WEBVTT

00:00.000 --> 00:06.060
2021 suchte die Flut das Ahrtal heim und tötete 135 Menschen.

00:06.720 --> 00:11.580
2022 wurde in Pakistan ein Drittel des Landes überflutet.

00:12.020 --> 00:15.300
Mehr als 15.000 Menschen verloren ihr Leben.

00:16.000 --> 00:20.060
Anfang 2024 war der Süden Brasiliens betroffen.

00:20.500 --> 00:23.860
Dort versanken ganze Stadtviertel in den reißenden Fluten.

00:24.280 --> 00:25.420
Hunderte ertranken.

00:25.420 --> 00:29.800
Im Oktober schließlich wurde der Osten Spaniens heimgesucht.

00:30.240 --> 00:32.280
Zehntausende Gebäude beschädigt.

00:32.700 --> 00:35.540
Tausende verloren ihre Existenzgrundlage.

00:36.260 --> 00:41.020
Durch den Klimawandel sind katastrophale Überschwemmungen weltweit zur

00:41.020 --> 00:43.140
schrecklichen Normalität geworden.

00:43.760 --> 00:47.820
Höchste Zeit also, die Gefahr ernst zu nehmen und sich darauf

00:47.820 --> 00:48.880
einzustellen.

00:48.880 --> 00:53.860
Der Wasserbauingenieur Peter Oberle forscht am Karlsruher Institut für

00:53.860 --> 00:58.860
Technologie seit über 20 Jahren, wie man Hochwasserrisiken möglichst

00:58.860 --> 01:01.040
realistisch einschätzen kann.

01:01.340 --> 01:05.360
Er ist überzeugt, die Landesregierung in Baden-Württemberg nimmt die

01:05.360 --> 01:06.680
Gefahr sehr ernst.

01:07.120 --> 01:11.200
Auf der kommunalen Ebene ist das leider nicht immer der Fall.

01:11.200 --> 01:15.160
Dadurch, dass ich jetzt eben seit über 20 Jahren in der Thematik

01:15.160 --> 01:19.380
involviert bin über die Hochwassermodellierung, kann ich attestieren,

01:19.540 --> 01:22.440
dass die Verantwortung für das Hochwassermanagement von der

01:22.440 --> 01:25.960
Landesregierung wirklich bestmöglich auch getragen wird.

01:26.500 --> 01:30.140
Wir haben flächendeckend für unsere Gewässer-Hochwasser-Gefahrenkarten

01:30.140 --> 01:33.340
in einer sehr hohen Auflösung, die regelmäßig auch aktualisiert

01:33.340 --> 01:33.680
werden.

01:33.920 --> 01:37.760
Wir haben statistische Hochwasser-Kennwerte aus der Hochwasser

01:37.760 --> 01:39.880
-Regularisierung, also von den Hydrologen.

01:39.880 --> 01:42.580
Wir haben natürlich eine sehr gute auch Hochwasser-Vorhersage

01:42.580 --> 01:46.760
-Zentrale, die für über 200 Pegel in Baden-Württemberg Vorhersagen

01:46.760 --> 01:47.680
herausgibt.

01:48.120 --> 01:52.900
Wir haben Warninstrumente vom Land, Angebote von Warninstrumenten auch

01:52.900 --> 01:53.600
für die Kommunen.

01:53.980 --> 01:57.640
Was ich aber sehe ist, dass am Ende muss es eben auch von den Kommunen

01:57.640 --> 01:59.640
und der Bevölkerung übernommen werden.

02:00.160 --> 02:05.100
Und da bin ich selber doch sehr erstaunt, dass Menschen, die eben

02:05.100 --> 02:08.880
nicht so involviert sind in der Thematik, obwohl sie vielleicht am

02:08.880 --> 02:12.040
Fluss leben und letztendlich auch wissen müssen, dass da Hochwasser

02:12.040 --> 02:15.740
-Gefahren bestehen, dass die oftmals gar nicht wissen, welche

02:15.740 --> 02:17.860
Informationen tatsächlich verfügbar sind.

02:18.180 --> 02:22.240
Und aus meiner Sicht hängt es dann ganz individuell an der Kommune

02:22.240 --> 02:22.620
selber.

02:23.040 --> 02:28.120
Ich kenne Bürgermeister oder Bürgermeisterinnen, die wirklich

02:28.120 --> 02:33.080
vorbildlich immer wieder auf die Hochwasser-Gefahren hinweisen, die

02:33.080 --> 02:38.660
Veranstaltungen durchführen und auch das Flächenmanagement bei ihren

02:38.660 --> 02:41.860
Baugebieten auch entsprechend sensibel handhaben.

02:42.060 --> 02:45.420
Es gibt aber auch andere Kommunen, wo man merkt, dass die Hochwasser

02:45.420 --> 02:48.820
-Gefahr eher so ein bisschen ein leidiges Thema sind und die

02:48.820 --> 02:53.160
vielleicht wirklich nur das Notwendigste tun und wo dann Menschen, die

02:53.160 --> 02:55.760
direkt vom Hochwasser betroffen sind, überhaupt nicht wissen, dass sie

02:55.760 --> 02:57.420
in der Hochwasser-Gefahrenzone leben.

02:57.420 --> 03:01.800
Und das ist für mich, wo ich sehe, dass wir seit über 15 Jahren diese

03:01.800 --> 03:05.340
Daten online haben, verfügbar für jedermann, doch recht erstaunlich.

03:05.400 --> 03:09.820
Dr. Peter Obele forscht am Institut für Wasser und Umwelt des Carlsruh

03:09.820 --> 03:11.380
-Instituts für Technologie.

03:12.140 --> 03:16.880
Dort entwickelt er mithilfe von Computersimulationen hochauflösende

03:16.880 --> 03:19.960
Hochwasser - und Starkregen-Risikokarten.

03:19.960 --> 03:24.220
Dass wichtige Informationen die kommunale Ebene oftmals nicht

03:24.220 --> 03:29.200
erreichen, ist für ihn ein zentrales Problem des Umgangs mit den immer

03:29.200 --> 03:31.620
häufiger auftretenden Überschwemmungen.

03:32.140 --> 03:36.080
Denn ein effektiver Hochwasserschutz besteht aus einer Vielzahl von

03:36.080 --> 03:40.580
Einzelmaßnahmen, die möglichst reibungslos ineinandergreifen müssen.

03:40.860 --> 03:43.740
Das ist eine Erkenntnis, die man auch schon vor Jahrzehnten hatte,

03:43.960 --> 03:47.280
dass man eben verschiedene Säulen für das Hochwasser-Management

03:47.280 --> 03:47.820
braucht.

03:48.340 --> 03:51.100
Letztendlich ist es eben nicht nur, aber auch der technische

03:51.100 --> 03:52.040
Hochwasserschutz.

03:52.400 --> 03:56.460
Aber es sind auch eben Hochwasser-Vorsorgemaßnahmen, Flächenvorsorge,

03:56.640 --> 03:59.960
Bauvorsorge, Risikovorsorge, auch Stichwort Versicherung vor

03:59.960 --> 04:00.820
Risikoschäden.

04:01.300 --> 04:05.000
Aber auch, das hat Ahrtal auf jeden Fall gezeigt, ganz stark auch der

04:05.000 --> 04:06.100
operationelle Einsatz.

04:06.640 --> 04:09.080
Also Themen wie Frühwarnung und die Vorhersage.

04:09.080 --> 04:12.480
Und wie kommen die Informationen dann über die Alarm- und Einsatzpläne

04:12.480 --> 04:17.340
zu den örtlichen Feuerwehren oder Katastrophenschutz und eben zur

04:17.340 --> 04:18.060
Bevölkerung.

04:18.540 --> 04:21.840
Eigentlich appellieren wir seit Jahren und Jahrzehnten genau

04:21.840 --> 04:22.120
diesbezüglich.

04:22.820 --> 04:26.500
Auch der Satz, es gibt keinen hundertprozentigen Hochwasserschutz, ist

04:26.500 --> 04:27.820
auch ein alter Hut.

04:27.960 --> 04:31.480
Aber wir stellen fest, es ist trotzdem immer wieder aktuell, durch den

04:31.480 --> 04:33.760
Klimawandel auf jeden Fall mehr denn je.

04:33.760 --> 04:38.300
Und ich glaube, das Entscheidendste ist, dass wir die historischen

04:38.300 --> 04:42.940
Ereignisse sehen und uns klar sein müssen, dass es trotz aller

04:42.940 --> 04:46.400
Weiterentwicklungen und durch alle Maßnahmen, die wir in den letzten

04:46.400 --> 04:50.300
Jahrzehnten durchgeführt haben, trotz aller Modelle und

04:50.300 --> 04:54.820
Informationsgrundlagen, wir auch heute genauso von dieser

04:54.820 --> 04:58.900
Größenordnung betroffen sein können, auch wie früher existenzielle

04:58.900 --> 05:00.060
Gefahren davon ausgehen.

05:00.060 --> 05:05.980
Die Katastrophe von 2021 im Ahrtal zeigt für den Experten deutlich,

05:06.300 --> 05:11.240
was geschehen kann, wenn das vorhergesagte Risiko im Vorfeld nicht

05:11.240 --> 05:13.300
genügend ernst genommen wird.

05:13.440 --> 05:17.640
Da war sicherlich das größte Mankro, diese Informationskette, die

05:17.640 --> 05:20.940
Abfolge, die dann entsprechende Schwächen aufgewiesen hat.

05:20.940 --> 05:25.440
Und man muss sagen, dass das jetzt kein Einzelfall wäre, sondern dass

05:25.440 --> 05:29.320
wir in unseren Flusstälern auf solche Extremereignisse einfach sehr

05:29.320 --> 05:30.640
schlecht vorbereitet sind.

05:31.100 --> 05:35.440
Nicht, weil die Informationen fehlen, aber wir sind dann operationell

05:35.440 --> 05:39.400
während so eines Ereignisses einfach schlecht darauf vorbereitet, weil

05:39.400 --> 05:41.500
letztendlich gehört da auch immer viel Übung dazu.

05:41.500 --> 05:45.220
Man kann eine Evakuierung nicht von heute auf morgen einfach

05:45.220 --> 05:48.120
durchführen oder mitten in der Nacht, wenn die Warnung kommt, sondern

05:48.120 --> 05:51.160
man muss solche Einsätze natürlich dann proben.

05:51.580 --> 05:54.580
Und in dieser Größenordnung, wenn ein ganzes Flusstal so immens

05:54.580 --> 05:57.440
betroffen ist, wäre auch eine Übung sehr aufwendig.

05:57.440 --> 06:01.120
Aber das ist letztendlich das Mankro, dass wir in dem Moment trotz

06:01.120 --> 06:04.640
aller Informationen, die in den Schubladen liegen, wenn es dann so

06:04.640 --> 06:10.220
weit ist, dann schwer tun, wirklich jeden Einzelnen zu erreichen und

06:10.220 --> 06:12.460
dass dann auch jeder Einzelne weiß, was er zu tun hat.

06:12.460 --> 06:16.560
Ein Beispiel sind die historischen Extremereignisse.

06:17.100 --> 06:21.580
Die Auslegung der Schutzmaßnahmen auf Katastrophen, die angeblich nur

06:21.580 --> 06:25.440
alle hundert oder gar alle tausend Jahre vorkommen, steht

06:25.440 --> 06:27.920
wissenschaftlich auf wackeligen Füßen.

06:27.920 --> 06:31.700
Zum einen ist so, und das ist, denke ich, wissenschaftlich schon auch

06:31.700 --> 06:36.320
sehr fundiert, dass durch die Erderwärmung die Gefahr von solchen

06:36.320 --> 06:38.380
Starkereignissen größer wird.

06:38.560 --> 06:40.660
Das heißt, die Statistik verändert sich, die

06:40.660 --> 06:44.440
Auftretenswahrscheinlichkeiten werden größer, aber auch ohne den

06:44.440 --> 06:47.700
Klimawandel hätten wir trotzdem großen Bedarf, das

06:47.700 --> 06:49.120
Hochwassermanagement zu verbessern.

06:49.120 --> 06:52.760
Wir sind für diese Extremereignisse einfach nicht gewappnet.

06:53.260 --> 06:56.320
Viele unserer Hochwasserschutzmaßnahmen sind zum Beispiel auf einem

06:56.320 --> 07:00.640
HQ100, also ein Hochwassereignis, was statistisch gesehen einmal in

07:00.640 --> 07:02.520
100 Jahren auftritt, ausgelegt.

07:02.720 --> 07:07.140
Das bedeutet, dass wenn ein Damm auf HQ100 bemessen ist, dann ist die

07:07.140 --> 07:11.160
Wahrscheinlichkeit, dass diese Oberkante überschritten wird, in einer

07:11.160 --> 07:14.720
Lebenszeit zum Beispiel von 80 Jahren, ist die Wahrscheinlichkeit bei

07:14.720 --> 07:16.140
deutlich über 50 Prozent.

07:16.140 --> 07:19.360
Also wenn Sie hinter einem Deich leben, der auf ein 100-jähriges

07:19.360 --> 07:24.720
Hochwasser bemessen ist, ist die Chance mehr als 50-50, dass Sie es

07:24.720 --> 07:27.300
erleben werden, dass dieser Damm überströmt wird.

07:27.640 --> 07:29.880
Das ist vielen einfach nicht bewusst.

07:30.200 --> 07:33.140
Wir haben in der Statistik auch Werte, dass das ein tausendjähriges

07:33.140 --> 07:46.120
ist.

07:46.120 --> 07:49.380
HQ, also Q ist bei uns Hydraulikern der Abfluss.

07:49.920 --> 07:52.820
Q für Abfluss, H für Hochwasserabfluss.

07:53.360 --> 07:55.980
Und da stellen wir fest, und das denke ich war ein ganz wichtiges

07:55.980 --> 08:00.740
Fazit aus der A-Katastrophe, dass unsere Extremwerte einfach so nicht

08:00.740 --> 08:01.440
haltbar sind.

08:01.520 --> 08:06.060
Tatsächlich reichen die Katastrophen-Statistiken maximal 100 Jahre

08:06.060 --> 08:06.500
zurück.

08:07.000 --> 08:11.440
Ältere Extremereignisse müssen in der Regel extrapoliert werden.

08:11.440 --> 08:14.800
Und da stellt man fest, dass die Methodik der Extrapolation einfach

08:14.800 --> 08:16.800
nicht, muss man sagen, zielführend ist.

08:17.240 --> 08:20.100
Man müsste die historischen Hochwasser viel mehr heranziehen.

08:20.100 --> 08:24.600
Und dann kann man zum Beispiel, da hat es GFZ Potsdam, der Bruno Merz

08:24.600 --> 08:28.000
auch eine Studie zugemacht, der eben zeigt, dass nach normaler

08:28.000 --> 08:32.300
bisheriger statistischer Methode die A-Katastrophe vielleicht ein HQ

08:32.300 --> 08:34.760
2000 war oder größer sogar.

08:35.080 --> 08:37.820
Wenn man aber die historischen Ereignisse gewissenhaft mit

08:37.820 --> 08:41.320
berücksichtigt und in die Statistik mit einbezieht, dann war sie eben

08:41.320 --> 08:43.120
gerade mal ein gutes HQ 200.

08:43.380 --> 08:46.320
Und dann wird es schon klarer, dass die Chancen, dass sowas auftritt,

08:46.480 --> 08:48.620
eben sehr wohl recht groß sind.

08:48.620 --> 08:52.960
Entscheidend ist sicherlich, dass man die Chroniken bemüht oder eben

08:52.960 --> 08:57.440
die damals beobachteten Wasserstände rekonstruiert.

08:57.820 --> 09:01.540
Und da helfen uns eben diese Hochwassermarken, die fast in allen

09:01.540 --> 09:05.640
Ortslagen in Flustälern an irgendwelchen Torbögen oder am Stadttor

09:05.640 --> 09:07.500
oder an Häuserwänden zu finden sind.

09:07.500 --> 09:10.920
Wenn man Heidelberg ans Karlstor geht, da ist eine ganze Reihe an

09:10.920 --> 09:11.980
historischen Ereignissen.

09:12.160 --> 09:15.600
Und man sieht ganz oben am Neckar zum Beispiel das Hochwasser von

09:15.600 --> 09:21.340
1824, was teilweise über zwei Meter oder drei Meter höher war als die

09:21.340 --> 09:24.280
Jahrhundertflut von 1993 im Neckartal.

09:24.900 --> 09:29.660
Also in dem Gebiet war eben das 1824er eine historische

09:29.660 --> 09:34.600
Katastrophenflut, die damals auch immense Schäden und Existenzen

09:34.600 --> 09:35.360
zerstört hat.

09:35.360 --> 09:37.980
Also zum einen weiß man schon mal, wie hoch der Wasserstand damals

09:37.980 --> 09:38.360
stand.

09:38.660 --> 09:42.260
Und über unsere zum Beispiel hydraulischen Modelle kann man dann

09:42.260 --> 09:47.360
rekonstruieren, welche Abflussmengen damals wohl aufgetreten sind und

09:47.360 --> 09:50.280
die eben mit den heutigen Abflussmessungen vergleichen.

09:50.860 --> 09:53.940
Natürlich muss man aufpassen, die Geometrie der Flüsse hat sich

09:53.940 --> 09:54.460
verändert.

09:55.040 --> 09:59.200
Zum Teil gab es damals zum Beispiel auch Eisstau am Neckar, wo dann

09:59.200 --> 10:02.540
die Brücken vielleicht nicht verklaust sind, aber wo sich Eisstau

10:02.540 --> 10:04.740
durch die Eisschollen ergeben hat.

10:04.740 --> 10:08.360
Und natürlich muss man so Einzelheiten dann auch ein bisschen mit in

10:08.360 --> 10:11.860
die Betrachtung einbeziehen, weil also die Wasserstände immer von der

10:11.860 --> 10:14.820
Abflussmenge, aber eben auch der Geometrie oder der geometrischen

10:14.820 --> 10:16.100
Situation abhängig sind.

10:16.700 --> 10:20.940
Aber für die Zielsetzung mal zumindest eine ungefähre Größenordnung

10:20.940 --> 10:24.820
abzuschätzen der Abflüsse, das ist eigentlich kein Problem heutzutage.

10:25.100 --> 10:28.820
In den Hochwasser-Risikokarten in Rheinland-Pfalz beispielsweise

10:28.820 --> 10:31.740
wurden historische Daten gar nicht berücksichtigt.

10:31.740 --> 10:37.400
In Baden-Württemberg haben wir schon immer auch das HQ-Extrem, wird es

10:37.400 --> 10:40.860
benannt, in den Hochwassergefahren mit berücksichtigt, wo man

10:40.860 --> 10:44.080
entweder, wenn man nichts besseres hat, mal so einen statistischen

10:44.080 --> 10:45.820
Wert von einem HQ-1000 einträgt.

10:46.040 --> 10:49.880
Aber auch, wenn man historische Ereignisse kennt oder den größten

10:49.880 --> 10:54.340
jemals dagewesenen Hochwasserstand, wenn der bekannt ist, dann können

10:54.340 --> 10:59.080
auch diese Informationen mit in diese HQ-Extrem-Überflugungsfläche

10:59.080 --> 11:00.300
eingebracht werden.

11:00.300 --> 11:03.580
Da ziehen die anderen Bundesländer jetzt auch nach, um eben auch

11:03.580 --> 11:06.380
solche Extremereignisse in den Karten zu berücksichtigen.

11:06.880 --> 11:10.220
Was ich aber trotzdem sagen muss, dass auch in den anderen

11:10.220 --> 11:13.420
Bundesländern, auch wenn HQ-1000 oder so ein Extremfall vielleicht

11:13.420 --> 11:17.460
nicht kartiert ist, letztendlich im Ahrtal, und das finde ich so ein

11:17.460 --> 11:21.620
ganz trauriges Beispiel, ist ja in Sinzig, was relativ weit unter

11:21.620 --> 11:25.280
Strom im Ahrtal liegt, ist ja ein Wohnheim dann auch betroffen gewesen

11:25.280 --> 11:26.500
mit zwölf Toten.

11:26.500 --> 11:31.500
Und dieses Behindertenwohnheim lag in der ausgewiesenen HQ-200-Fläche.

11:32.220 --> 11:35.760
Und letztendlich hätten die, ich sag mal, wirklich alle Zeit der Welt

11:35.760 --> 11:38.340
gehabt, die Leute aus dem Haus zu evakuieren.

11:38.740 --> 11:41.600
Aber vielleicht deshalb, weil das Wohnheim auch nicht so direkt am

11:41.600 --> 11:44.600
Fluss liegt, sondern ein bisschen abwärts ein paar hundert Meter vom

11:44.600 --> 11:48.820
Fluss selber, war einfach nicht die Gefahr erkannt worden, die Gefahr

11:48.820 --> 11:49.640
für Leib und Leben.

11:49.640 --> 11:53.140
Da war einfach eine eklatante Fehleinschätzung von dem, was wirklich

11:53.140 --> 11:53.920
passieren kann.

11:54.140 --> 11:56.880
Und da sage ich auch, und das muss ich sagen, sehe ich auch in meiner

11:56.880 --> 12:02.440
Praxis, dass auch die Gebäude in den Überflutungsflächen trotzdem

12:02.440 --> 12:04.700
nicht richtig vorbereitet sind auf den Fall der Fälle.

12:04.840 --> 12:07.360
Und dann auch gar nicht wissen, was sie denn machen sollen, wenn das

12:07.360 --> 12:09.460
Hochwasser dann plötzlich mitten in der Nacht anrollt.

12:09.460 --> 12:12.440
Die Katastrophe im Ahrtal hat den Forschenden noch einmal

12:12.440 --> 12:16.280
eindrucksvoll vor Augen geführt, welche verhängnisvolle Wirkung

12:16.280 --> 12:20.720
Brücken haben können, an denen sich Trümmerteile stauen, oder ein

12:20.720 --> 12:24.340
Tunnel, das die Fluten wie in einem Kanal beschleunigt.

12:24.840 --> 12:28.800
Selbst der Bewuchs der Uferböschungen kann einen Einfluss auf die

12:28.800 --> 12:30.280
Hochwasserpegel haben.

12:30.280 --> 12:33.540
Also letztendlich hängen die Wasserstände, die sich bei einem

12:33.540 --> 12:37.240
bestimmten Abfluss ergeben, eben auch von der geometrischen Situation

12:37.240 --> 12:38.360
des Gewässers ab.

12:38.740 --> 12:40.700
Zum einen natürlich von den Gewässerprofilen.

12:40.880 --> 12:43.800
Wenn ein Gewässer sehr breit ist, dann sind die Wasserstände

12:43.800 --> 12:45.960
vergleichsweise niedrig bei gleichem Abfluss.

12:45.960 --> 12:48.300
Wenn sie aber einen engen Kanal haben, werden die Wasserstände

12:48.300 --> 12:49.820
natürlich höher sein.

12:50.620 --> 12:54.440
Und wenn sie in diesem Gewässerprofil oder auf den Vorländern eben

12:54.440 --> 12:58.540
noch einen entsprechenden Bewuchs haben, Vegetation haben, Bäume haben

12:58.540 --> 13:02.280
oder natürlich auch anthropogene Verbauungen, dann sind es

13:02.280 --> 13:06.420
Fließwiderstände, die dann die Wasserstände nach oben bringen.

13:06.420 --> 13:09.420
Also stellen Sie sich ein kleines Gewässer vor, wenn Sie da ein Brett

13:09.420 --> 13:12.700
reinstellen, dann gehen die Wasserstände bei gleichem Abfluss nach

13:12.700 --> 13:15.600
oben und genau das passiert eben hydraulisch überall.

13:15.920 --> 13:19.380
Diese Daten sind entscheidend für eine möglichst realistische

13:19.380 --> 13:23.920
Modellierung der Hochwasserrisiken, aber auch für die Einschätzung der

13:23.920 --> 13:28.780
Gefahren durch Starkregenereignisse in Gebieten ohne unmittelbar

13:28.780 --> 13:30.100
angrenzende Flüsse.

13:30.100 --> 13:34.200
Deshalb müssen sie mit Methoden der Fernerkundung möglichst

13:34.200 --> 13:36.400
hochauflösend gewonnen werden.

13:36.720 --> 13:41.860
Mittlerweile sind eigentlich unsere Flüsse alle über Laserscanner oder

13:41.860 --> 13:44.520
fotogrammetrische Bildflugauswertung erfasst.

13:44.520 --> 13:48.800
Man fliegt mit dem Flugzeug oder mit dem Helikopter, mittlerweile auch

13:48.800 --> 13:53.620
mit Drohnen über die Flusstähler und kann dann aus der Luft die

13:53.620 --> 13:58.020
geometrische Situation erfassen und die Eingangsgrößen für unsere

13:58.020 --> 13:59.520
Strömungsmodelle dann erzeugen.

13:59.520 --> 14:03.580
In diesen Befliegungsdaten, die zum Beispiel in Baden-Württemberg eben

14:03.580 --> 14:08.740
landesweit vorliegen, ist die Topografie des Geländes und der Gewässer

14:08.740 --> 14:11.700
im Subquadratmeterbereich erfasst.

14:11.960 --> 14:15.820
Also für jeden Viertelquadratmeter hat man einen Höhenpunkt und das

14:15.820 --> 14:16.860
für das ganze Flusstal.

14:17.120 --> 14:19.960
Also man muss sagen, wir haben mittlerweile unheimliche Datendichte,

14:20.140 --> 14:23.460
eine unheimliche Informationsdichte und wir arbeiten natürlich gerade

14:23.460 --> 14:26.380
in der Forschung auch weiter an Verbesserung dieser Modelle.

14:26.380 --> 14:30.240
Aber, und das ist das ganz Entscheidende, am Ende müssen diese

14:30.240 --> 14:34.540
wirklich sehr genauen Informationen und vielfältigen Informationen

14:34.540 --> 14:38.280
dann auch bei den Betroffenen ankommen und von denen auch dann

14:38.280 --> 14:42.360
aufgenommen werden in entsprechende Handlungsvorgaben.

14:42.620 --> 14:46.180
Für Dr. Oberle ist Baden-Württemberg auch im Bereich der

14:46.180 --> 14:49.600
Informationsbereitstellung durchaus vorbildlich.

14:49.600 --> 14:55.500
Es wurde über viele Jahre jetzt eine Software entwickelt, FLIVAS, also

14:55.500 --> 14:57.560
Flut, Informations- und Warnsystem.

14:57.560 --> 15:02.400
Das ist letztendlich eine Plattform, auch in Kombination mit Apps, die

15:02.400 --> 15:06.580
auf dem Handy sind, wo im Prinzip Zielsetzung ist, der Kommune einen

15:06.580 --> 15:11.100
Arbeitsplatz einzurichten mit dieser Softwareumgebung, wo alle

15:11.100 --> 15:13.780
Informationen, die eben online verfügbar sind, die

15:13.780 --> 15:17.140
Hochwassergefahrenkarten, Starkregenkarten, aber eben auch die direkte

15:17.140 --> 15:20.780
Ankopplung an die Hochwasservorhersagezentrale Baden-Württemberg hier

15:20.780 --> 15:22.280
in Karlsruhe angekoppelt sind.

15:22.280 --> 15:25.880
Und wo letztendlich dann die ganzen Alarm- und Einsatzpläne, also was

15:25.880 --> 15:29.060
muss ich bei welcher Vorhersage wann machen, wer muss informiert

15:29.060 --> 15:32.620
werden, wo muss man irgendwelche mobilen Wände aufstellen, wo muss das

15:32.620 --> 15:37.760
Altersheim evakuiert werden und diese differenzierte Abarbeitung eines

15:37.760 --> 15:41.720
Alarm - und Einsatzplans, dass das im Prinzip in so einer Umgebung

15:41.720 --> 15:44.000
dann auch zusammengeführt werden kann.

15:44.000 --> 15:49.300
Und da sind wir doch sehr enttäuscht, dass viel zu wenige Kommunen

15:49.300 --> 15:50.460
dieses Angebot nutzen.

15:50.740 --> 15:53.480
Wir dachten auch, dass nach der Ahrflut eigentlich dann die Zahlen

15:53.480 --> 15:56.800
dieser Nutzung exponentiell ansteigen müssen bei den Kommunen, aber

15:56.800 --> 15:57.620
dem ist nicht so.

15:58.060 --> 16:00.540
Da kann man nur sagen, das Land kann nicht mehr als diese

16:00.540 --> 16:04.100
Informationen anbieten, aber am Ende ist der Schlüssel zu einem

16:04.100 --> 16:07.300
deutlich verbesserten Hochwassermanagement sind die Kommunen.

16:07.640 --> 16:09.680
Und da ist noch einiges an Hausarbeiten zu machen.

