WEBVTT

00:00.000 --> 00:04.880
Wälder spielen eine zentrale Rolle, wenn es um die Speicherung von CO2

00:04.880 --> 00:05.300
geht.

00:05.800 --> 00:10.620
Gigantische 860 Gigatonnen des klimaschädlichen Gases wurden nach

00:10.620 --> 00:14.260
wissenschaftlichen Schätzungen der Atmosphäre des Planeten durch die

00:14.260 --> 00:18.940
Photosynthese der Bäume entzogen und in Holz und Wurzelwerk

00:18.940 --> 00:19.940
eingelagert.

00:20.420 --> 00:24.640
Der Erhalt der Wälder ist deshalb unverzichtbar für die Abwehr der

00:24.640 --> 00:26.520
drohenden Klimakatastrophe.

00:26.520 --> 00:31.380
Leider gehen immer noch vor allem ursprüngliche und artenreiche Wälder

00:31.380 --> 00:32.000
verloren.

00:32.660 --> 00:36.500
Dabei trifft der Verlust an Waldflächen nicht nur die Regenwälder in

00:36.500 --> 00:37.200
den Tropen.

00:37.740 --> 00:41.160
Eine Studie am Karlsruher Institut für Technologie hat jetzt

00:41.160 --> 00:45.180
ermittelt, dass auch die Wälder in den östlichen Mitgliedsländern der

00:45.180 --> 00:47.500
EU stark gefährdet sind.

00:47.960 --> 00:52.320
Dort finden sich 80 Prozent des in ganz Europa in Biomasse

00:52.320 --> 00:53.520
gespeicherten CO2.

00:53.520 --> 00:58.360
Wir haben den Trend der letzten zehn Jahre und endend mit dem Jahr

00:58.360 --> 01:02.640
2019 angeschaut und wir sehen eben einen Rückgang dieser

01:02.640 --> 01:03.740
Kohlenstoffspeicher.

01:03.880 --> 01:05.480
Und da gibt es mehrere Gründe dafür.

01:05.720 --> 01:09.400
Zum einen ist es, dass ein großer Anteil dieser Kohlenstoffspeicher

01:09.400 --> 01:14.020
eben in Gebieten ist, die zu Zeiten des Zerfalls der Sowjetunion oder

01:14.020 --> 01:17.540
nach diesem Zerfall der Sowjetunion, also das waren ehemalige

01:17.540 --> 01:19.920
Agrarflächen, die dann aufgegeben worden sind.

01:19.920 --> 01:23.060
Und auf diesen ehemaligen Agrarflächen konnten natürlich Wälder wieder

01:23.060 --> 01:23.740
aufwachsen.

01:24.260 --> 01:27.720
Und jetzt ist es so, dass natürlich mit der Zeit ein Sättigungsprozess

01:27.720 --> 01:32.200
einsetzt, dass eben ältere Wälder weniger CO2 aufnehmen können.

01:32.560 --> 01:33.340
Das ist das eine.

01:33.820 --> 01:38.040
Und das andere, und das ist in unserer Analyse als Haupttreiber diesem

01:38.040 --> 01:42.740
Verlust der CO2-Senke herausgekommen, das ist der zunehmende

01:42.740 --> 01:45.240
Holzeinschlag im Westen von Russland.

01:45.240 --> 01:49.020
Also wir sehen, dass gerade im Westen Russlands sehr, sehr große

01:49.020 --> 01:54.200
Kahlschläge vonstatten geht und dass immer mehr Holzentnahme dort

01:54.200 --> 01:57.260
stattfindet und die natürlich den Kohlenstoffspeicher schwächt.

01:57.900 --> 02:02.120
Es kam in unserer quantitativen Analyse heraus, dass eben genau diese

02:02.120 --> 02:05.180
Holzentnahme einer der Haupterklärvariablen ist.

02:05.320 --> 02:10.520
Die Geografin Carina Winkler arbeitet am Campus Alpin des Karlsruher

02:10.520 --> 02:13.600
Instituts für Technologie in Garmisch-Partenkirchen.

02:13.600 --> 02:18.340
Ihr Forschungsteam hat sich dort mit Techniken der Fernerkundung an

02:18.340 --> 02:23.320
die schwierige Aufgabe gemacht, den Umfang der CO2-Speicherungen in

02:23.320 --> 02:27.280
den Wäldern der Länder des ehemaligen Warschauer Pakts und im Westen

02:27.280 --> 02:29.340
Russlands zu quantifizieren.

02:29.760 --> 02:33.540
Entstanden ist die Forschungsidee aus einem europäischen Projekt mit

02:33.540 --> 02:36.940
dem Namen Verify und es ging eigentlich darum, unsere

02:36.940 --> 02:41.200
Kohlenstoffspeicher in Europa zu erforschen, also eben verschiedene

02:41.200 --> 02:44.660
Methoden zusammenzubringen und genauere Daten zu haben.

02:44.980 --> 02:48.800
Und uns ist aufgefallen, dass wenn wir ganz Europa betrachten, vor

02:48.800 --> 02:53.980
allem Osteuropa eine Region ist, in der es noch ein recht dünnes

02:53.980 --> 02:55.420
Messnetz gibt.

02:55.580 --> 02:59.500
Also da gab es viele Fragezeichen und es gab vorausgehende Studien,

02:59.680 --> 03:03.460
die schon vermutet haben, dass diese Kohlenstoffsenke in Osteuropa

03:03.460 --> 03:07.200
womöglich die größte überhaupt ist, wenn wir Gesamteuropa betrachten.

03:07.200 --> 03:11.080
Das hat uns interessiert und dann kam die Idee auf, eben mal ganz

03:11.080 --> 03:15.680
gezielt nur die osteuropäischen Länder zu betrachten und das eben mal

03:15.680 --> 03:19.900
neu zu berechnen, wie viel CO2 dort wirklich in der Biomasse, also in

03:19.900 --> 03:21.380
den Wäldern gespeichert ist.

03:21.480 --> 03:25.180
Um wissenschaftlich fundierte Daten über die weit ausgedehnten

03:25.180 --> 03:29.920
Waldgebiete zu erhalten, mussten Satellitenbilder durch punktuelle

03:29.920 --> 03:32.200
Vorortmessungen ergänzt werden.

03:32.200 --> 03:37.020
Es ist sehr, sehr schwierig, flächendeckende, genaue Daten über die

03:37.020 --> 03:39.020
Kohlenstoffflüsse zu haben.

03:39.820 --> 03:43.680
Osteuropa, bestehend aus 13 Ländern, allein da die Daten

03:43.680 --> 03:46.160
zusammenzubekommen, war eine Herausforderung.

03:46.520 --> 03:50.660
Wir haben satellitengestützte Methoden, die mithilfe von Messstationen

03:50.660 --> 03:54.380
Funktionen bilden, um dann von einzelnen Messstationen in die Fläche

03:54.380 --> 03:57.000
mit den Satellitendaten zu interpolieren.

03:57.000 --> 04:01.680
Da wird quasi die CO2-Konzentration in der Atmosphäre von Satelliten

04:01.680 --> 04:06.580
gemessen und dieser Messwert wird mit Messstationen, sogenannten

04:06.580 --> 04:11.980
Flakstowers, also das sind Türme, die messen die CO2-Flüsse, in

04:11.980 --> 04:12.920
Verbindung gesetzt.

04:13.040 --> 04:16.820
Und die Daten des Satelliten und die Daten des Messturms werden in

04:16.820 --> 04:20.000
Beziehung gesetzt und dann wird somit versucht, weil die Satelliten

04:20.000 --> 04:23.700
eben eine flächendeckende Messung machen, die Daten des Messturms in

04:23.700 --> 04:25.280
die Fläche zu interpolieren.

04:25.280 --> 04:29.840
Dann haben wir eben auch Waldinventurdaten, in denen wirklich auf der

04:29.840 --> 04:32.620
Landoberfläche Daten aufgenommen worden sind, die sind aber nur

04:32.620 --> 04:37.020
punktuell und wir müssen immer versuchen, hoch zu skalieren und eine

04:37.020 --> 04:40.480
flächendeckende Erfassung dieser CO2-Flüsse und dieser

04:40.480 --> 04:42.180
Kohlenstoffspeicher hinzubekommen.

04:42.340 --> 04:46.400
Das Ergebnis hat das Team am Campus Alpin des CAITI überrascht.

04:47.000 --> 04:52.180
Die Wälder Osteuropas stellen gut 80 Prozent des gesamten europäischen

04:52.180 --> 04:54.740
Kohlenstoffspeichers in Biomasse dar.

04:54.740 --> 04:59.440
Der Kahlschlag in diesen Wäldern gefährdet damit ganz unmittelbar die

04:59.440 --> 05:01.160
europäischen Klimaziele.

05:01.840 --> 05:05.780
In Rumänien wird Holz für Pelletheizungen in Deutschland geschlagen

05:05.780 --> 05:09.900
und auch in Tschechien wird Forstwirtschaft ohne Berücksichtigung von

05:09.900 --> 05:12.080
Nachhaltigkeitskriterien betrieben.

05:12.340 --> 05:16.000
In Tschechien, und das ist auch mit den Daten belegbar, gibt es einen

05:16.000 --> 05:18.700
Anstieg von Holzentnahme und Holzeinschlag.

05:18.880 --> 05:21.280
Das ist auch ein Problem in der Forstwirtschaft, dass da

05:21.280 --> 05:25.240
Nachhaltigkeitskriterien weniger eine Rolle spielen und das müsste

05:25.240 --> 05:26.200
sich in Zukunft ändern.

05:26.320 --> 05:31.120
Und noch etwas anderes bedroht Europas größten CO2-Speicher.

05:31.380 --> 05:35.360
Wir sehen nicht nur eben den Einfluss des wirtschaftenden Menschen

05:35.360 --> 05:39.240
sozusagen, sondern eben auch eine Zunahme der Einflüsse des

05:39.240 --> 05:43.360
Klimawandels, vor allem Extremereignisse, Dürren, die dann zu

05:43.360 --> 05:48.060
Waldbränden führen, aber auch Schädlinge, die auch wieder eine

05:48.060 --> 05:50.000
indirekte Folge des Klimawandels sind.

05:50.000 --> 05:55.040
Und ich denke, wir werden in Zukunft noch mehr mit diesen Faktoren zu

05:55.040 --> 05:58.740
tun haben und das sind natürlich Gefahren für die Kohlenstoffspeicher.

05:58.840 --> 06:02.800
Carina Winkler appelliert an die Europäische Union, angesichts der

06:02.800 --> 06:06.860
Ergebnisse ihrer Studie, sich in ihren östlichen Mitgliedsstaaten

06:06.860 --> 06:10.900
aktiver als bisher für forstwirtschaftliche Nachhaltigkeit

06:10.900 --> 06:11.920
einzusetzen.

06:12.300 --> 06:16.980
Ansonsten könnte ein unheilvoller Domino-Effekt ausgelöst werden.

06:16.980 --> 06:20.460
Unsere Wälder in Europa sind alles bewirtschaftete Wälder.

06:20.660 --> 06:23.980
Der Einfluss des Menschen ist so groß, das sehen wir jetzt, aber

06:23.980 --> 06:28.220
genauso können wir auch vorausschauend agieren und nachhaltige

06:28.220 --> 06:29.160
Forstwirtschaft betreiben.

06:29.320 --> 06:32.980
Wir sehen eben, dass Forstwirtschaft sehr, sehr abhängig ist von den

06:32.980 --> 06:36.220
nationalen Gegebenheiten und politischen Maßnahmen.

06:36.500 --> 06:40.520
Und ein Appell ist vielleicht auch dann mehr Zusammenarbeit im Sinne

06:40.520 --> 06:44.340
der EU hinsichtlich einer einheitlichen Forstwirtschaft, die

06:44.340 --> 06:45.740
bestimmten Standards folgt.

06:45.740 --> 06:49.440
Stefan Fuchs, Karlsruher Institut für Technologie

