommen und so

10:49.460 --> 10:49.780
weiter.

10:50.040 --> 10:53.800
Und diese Genvarianten, die können wir da suchen, können dann mit der

10:53.800 --> 10:58.520
entsprechenden Pflanze die Funktion untersuchen und können dann, das

10:58.520 --> 11:00.640
machen wir auch schon, natürlich auch züchten.

11:00.840 --> 11:02.820
Das ist ja dieselbe Art wie unsere Weinrebe.

11:02.900 --> 11:06.100
Wir können also neue resiliente Kulturpflanzen züchten.

11:06.200 --> 11:09.320
Das ist natürlich ein sehr langfristiges Projekt.

11:09.320 --> 11:14.440
Aber dieses Wissen, das ist vorhanden und das ist natürlich, würde ich

11:14.440 --> 11:17.280
mal sagen, wahrscheinlich weltweit einmalig.

11:17.360 --> 11:20.580
Sowas gibt es nirgendwo, dass man von dem Vorfahren einer

11:20.580 --> 11:24.100
Kulturpflanze den gesamten Genpool an einem Ort versammelt hat.

11:24.720 --> 11:28.720
Das wäre jetzt eins der Beispiele von besonderen Pflanzen, die wir bei

11:28.720 --> 11:29.580
uns im Garten haben.

11:30.100 --> 11:31.180
Das ist wirklich erstaunlich.

11:31.320 --> 11:33.920
Und auf diese Wildreben wollte ich auch zu sprechen kommen, denn Sie

11:33.920 --> 11:38.280
haben auch in Ihrer Forschung entdeckt, dass, wenn ich es richtig

11:38.280 --> 11:41.480
verstanden habe, eben diese Wildreben auch gegen den Klimawandel

11:41.480 --> 11:42.500
wirken können.

11:43.360 --> 11:46.720
Jetzt haben Sie es ja schon ein bisschen angesprochen, aber wie wird

11:46.720 --> 11:48.600
denn jetzt anhand dieser Ergebnisse weitergearbeitet?

11:49.280 --> 11:53.180
Werden wir denn vielleicht in der Stadt jetzt mehr Wildreben sehen

11:53.180 --> 11:56.580
oder wie geht man dann mit diesen Ergebnissen wirklich in die Welt

11:56.580 --> 11:56.840
rein?

11:56.840 --> 12:00.300
Okay, also das ist natürlich eine gute Frage.

12:00.540 --> 12:03.440
Also in der Tat sind wir tatsächlich schon angefragt worden von

12:03.440 --> 12:08.020
Firmen, die sich für Fassadenbegrünung interessieren, weil die

12:08.020 --> 12:12.600
Wildrebe eben da sehr gut geeignet ist, ob wir da gemeinsam Projekte

12:12.600 --> 12:12.820
machen.

12:13.140 --> 12:16.780
Da laufen auch manche Projekte dann wahrscheinlich im Laufe des Jahres

12:16.780 --> 12:17.200
noch an.

12:17.860 --> 12:18.980
Das meine ich jetzt aber nicht.

12:19.260 --> 12:22.100
Die Frage ist, was können wir mit diesem Wissen in der Welt anfangen?

12:22.100 --> 12:23.200
Ich mache mal ein Beispiel.

12:24.200 --> 12:28.860
Also wir haben herausgefunden, es gibt eine neue Form von Krankheiten

12:28.860 --> 12:32.160
im Weinbau, aber es gibt es auch bei anderen Bäumen.

12:32.520 --> 12:36.520
Im Stadtbild findet man das häufig, dass Bäume plötzlich

12:36.520 --> 12:38.820
zusammenbrechen und dann werden die gefällt.

12:38.980 --> 12:42.320
Allein im letzten Jahr sind in Karlsruhe, soweit ich weiß, 4.000 Bäume

12:42.320 --> 12:45.540
gefällt worden, weil es natürlich riskant ist, wenn so ein Baum

12:45.540 --> 12:46.160
abstirbt.

12:47.020 --> 12:49.940
Zugrunde liegt ein ganz merkwürdiges Geschehen.

12:49.940 --> 12:54.980
Das sind Pilze, die im Holz leben und das sind eigentlich harmlose

12:54.980 --> 12:58.480
Mitesser, die normalerweise keine Probleme machen.

12:58.600 --> 13:02.080
Die leben praktisch von den Bröseln, die der Baum ihnen übrig lässt,

13:02.220 --> 13:03.280
also von altem Holz.

13:04.260 --> 13:08.020
Und wenn der Baum aber unter Stress gerät, vor allem Hitze und

13:08.020 --> 13:12.240
Dürrestress, wie das eben jetzt die letzten Jahre häufig war, dann

13:12.240 --> 13:15.840
spürt der Pilz, dass es seinem Wirt nicht mehr gut geht.

13:16.220 --> 13:17.580
Und was muss er dann tun?

13:17.580 --> 13:19.840
Na ja, die Ratten verlassen das sinkende Schiff.

13:20.380 --> 13:22.380
Was macht ein Pilz, der im Holz lebt?

13:23.100 --> 13:25.300
Der hat nur die Möglichkeit, abzuhauen.

13:25.520 --> 13:27.840
Abhauen bedeutet, er muss Fruchtkörper bilden.

13:28.160 --> 13:29.980
Er muss also sexuell werden.

13:30.440 --> 13:31.720
Also er schaltet Sex an.

13:32.480 --> 13:35.580
Die Energie, die er dafür braucht, gewinnt er dadurch, dass er seinen

13:35.580 --> 13:39.260
Wirt mit Hilfe von Giftstoffen umbringt, Toxine bildet.

13:39.700 --> 13:43.080
Das führt dazu, dass der Baum ganz schnell abstirbt oder dass die Rebe

13:43.080 --> 13:45.720
ganz schnell abstirbt, oft innerhalb von wenigen Tagen.

13:45.720 --> 13:50.680
Der Pilz bildet Fruchtkörper und bildet Sporen, die dann wieder

13:50.680 --> 13:52.200
davongetragen werden.

13:52.320 --> 13:54.900
Und er sucht sich quasi eine neue Bleibe.

13:55.780 --> 14:00.260
Diese Krankheit ist im Prinzip eine Krankheit, die unterscheidet sich

14:00.260 --> 14:01.600
von klassischen Krankheiten.

14:01.780 --> 14:04.940
Klassisch ist es so, man hat irgendeinen Erreger, der kommt und ich

14:04.940 --> 14:05.840
kriege die Krankheit.

14:07.360 --> 14:10.480
Das sind aber jetzt Erreger, die sind eigentlich da und die sind

14:10.480 --> 14:11.380
eigentlich harmlos.

14:11.380 --> 14:16.380
Es ist quasi eine, wie soll ich sagen, Verhaltensänderung.

14:17.180 --> 14:21.720
Und die geschieht eben infolge von zu viel und zu langem chronischem

14:21.720 --> 14:23.860
Stress der Wirtspflanze.

14:24.800 --> 14:28.780
Das sind also, mit Fug und Recht kann man das so sagen, Krankheiten

14:28.780 --> 14:30.040
des Klimawandels.

14:30.640 --> 14:34.360
Und es geht hier um wirklich viel Geld und große Schäden.

14:34.360 --> 14:40.260
Allein im Elsass 2018 sind vermutlich eine Milliarde Euro Schäden

14:40.260 --> 14:45.800
entstanden, dass durch diese sogenannten SK-Syndrome solche Reben

14:45.800 --> 14:46.840
abgestorben sind.

14:47.260 --> 14:49.460
Bei uns nimmt es auch immer mehr zu.

14:49.540 --> 14:52.320
In Italien sind schon 30 Prozent der Flächen betroffen.

14:52.980 --> 14:56.320
So, was kann ich jetzt tun gegen solche Krankheiten?

14:56.420 --> 15:00.280
Zum einen haben wir entdeckt, dass also unsere Wildreben, also manche

15:00.280 --> 15:04.660
von diesen Wildreben, in der Lage sind, diesen Pilz mit seinen eigenen

15:04.660 --> 15:05.720
Waffen zu schlagen.

15:06.180 --> 15:11.400
Und zwar können die diesen Giftstoff des Toxins umwandeln in einen

15:11.400 --> 15:12.200
Abwehrstoff.

15:12.820 --> 15:15.360
Also der Pilz bringt sich mit seinem eigenen Schwert um.

15:15.480 --> 15:22.680
Wenn er böse wird, entsteht dann etwas, was ihn selber umbringt.

15:24.040 --> 15:27.480
Und das heißt, viele von diesen Wildreben können sich sehr gut gegen

15:27.480 --> 15:29.060
diese Pilze wehren.

15:29.060 --> 15:34.240
Und wir wissen ein bisschen schon, welche Gene hierfür verantwortlich

15:34.240 --> 15:34.520
sind.

15:35.300 --> 15:39.340
Und jetzt können wir natürlich versuchen, durch Züchtung das in

15:39.340 --> 15:43.700
Kulturreben einzukreuzen, um unsere Kulturreben resilienter zu machen.

15:44.660 --> 15:47.380
Das ist natürlich eine langfristige Angelegenheit bei der Weinrebe.

15:47.980 --> 15:51.500
Also vielleicht können meine Enkel solche Weinreben dann anbauen.

15:51.860 --> 15:55.540
Wir brauchen auch etwas Schnelleres gleichzeitig.

15:56.280 --> 16:02.580
Wir haben eben herausgefunden, mithilfe dieser Wildreben, dass die

16:02.580 --> 16:05.780
Pflanze und der Pilz Signale austauschen.

16:05.920 --> 16:09.480
Also der Pilz merkt aufgrund von chemischen Veränderungen seiner

16:09.480 --> 16:13.220
Pflanze, dass die Pflanze jetzt unter Stress steht.

16:14.640 --> 16:17.320
Und wir kennen einige von diesen Signalen.

16:17.400 --> 16:19.960
Die haben wir übrigens mit diesem Chip, den ich vorher erwähnt habe,

16:20.140 --> 16:21.820
zum Teil herausbekommen.

16:21.820 --> 16:25.440
Und jetzt können wir natürlich überlegen, unter welchen Bedingungen

16:25.440 --> 16:27.400
entsteht dieses Signal.

16:28.060 --> 16:33.200
Und wir arbeiten jetzt daran, können wir durch eine Behandlung der

16:33.200 --> 16:38.220
Pflanze erreichen, dass sie, selbst wenn sie unter Stress steht,

16:38.820 --> 16:46.740
dieses Kapitulationssignal, was den Pilz veranlasst, den Gnadentod zu

16:46.740 --> 16:47.120
verabreichen.

16:47.700 --> 16:51.080
Dass wir dieses Signal abfangen können, sodass es nicht entsteht.

16:51.080 --> 16:56.360
Sodass der Pilz weiterhin glaubt, ja, mein Wirt ist eigentlich noch

16:56.360 --> 16:57.540
ganz in Ordnung.

16:57.640 --> 17:01.360
Ich muss jetzt nicht irgendwie jetzt den bösen Pilz raushängen und ihn

17:01.360 --> 17:06.040
umbringen, sondern ich kann weiter friedlich als sozusagen Untermieter

17:06.040 --> 17:06.660
weiterleben.

17:06.940 --> 17:09.520
Das ist ein anderer Weg, den wir momentan gehen.

17:09.640 --> 17:14.400
Wir untersuchen gerade jetzt, ob wir zum Beispiel durch eine besondere

17:14.400 --> 17:20.940
Behandlung des Bodens mit sogenannter Terabreta oder Schwarzerde die

17:20.940 --> 17:25.420
Reben dazu bringen können, unter Stress dieses Signal nicht oder nur

17:25.420 --> 17:29.800
weniger davon zu bilden, um die Pilze sozusagen friedlich zu halten.

17:30.100 --> 17:33.180
Das ist ein Versuch, der jetzt dann im Frühling losgeht im Rahmen

17:33.180 --> 17:34.060
einer Promotion.

17:35.100 --> 17:38.160
Das ist wirklich faszinierend, was möglich ist, gerade auch dieser

17:38.160 --> 17:41.020
Faktor, den Pilz sozusagen hereinzulegen.

17:41.020 --> 17:45.160
Aber da bin ich auch gespannt, wie die Forschung sich innerhalb dieser

17:45.160 --> 17:49.060
Promotion zeigen wird und hoffe, dass das auch natürlich Erfolg mit

17:49.060 --> 17:49.400
sich bringt.

17:49.460 --> 17:50.420
Das ist natürlich eine wichtige Sache.

17:51.420 --> 17:53.480
Aber Sie sehen an dem Beispiel auch, wie wir vorgehen.

17:53.640 --> 17:58.700
Also wir sind natürlich im KIT, an einer Forschungseinrichtung,

17:59.020 --> 18:02.840
letztlich an einer Universität, und uns interessieren die Dinge.

18:02.960 --> 18:04.640
Wir wollen wissen, wie es funktioniert.

18:04.940 --> 18:06.480
Das nennt man Grundlagenforschung.

18:07.020 --> 18:10.040
Aber wenn wir verstanden haben, wie es funktioniert, sind wir immer

18:10.040 --> 18:12.600
auch daran interessiert, das in Anwendungen zu bringen.

18:12.780 --> 18:16.880
Dieses Experiment, was ich jetzt gerade beschrieben habe, wäre eine

18:16.880 --> 18:19.100
Anwendung, die beruht auf unserer Grundlagenforschung.

18:19.880 --> 18:24.060
Wir wollen damit auch klarmachen, es gibt keine gute Anwendung ohne

18:24.060 --> 18:26.940
ein Verständnis dessen, was man verändern möchte.

18:27.040 --> 18:28.920
Und dafür brauche ich Grundlagenforschung.

18:29.080 --> 18:31.980
Das muss man auch gerade in der Politik immer wieder betonen.

18:31.980 --> 18:33.260
Ja, auf jeden Fall.

18:34.560 --> 18:37.600
Und von den Pilzen würde ich gerne zum Reis kommen.

18:37.700 --> 18:41.840
Denn Sie haben auch ein Projekt, wo es um die molekulare Züchtung für

18:41.840 --> 18:43.440
eine nachhaltige Landwirtschaft geht.

18:43.980 --> 18:48.000
Und diese findet auch in Kooperation mit internationalen Partnern

18:48.000 --> 18:48.300
statt.

18:48.740 --> 18:51.520
Und da geht es eben, wie gesagt, um Landwirtschaft und um Reis.

18:51.740 --> 18:53.300
Könnten Sie uns dazu auch bitte was erzählen?

18:54.580 --> 18:59.460
Ja, diese Forschung betreiben wir jetzt schon fast 30 Jahre.

18:59.460 --> 19:03.100
Ausgangspunkt war eigentlich mal eine Mutante, die ich seinerzeit als

19:03.100 --> 19:05.880
Postdoktorand in Japan gefunden habe.

19:07.280 --> 19:11.000
Mein japanischer Chef interessierte sich damals für die Frage, wie

19:11.000 --> 19:12.520
Pflanzen Licht wahrnehmen.

19:12.600 --> 19:15.780
Da gibt es einen Photorezeptor, also quasi ein Sehpigment, das nennt

19:15.780 --> 19:16.620
sich Phytochrom.

19:17.460 --> 19:21.620
Und er bat mich, nach einem Reis zu suchen, der quasi blind sei.

19:22.200 --> 19:25.480
Das habe ich dann auch gemacht und habe dann auch so eine Mutante

19:25.480 --> 19:26.000
gefunden.

19:26.000 --> 19:28.820
Und das war alles sehr abenteuerlich.

19:29.620 --> 19:33.160
Aber wir haben dann einige Jahre später herausgefunden, dass diese

19:33.160 --> 19:36.400
Mutante nicht blind ist, sondern Licht und Dunkel verwechselt.

19:36.700 --> 19:40.960
Und dass sie auch gar kein Problem hat mit diesem Photorezeptor namens

19:40.960 --> 19:44.480
Phytochrom, sondern dass ihr ein Hormon fehlt.

19:44.580 --> 19:50.180
Und dieses Hormon heißt Jasmonsäure und ist so was wie das Adrenalin

19:50.180 --> 19:50.820
der Pflanze.

19:52.060 --> 19:56.160
Also diese Pflanze ist sozusagen ein cooler James Bond, der keinen

19:56.160 --> 19:57.200
Adrenalin bildet.

19:58.200 --> 20:00.640
Und zunächst mal dachten wir, naja, die Pflanze hat wahrscheinlich

20:00.640 --> 20:02.080
große Nachteile dadurch.

20:02.860 --> 20:06.700
Und häufig hat sie große Nachteile, aber es gibt ein paar Momente, wo

20:06.700 --> 20:07.620
sie Vorteile hat.

20:07.960 --> 20:14.380
Beispielsweise haben wir herausgefunden, dass dieser coole Reis besser

20:14.380 --> 20:16.480
mit Salzstress zurechtkommt.

20:16.480 --> 20:19.560
Und ich habe Ihnen ja schon erzählt, Salzstress ist ein großes Thema

20:19.560 --> 20:20.360
in vielen Ländern.

20:21.040 --> 20:25.600
Durch künstliche Bewässerung in Südostasien ist es auch regelmäßig ein

20:25.600 --> 20:32.500
Problem, dass infolge der Monsoon-Überflutung dann praktisch mehr über

20:32.500 --> 20:35.750
Reisfelder drüberkommt und dann die ganzen Ernten einbrechen.

20:36.700 --> 20:39.440
Deswegen ist Salztoleranz bei Reis ein großes Thema.

20:39.440 --> 20:45.460
Und jetzt haben wir eben mithilfe dieser Mutante herausgefunden, wie

20:45.460 --> 20:53.360
funktioniert es eigentlich, was hat Adrenalin quasi mit Salztoleranz

20:53.360 --> 20:53.840
zu tun?

20:54.260 --> 20:58.860
Und mein Mitarbeiter Michael Riemann, der also diesen Bereich in

20:58.860 --> 21:05.140
unserem Labor leitet, hat eben herausgefunden, dass es viel damit zu

21:05.140 --> 21:09.520
tun hat, in welcher Form und in welcher Zeitlichkeit dieses

21:09.520 --> 21:11.020
Stresssignal gebildet wird.

21:11.440 --> 21:15.060
Bei uns ist es ja auch so, Stress ist ja eigentlich etwas, was eine

21:15.060 --> 21:16.980
positive Funktion hat.

21:17.080 --> 21:18.240
Stress warnt uns.

21:18.580 --> 21:21.900
Wenn ich Adrenalinschübe habe, dann kann ich besser rennen, besser

21:21.900 --> 21:23.000
kämpfen und so weiter.

21:23.760 --> 21:26.520
Aber wichtig ist, dass dann hinterher der Stress auch wieder

21:26.520 --> 21:28.300
heruntergeschaltet wird.

21:28.700 --> 21:32.840
Wenn ich hinterher nicht runterkühlen kann, dann habe ich ganz schnell

21:32.840 --> 21:33.580
meinen Burnout.

21:34.410 --> 21:36.620
Und das ist bei der Pflanze nicht anders.

21:36.820 --> 21:40.800
Das heißt also, die Bildung von diesem Stresssignal Jasmonsäure ist

21:40.800 --> 21:41.400
sehr wichtig.

21:41.940 --> 21:46.220
Genauso wichtig ist aber, dass nach Erfolg der Alarmierung dieses

21:46.220 --> 21:48.120
Signal wieder abgebaut wird.

21:49.120 --> 21:53.260
Und mithilfe dieser Mutanten konnten wir eben sehr viel Wissen darüber

21:53.260 --> 21:57.820
herausbekommen und haben herausbekommen, dass wenn wir diese

21:57.820 --> 22:02.180
Zeitlichkeit steuern können, dass wir damit Pflanzen resilienter

22:02.180 --> 22:02.740
machen können.

22:04.460 --> 22:08.380
Und wir kennen inzwischen einige der Gene, die hier eine Rolle

22:08.380 --> 22:08.900
spielen.

22:09.020 --> 22:15.060
Und wir wissen auch, dass es darum geht, wie diese Gene an- und

22:15.060 --> 22:16.120
abgeschaltet werden.

22:17.840 --> 22:21.320
Jedes Gen hat eine sogenannte Steuersequenz, einen sogenannten

22:21.320 --> 22:27.660
Promotor, der sozusagen dieses Gen aktiviert, aber auch wieder

22:27.660 --> 22:28.560
abschalten kann.

22:28.560 --> 22:36.760
Und jetzt gibt es eben, wenn wir jetzt genau wissen, welche zeitliche

22:36.760 --> 22:41.620
Folge von Aktivierung und wieder runterkommen wir brauchen, um eine

22:41.620 --> 22:46.040
gute Stresstoleranz zu bekommen, können wir jetzt natürlich nach

22:46.040 --> 22:48.840
Varianten von solchen Genen suchen.

22:49.300 --> 22:50.140
Und die gibt es.

22:50.540 --> 22:54.820
Die gibt es zum Beispiel in alten sogenannten Landrassen von Reis.

22:54.820 --> 23:00.960
Das sind also sehr ursprüngliche Formen, die meistens in einer

23:00.960 --> 23:02.880
bestimmten Gegend angebaut werden.

23:03.080 --> 23:04.840
Und der Großvater hat das schon gemacht.

23:05.840 --> 23:09.920
Man säht es aus, ein Teil des Saatguts wird zurückbehalten, wird im

23:09.920 --> 23:12.000
nächsten Jahr wieder ausgesät und so weiter.

23:12.140 --> 23:15.720
Und im Laufe der Zeit passt sich so eine Landrasse dann an eine

23:15.720 --> 23:17.320
bestimmte Gegebenheit an.

23:17.900 --> 23:20.940
Das Problem von diesen Landrassen ist, dass der Ertrag meistens sehr

23:20.940 --> 23:24.440
gering ist, viel weniger, auf den Faktor 10 geringer als mit den

23:24.440 --> 23:26.320
Hochleistungssorten, die wir heute haben.

23:26.960 --> 23:29.960
Das heißt also, die Welt kann man damit meistens nicht ernähren.

23:30.420 --> 23:34.380
Aber häufig haben diese Landrassen eben noch sehr interessante

23:34.380 --> 23:36.120
Resilienzfaktoren.

23:37.040 --> 23:40.280
Und das versteht man jetzt so langsam, dass Biodiversität ein großer

23:40.280 --> 23:41.060
Schatz ist.

23:42.020 --> 23:45.320
Und wir arbeiten hier sehr intensiv zusammen mit dem International

23:45.320 --> 23:50.420
Rice Research Institute, dem IRI auf den Philippinen, die eine große

23:50.420 --> 23:53.020
Sammlung von solchen Landrassen haben.

23:53.380 --> 23:56.440
Und auch ähnlich wie wir das bei der Weinrebe gemacht haben, das Ganze

23:56.440 --> 24:00.940
auch in Datenbanken, das ganze Erbgut sequenziert abgelegt haben.

24:01.640 --> 24:04.280
Und jetzt können wir eben zum Beispiel sagen, naja, wir wollen jetzt

24:04.280 --> 24:09.760
eben eine bestimmte Form von Promotor von Gen XY, weil das besonders

24:09.760 --> 24:14.420
gut ist für das Runterkühlen in Antwort auf Salzstress oder in Antwort

24:14.420 --> 24:15.440
auf Hitzestress.

24:15.900 --> 24:19.260
Dann kann man eben in diese Datenbank reingehen und kann gucken, gibt

24:19.260 --> 24:22.080
es irgendeine Landrasse, die diese Genvariante hat?

24:23.000 --> 24:26.160
Und dann kommt vielleicht raus, ah ja, im oberen Myanmar, da gibt es

24:26.160 --> 24:27.360
eine Landrasse, die hat es.

24:27.440 --> 24:28.780
Und die haben wir bei uns in der Sammlung.

24:29.440 --> 24:33.640
Dann kann man die nehmen und kann die jetzt einkreuzen in so eine

24:33.640 --> 24:35.040
Elite -Sorte.

24:36.420 --> 24:40.760
Und da ich auch genau weiß, welche Genvariante da drin sein muss, kann

24:40.760 --> 24:44.100
ich dann mithilfe von molekularen Methoden auch ganz leicht

24:44.100 --> 24:47.360
feststellen in der Nachkommenschaft dieser Kreuzung, da ist ja jede

24:47.360 --> 24:51.020
Pflanze unterschiedlich, welche Pflanze die richtige ist, mit der ich

24:51.020 --> 24:52.160
dann weiterzüchten kann.

24:52.860 --> 24:57.800
Man nennt sowas Smart Breeding und das ist sozusagen das, was momentan

24:57.800 --> 25:01.800
erlaubt, sehr schnell dann mithilfe von molekularbiologischem Wissen

25:01.800 --> 25:04.780
eben gezielt zu züchten.

25:05.420 --> 25:08.280
Das ist wirklich beeindruckend, was alles möglich ist.

25:08.360 --> 25:10.680
Und ich glaube, das nächste Mal, wenn ich einkaufen gehe und nach dem

25:10.680 --> 25:14.680
Reis greife, dann werde ich das Ganze auch ganz anders sehen oder auch

25:14.680 --> 25:15.720
darüber nachdenken.

25:15.820 --> 25:18.720
Das ist wirklich toll, was alles möglich ist.

25:19.680 --> 25:23.220
Ja, zum Ende hin, da stelle ich immer gerne eine Zukunftsfrage.

25:23.940 --> 25:27.680
Und die wäre in diesem Fall, was steht denn aktuell oder in der nahen

25:27.680 --> 25:29.720
Zukunft noch in Ihrer Forschung an?

25:29.720 --> 25:33.900
Gibt es denn neue Projekte oder Kooperationen, die Sie jetzt schon mit

25:33.900 --> 25:34.580
uns teilen können?

25:35.900 --> 25:42.360
Ja, also was wir gerne machen würden, wäre, wir interessieren uns

25:42.360 --> 25:47.560
momentan sehr stark für sogenannte Sekundärstoffe.

25:47.700 --> 25:51.860
Also Pflanzen bilden ungefähr eine Million unterschiedliche Stoffe,

25:51.940 --> 25:53.120
die es nur bei Pflanzen gibt.

25:53.500 --> 25:58.120
Und viele von diesen Stoffen haben die Funktion, andere Organismen zu

25:58.120 --> 25:58.760
manipulieren.

25:58.760 --> 26:01.440
Pflanzen können ja nicht rumlaufen, die können nicht wegrennen, die

26:01.440 --> 26:04.160
können nicht irgendwie sich einen Geschlechtspartner suchen und, und,

26:04.180 --> 26:04.460
und.

26:04.920 --> 26:09.620
Sie müssen andere Organismen durch Kommunikation dazu bringen, das für

26:09.620 --> 26:10.300
sie zu tun.

26:11.760 --> 26:18.840
Und das heißt also, Evolution ist Kommunikation und das sind häufig

26:18.840 --> 26:19.800
chemische Stoffe.

26:20.380 --> 26:23.920
Viele von diesen Stoffen sind sehr spannend, weil sie auch auf uns

26:23.920 --> 26:25.300
eine Wirkung entfalten.

26:25.300 --> 26:29.100
Das ist ja die Grundlage für die ganze pflanzliche Medizin.

26:29.620 --> 26:32.720
Jede Art von Medizin hat ursprünglich begonnen mit Heilpflanzen in

26:32.720 --> 26:33.360
jeder Kultur.

26:34.120 --> 26:38.880
Und wir nutzen diesen Schatz also schon pragmatisch und mit dem oft

26:38.880 --> 26:41.360
sehr lang zurückreichenden Wissen.

26:41.840 --> 26:44.400
Häufig weiß man aber nicht genau, wie es funktioniert.

26:44.540 --> 26:46.660
Das kommt jetzt erst so langsam dann raus.

26:47.320 --> 26:51.060
Ein Problem ist, dass viele von diesen Substanzen sind noch

26:51.060 --> 26:51.700
unentdeckt.

26:51.700 --> 26:54.800
Und die Pflanzen, die solche Substanzen produzieren, sind oft sehr

26:54.800 --> 26:55.160
selten.

26:55.300 --> 26:59.640
Sie leben irgendwo in bedrohten Gegenden, wo die Biodiversität bedroht

26:59.640 --> 26:59.860
ist.

27:00.280 --> 27:03.740
Und sie werden irgendwann mal vielleicht auch aussterben durch

27:03.740 --> 27:08.740
sozusagen unsere Tätigkeit, weil wir uns ungehemmt ausbreiten und

27:08.740 --> 27:10.660
alles andere sozusagen niedermachen.

27:11.540 --> 27:16.780
Und wir suchen nach Wegen, wie wir hier nachhaltiger arbeiten können.

27:16.780 --> 27:22.860
Und deswegen arbeiten wir viel auch daran, an diesem sogenannten

27:22.860 --> 27:27.520
Sekundärstoffwechsel von interessanten Heilpflanzen, also vor allem

27:27.520 --> 27:30.720
von sehr seltenen Heilpflanzen, und überlegen, können wir sowas

27:30.720 --> 27:32.600
biotechnologisch nachmachen.

27:33.360 --> 27:36.720
Jetzt ist es so, dass diese ganzen wertvollen Substanzen meistens

27:36.720 --> 27:39.740
nicht von einer Zelle alleine hergestellt werden, sondern das ist

27:39.740 --> 27:40.400
Teamwork.

27:41.200 --> 27:45.040
In der Pflanze arbeiten verschiedene Zellen zusammen.

27:45.580 --> 27:49.160
Die eine macht das, dann wird das Produkt weitergegeben an die nächste

27:49.160 --> 27:51.880
Zelle, die macht was anderes, die gibt es eine dritte und so weiter.

27:51.960 --> 27:55.900
Das sind oft fünf bis zehn Zelltypen, die zusammenarbeiten müssen, bis

27:55.900 --> 27:59.940
dann so ein sehr wertvoller, zum Beispiel Antikrebsstoff wie

27:59.940 --> 28:02.620
Vincristin, erzeugt werden kann.

28:03.740 --> 28:07.040
Vincristin wird hergestellt aus einer Pflanze, die heißt Catarantus

28:07.040 --> 28:09.020
roseus, die kommt auf Madagaskar vor.

28:09.580 --> 28:13.600
Und sie brauchen für ein Milligramm von dieser Substanz 200 Kilogramm

28:13.600 --> 28:14.280
Blattmaterial.

28:15.280 --> 28:18.260
Dann können Sie sich vorstellen, was Vincristin kostet.

28:19.920 --> 28:24.100
Tolle Antikrebskomponente, aber das können sich nur sehr reiche Leute

28:24.100 --> 28:26.200
in sehr reichen Ländern leisten.

28:26.660 --> 28:28.020
Das ist eigentlich nicht in Ordnung.

28:29.180 --> 28:32.440
Und deswegen wäre jetzt die Frage, können wir sowas zum Beispiel in

28:32.440 --> 28:33.800
Zellkultur herstellen?

28:34.460 --> 28:37.920
Das ist eine ziemlich harte Nuss, weil das eben verschiedene Zellen

28:37.920 --> 28:38.120
sind.

28:38.200 --> 28:42.420
Wie kann ich sowas biotechnologisch praktisch simulieren?

28:42.420 --> 28:46.060
Und da ist unsere Idee und da arbeiten wir dran, wobei das eben noch

28:46.060 --> 28:46.860
ein langer Weg ist.

28:46.940 --> 28:51.860
Wir sind da erst am Anfang, mit Hilfe dieses Chips das quasi technisch

28:51.860 --> 28:52.720
nachzustellen.

28:53.020 --> 28:56.320
Und zwar die Idee ist, dass wir in jedem Chip einen unterschiedlichen

28:56.320 --> 29:01.080
Zelltyp kultivieren, die dann miteinander verbunden sind durch einen

29:01.080 --> 29:02.420
sogenannten Mikrofluidikstrom.

29:02.420 --> 29:09.700
Wir versuchen also technisch, ein Pflanzengewebe nachzubauen, um

29:09.700 --> 29:13.340
solche Stoffe dann zu bekommen.

29:13.460 --> 29:15.640
Da sind wir mit den Kollegen am Campus Nord unterwegs.

29:16.320 --> 29:19.720
Wie gesagt, ein sehr mühsamer Weg und sehr hart.

29:19.960 --> 29:21.900
Dabei lernen wir aber alles Mögliche andere noch.

29:22.820 --> 29:25.280
Das nehmen wir natürlich dann auch gerne mit am Wegesrand.

29:25.560 --> 29:29.380
Vor kurzem haben wir jetzt entdeckt, dass Pflanzenzellen eine Art

29:29.380 --> 29:30.660
Quorumsensing machen.

29:30.660 --> 29:34.840
Das heißt, die messen, ob andere Zellen um sie rum sind.

29:35.000 --> 29:38.400
Und wenn sie alleine sind, dann werden sie depressiv und sterben zwar

29:38.400 --> 29:40.280
nicht gleich, aber sie teilen sich nicht mehr.

29:41.540 --> 29:46.720
Und jetzt haben wir herausgefunden, dass wenn man ihnen sozusagen das

29:46.720 --> 29:51.220
Kulturmedium gibt, wo viele Zellen drin waren, dann sind sie wieder

29:51.220 --> 29:52.860
glücklich und fangen sich an zu teilen.

29:52.960 --> 29:55.620
Das haben wir mit unserem Chip gerade herausbekommen.

29:55.620 --> 30:00.200
Und jetzt haben wir schon erste Kandidaten, molekulare Kandidaten für

30:00.200 --> 30:04.420
dieses Quorumsensing-Signal, so eine Art Sozialstoff der Pflanzen

30:04.420 --> 30:05.640
gefunden.

30:05.780 --> 30:08.500
Und da kann man natürlich dann auch sehr viele Dinge damit machen.

30:09.060 --> 30:11.080
Aber in der Richtung sind wir momentan unterwegs.

30:11.200 --> 30:14.760
Wir wollen also Kommunikation zwischen Pflanzen und Pflanzenzellen

30:14.760 --> 30:18.420
auch für uns Menschen nutzbar machen, aber auch verstehen, wie das

30:18.420 --> 30:19.000
funktioniert.

30:20.240 --> 30:23.160
Das ist wirklich beeindruckende Forschung, die Sie betreiben.

30:23.360 --> 30:27.280
Und ich hoffe auch sehr, dass gerade das Projekt, wo Sie nach diesem

30:27.280 --> 30:31.360
Antikrebsstoff suchen, dass das erfolgreich läuft.

30:32.380 --> 30:35.940
Ich drücke Ihnen da natürlich auch die Daumen und bedanke mich sehr

30:35.940 --> 30:38.800
herzlich für das interessante Gespräch und wünsche Ihnen noch für die

30:38.800 --> 30:40.140
weitere Forschung alles, alles Gute.

30:40.780 --> 30:41.720
Okay, vielen Dank.

30:42.820 --> 30:45.920
Damit kommen wir am Ende der heutigen Podcast-Folge Karlsruher

30:45.920 --> 30:47.560
Beiträge zur Klimaforschung an.

30:47.560 --> 30:52.600
Zu Gast war Herr Prof. Dr. Peter Nick, Molekularbiologe und Leiter der

30:52.600 --> 30:54.480
molekularen Zellbiologie am KIT.

30:55.220 --> 30:58.600
Zudem leitet er das Nick-Labor, welches Teil des Botanischen Instituts

30:58.600 --> 30:58.940
ist.

30:59.380 --> 31:02.560
Wer mehr über die Forschung von Herr Prof. Dr. Nick und dem Nick-Labor

31:02.560 --> 31:05.740
erfahren möchte, kann sehr gerne auf der Website des Botanischen

31:05.740 --> 31:06.900
Instituts vorbeischauen.

31:07.600 --> 31:11.000
Dieses finden Sie unter botanik.kit.edu.

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botanik.kit.edu Am Mikrofon war Joshua Bayless.

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Untertitel der Amara.org-Community

