WEBVTT

00:08.520 --> 00:10.940
Nachgefragt – Wissen, wie's läuft.

00:11.600 --> 00:16.620
Ein Podcast des KANSO-Instituts für Technologie mit Gabi Zachmann.

00:30.200 --> 00:31.740
Hallo, herzlich willkommen.

00:31.860 --> 00:34.740
Schön, dass ihr wieder dabei seid bei Nachgefragt – Wissen, wie's

00:34.740 --> 00:35.100
läuft.

00:35.540 --> 00:38.360
Der Podcast der Gesamtkommunikation des KIT.

00:38.900 --> 00:44.900
Wir schreiben das Jahr 2025, ein ganz besonderes Jahr für das KIT,

00:45.480 --> 00:48.160
denn wir feiern 200 Jahre KIT.

00:48.720 --> 00:52.800
Deshalb haben wir heute auch einen ganz besonderen Podcast mit einem

00:52.800 --> 00:54.180
ganz besonderen Gast.

00:54.880 --> 00:58.840
Keiner der jungen Forschenden, mit denen wir normalerweise sprechen.

00:59.400 --> 01:05.500
Wir haben den Archivar des KIT, den Leiter des KIT-Archivs bei uns,

01:05.940 --> 01:08.680
Klaus Nippert, eine lebende Institution.

01:08.940 --> 01:13.900
Er wird uns viel erzählen können über die Gründung des KIT.

01:14.840 --> 01:17.500
Wie begann die Erfolgsgeschichte des KIT?

01:17.960 --> 01:22.820
In dieser Podcast-Folge reisen wir gemeinsam mit Klaus Nippert zurück

01:22.820 --> 01:28.380
zu den Anfängen im Jahr 1825, als die Polytechnische Schule gegründet

01:28.380 --> 01:28.660
wurde.

01:29.240 --> 01:31.040
Welche Visionen steckten dahinter?

01:31.540 --> 01:35.340
Warum war Karlsruhe ein idealer Standort für diese bahnbrechende

01:35.340 --> 01:35.800
Entwicklung?

01:36.600 --> 01:39.840
Wir sprechen gemeinsam über prägende Persönlichkeiten.

01:40.060 --> 01:43.940
Wir sprechen über Johann Gottfried Thula, der den Rhein begradigte.

01:44.460 --> 01:47.520
Wir sprechen über Ferdinand Rettenbacher, den Vater des

01:47.520 --> 01:51.440
wissenschaftlichen Maschinenbaus oder Heinrich Herz, dessen Entdeckung

01:51.440 --> 01:54.100
der elektromagnetischen Wellen die Welt veränderte.

01:54.680 --> 01:58.960
Wie haben diese Vordenker die technische Forschung geprägt?

01:59.460 --> 02:03.400
Hört rein und entdeckt mit uns gemeinsam die spannende Entwicklung von

02:03.400 --> 02:07.020
der Polytechnischen Schule bis zu einem der führenden

02:07.020 --> 02:09.000
Forschungsuniversitäten der Welt.

02:09.660 --> 02:11.500
Klaus, jetzt habe ich viel gesprochen.

02:12.080 --> 02:13.420
Schön, dass du da bist.

02:13.800 --> 02:15.620
Herzlich willkommen, Klaus Nippert.

02:15.620 --> 02:19.020
Ja, Gaby, ich freue mich auch sehr, dass wir nach langer Zeit mal

02:19.020 --> 02:20.320
wieder was zusammen machen können.

02:20.920 --> 02:24.380
Klaus, wie kam es denn zur Gründung der Polytechnischen Schule in

02:24.380 --> 02:26.560
Karlsruhe im Jahr 1825?

02:27.580 --> 02:33.220
Man wusste schon, dass man das nicht mehr so machen kann wie bei dem

02:33.220 --> 02:35.280
Rheinbegradiger Johann Gottfried Thula.

02:35.940 --> 02:39.720
Der hatte ja noch eine hochgradig individualisierte Ausbildung

02:39.720 --> 02:40.220
erhalten.

02:40.400 --> 02:44.100
Das heißt, er war mit einem Reisestipendium als Einzelperson

02:44.100 --> 02:48.840
losgeschickt worden, um bei Spezialisten des Wasserbaus das

02:48.840 --> 02:52.820
Wesentliche für sein Handwerk als leitender Wasserbauer im

02:52.820 --> 02:54.640
Großherzogtum baden zu lernen.

02:54.780 --> 02:58.660
Er war auch mal kurz an der Ecole Polytechnique in Paris, hatte da

02:58.660 --> 03:02.140
sicherlich auch ein eindrucksvolles Beispiel gesehen, wie man jetzt

03:02.140 --> 03:05.460
technische Bildung veranstaltet, wenn man sie multiplizieren will,

03:05.560 --> 03:09.300
also nicht im Eins-zu-eins-Unterricht, sondern einer unterrichtet

03:09.300 --> 03:09.620
viele.

03:10.460 --> 03:15.120
Und damit kam er dann erst mal zurück ins Großherzogtum baden und fing

03:15.120 --> 03:18.440
an, eine wichtige Rolle in der Wasser- und Straßenbauverwaltung zu

03:18.440 --> 03:18.880
spielen.

03:19.620 --> 03:24.220
Er betrieb da vor allem sein Jahrhundertprojekt, das weit über ihn

03:24.220 --> 03:27.940
hinaus nur verwirklicht werden konnte, die Begradigung des Rheins, der

03:27.940 --> 03:32.640
bis dahin ja in ständig wechselnden Meandern zog, vieles überflutete,

03:32.640 --> 03:36.180
für Feuchtgebiete sorgte, die für die Leute, die der Landwirtschaft

03:36.180 --> 03:40.360
trieben und von Schnaken und Krankheiten unbehelligt leben wollten,

03:40.800 --> 03:41.960
eine Geißel waren.

03:42.680 --> 03:46.340
Johann Gottfried Tuller brauchte für diese Aufgabe viel mehr

03:46.340 --> 03:48.560
Ingenieure, die sein Handwerk beherrschten.

03:48.660 --> 03:51.740
Er brauchte Vermessungsingenieure, er brauchte Ingenieure für die

03:51.740 --> 03:52.200
Planung.

03:53.080 --> 03:59.040
Und da war es dann irgendwann ganz klar, es muss eine eigene Schule,

03:59.280 --> 04:01.900
eine eigene Ingenieurschule erstellt werden.

04:02.560 --> 04:06.380
Bei einer Berufung nach Heidelberg auf eine Mathematikprofessur, die

04:06.380 --> 04:09.260
Tuller ablehnte, hatte er dann die Chance, also die Einrichtung so

04:09.260 --> 04:10.700
einer Schule in die Wege zu leiten.

04:10.760 --> 04:13.900
Die wurde in Karlsruhe eingerichtet, weil Tuller der Ansicht war, dass

04:13.900 --> 04:17.660
man in der Hauptstadt, ich sage mal, ein bisschen mehr Durchgriff und

04:17.660 --> 04:19.320
Disziplin auf die jungen Leute hätte.

04:20.160 --> 04:24.220
Das war so die eine Wurzel, von der man aber zunächst überhaupt nicht

04:24.220 --> 04:25.660
wusste, was das werden soll.

04:25.740 --> 04:29.860
Und dann gab es den Friedrich Weinbrenner, der ja also als Chef der

04:29.860 --> 04:34.160
Badischen Bauverwaltung auch eine private Architekturschule betrieb,

04:34.240 --> 04:35.660
wo man Architektur lernen konnte.

04:35.760 --> 04:37.620
Das gab es schon so.

04:38.520 --> 04:42.980
Dann hatten wir noch den Ärger mit Napoleon, der dazu führte, dass

04:42.980 --> 04:46.040
viele Pläne erst mal aufgeschoben werden mussten.

04:46.200 --> 04:53.060
Also schon gegen Ende der 1800er, hat Tuller mal eine Denkschrift

04:53.060 --> 04:57.620
verfasst, in der es heißt, wir müssen in Baden im Großherzogtum eine

04:57.620 --> 04:59.260
polytechnische Schule haben.

04:59.880 --> 05:05.920
Das Großherzogtum war ja extrem gewachsen, hatte seine Fläche, seine

05:05.920 --> 05:10.820
Bevölkerung vervielfacht, war aus einem eher verstreuten

05:10.820 --> 05:16.780
Flickenteppich zu einem ziemlich zusammenhängenden Territorialstaat am

05:16.780 --> 05:18.700
Oberrhein geworden.

05:19.180 --> 05:23.260
Und jetzt stellten sich neue Staatsaufgaben, die des Aufbaus nach

05:23.260 --> 05:27.460
Napoleon, aber es gab auch ganz neue Wirkungsmöglichkeiten für den

05:27.460 --> 05:27.880
Staat.

05:28.440 --> 05:31.840
Und welche Rolle spielte denn der Großherzog dann bei der Gründung

05:31.840 --> 05:34.060
einer solchen polytechnischen Schule?

05:34.340 --> 05:36.380
Beziehungsweise wie kam es denn zu einer Schule?

05:36.500 --> 05:40.880
Du sprachst jetzt davon, dass wir zwei nebeneinander existierende

05:40.880 --> 05:41.620
Ideen hatten.

05:42.000 --> 05:46.200
Eine existierende Architektenschule und Tuller, der die Idee hatte,

05:46.320 --> 05:49.060
hey, ich brauche mehr Ingenieure, sonst kriege ich den Rhein hier

05:49.060 --> 05:49.560
nicht gerade.

05:50.200 --> 05:54.400
Diese Idee der polytechnischen Schule war, sobald man eine Denkschrift

05:54.400 --> 06:00.380
aufgesetzt war, in der badischen Ministerialverwaltung dann schon

06:00.380 --> 06:01.120
vorhanden.

06:01.260 --> 06:05.240
Und es ging wahrscheinlich eher um die Frage, wie schafft man es, das,

06:05.800 --> 06:09.420
was andere ja schon hingestellt haben, wie etwa die polytechnische

06:09.420 --> 06:13.860
Schule in Prag oder das Polytechnische Institut in Wien, wie schafft

06:13.860 --> 06:18.440
man das, in dem doch Mittelstaat Baden so etwas auf die Beine zu

06:18.440 --> 06:18.820
stellen?

06:19.120 --> 06:21.180
Warum war Karlsruhe da ein geeigneter Ort?

06:22.040 --> 06:24.780
Karlsruhe war die Residenz.

06:24.980 --> 06:28.140
Es war keine Universitätsstadt.

06:29.560 --> 06:33.240
Es war auch ein Bildungsmittelpunkt.

06:33.340 --> 06:38.380
Wir haben ja die weit zurückreichende Institution des Lyzeums.

06:38.940 --> 06:42.740
Wir haben auch ein physikalisches Kabinett in Karlsruhe.

06:43.140 --> 06:47.780
Also da gab es schon Dinge, die also mit gehobener Bildung zu tun

06:47.780 --> 06:48.040
haben.

06:48.440 --> 06:50.340
Und wie ging es dann tatsächlich los?

06:50.760 --> 06:54.340
Ab wann konnten die ersten Studierenden oder Studenten, das waren ja

06:54.340 --> 06:58.400
sicherlich nur junge, interessierte Männer, die auf dieser Schule

06:58.400 --> 07:01.660
aufgenommen werden konnten, ab wann ging es denn richtig los?

07:01.780 --> 07:03.180
Und wo war denn das?

07:03.480 --> 07:07.860
Man muss vielleicht noch einen kleinen Blick vor unser Gründungsjahr

07:07.860 --> 07:08.060
machen.

07:08.160 --> 07:11.000
Da gab es in Freiburg den Herrn Wucherer.

07:11.780 --> 07:16.320
Er war Stadtpfarrer und Professor der Physik an der Universität.

07:16.540 --> 07:19.800
Und daneben machte er auch noch Versuche mit einer kleinen

07:19.800 --> 07:21.240
polytechnischen Schule.

07:21.780 --> 07:25.300
Also er hat sozusagen das Modell für den polytechnischen Unterricht

07:25.300 --> 07:26.020
entwickelt.

07:26.420 --> 07:30.480
Also aus ganz eigener Initiative mit Hilfe von einigen Professoren und

07:30.480 --> 07:32.260
Kollegen hat man das erprobt.

07:32.380 --> 07:36.340
Man nahm Schulgeld und entwickelte da so eine Grundlagenausbildung für

07:36.340 --> 07:39.420
Leute, die in ihrem Beruf dann später etwas mit Technik machen

07:39.420 --> 07:39.780
sollten.

07:39.900 --> 07:44.240
Die technischen Berufe waren ja noch nicht so geprägt, wie wir das

07:44.240 --> 07:44.940
heute kennen.

07:45.520 --> 07:47.740
Das ging in Freiburg dann wieder ein.

07:47.860 --> 07:50.020
Ich glaube 1822 war schon Schluss.

07:50.140 --> 07:53.440
Aber die Diskussion um die Gründung der polytechnischen Schule war da

07:53.440 --> 07:54.480
schon in vollem Gange.

07:55.280 --> 08:00.700
Der Herr Wucherer bekam den Auftrag, diese polytechnische Schule in

08:00.700 --> 08:02.380
Karlsruhe zu gründen.

08:02.640 --> 08:03.440
Und am 7.

08:03.680 --> 08:10.900
Oktober 1825 unterzeichnete dann der badische Großherzog Ludwig die

08:10.900 --> 08:13.840
Gründungsurkunde für die polytechnische Schule.

08:14.320 --> 08:16.980
Und das ist das eigentliche Datum, an dem wir uns auch heute

08:16.980 --> 08:19.580
orientieren, die Unterzeichnung der Gründungsurkunde.

08:19.620 --> 08:24.180
Genau, das ist ein richtig ordentlicher Geburtstag, eine datierte

08:24.180 --> 08:25.220
Gründungsurkunde.

08:25.860 --> 08:30.380
Da steht gar nicht so viel über die Gestalt der Schule drin, wie wir

08:30.380 --> 08:31.240
das gerne hätten.

08:32.260 --> 08:37.840
Der Großherzog inszeniert sich mit dieser Urkunde eigentlich recht

08:37.840 --> 08:42.500
ähnlich, wie das spätmittelalterliche oder frühneuzeitliche Herrscher

08:42.500 --> 08:44.920
bei Universitätsgründungen tun.

08:45.100 --> 08:51.860
Der Großherzog spielt damit seine Souveränität aus, schildert sich als

08:51.860 --> 08:56.300
einen um das Wohl seines Landes sehr besorgten Herrscher, der

08:56.300 --> 09:00.320
natürlich auch gerade für die Bildung da ist, der sich für alle

09:00.320 --> 09:03.660
möglichen Arten von Schulen eingesetzt hat, die dann sogar namentlich

09:03.660 --> 09:07.660
genannt werden und der, weil es jetzt eben nötig ist, auch diese

09:07.660 --> 09:09.340
polytechnische Schule gründet.

09:09.780 --> 09:12.780
Und er gibt dann allerdings auch eine ganz wichtige Information,

09:13.340 --> 09:18.260
nämlich er sagt, die polytechnische Schule ist für diejenigen, die

09:18.260 --> 09:22.200
sich einerseits in der Privatwirtschaft dann beruflich engagieren

09:22.200 --> 09:26.180
wollen und sie ist genauso für diejenigen, die dann im öffentlichen

09:26.180 --> 09:27.740
Dienst tätig sein wollen.

09:28.180 --> 09:32.200
War da auch schon eine Voraussetzung festgelegt, unter welcher man

09:32.200 --> 09:35.900
studieren konnte, unter welcher man diese Schule besuchen konnte?

09:36.220 --> 09:39.820
Nein, das war in dieser Urkunde tatsächlich überhaupt nicht der Fall.

09:40.120 --> 09:43.600
Es wird dann noch gesagt, das Ganze soll dazu dienen, mit dem

09:43.600 --> 09:47.680
kleinsten Aufwand die größten Wirkungen zu erzeugen, also eine

09:47.680 --> 09:50.300
wirtschaftliche und ingenieurmäßige Optimierung.

09:50.620 --> 09:55.080
Und ein weiteres wichtiges Motiv, es soll die Leute befähigen, in

09:55.080 --> 09:58.840
ihren Produkten mit dem Ausland zu wetteifern.

09:59.060 --> 10:03.300
Das heißt, es wird der Gedanke vorgebracht, dass man sich hier in

10:03.300 --> 10:07.780
einer Konkurrenz, in einer wirtschaftlichen Konkurrenz mit dem Ausland

10:07.780 --> 10:08.240
befindet.

10:08.400 --> 10:14.460
Und hier wird eben auch deutlich, man hat etwas von diesem Prozess der

10:14.460 --> 10:20.800
Industrialisierung verstanden, der jetzt Europa ergreift, dass man in

10:20.800 --> 10:23.800
einer Konkurrenz sich mit anderen Ländern befindet.

10:23.940 --> 10:27.160
Natürlich hat man hier England, das fortgeschritten war, im

10:27.160 --> 10:27.920
Hinterkopf.

10:28.120 --> 10:31.380
Es geht um Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Volkswirtschaft.

10:31.900 --> 10:37.320
Also das Ganze begann als eine Schule, die in die staatliche

10:37.320 --> 10:39.320
Schulorganisation eingegliedert war.

10:39.680 --> 10:43.480
Und das war sie übrigens auch räumlich, nämlich die Polytechnische

10:43.480 --> 10:49.520
Schule startete dann im Herbst 1825 als Untermieter des Lyzeums.

10:50.000 --> 10:54.980
Das Lyzeum befand sich damals also im südlichen Nebengebäude der

10:54.980 --> 10:56.220
Stadtkirche am Marktplatz.

10:56.340 --> 11:01.380
Wir haben alle diese klassizistischen Bauten vor Augen und da irgendwo

11:01.380 --> 11:04.300
war diese Schule mit einquartiert.

11:04.460 --> 11:05.800
Wie viele haben da angefangen?

11:05.800 --> 11:07.840
Das wissen wir tatsächlich nicht.

11:08.000 --> 11:11.680
Also die allerersten Schülerlisten, wenn es sie überhaupt gab, sind

11:11.680 --> 11:12.280
verloren.

11:13.100 --> 11:17.240
Jüchste Forschungen unter Anleitung von Anton Guhl haben allerdings

11:17.240 --> 11:25.900
ergeben, dass wir für die Zeit von 1825 bis 1832, wenn wir also

11:25.900 --> 11:29.860
sämtliche Papierfetzen, die aus dieser Zeit übrig geblieben sind, nach

11:29.860 --> 11:33.500
jeglichem Informationsschnipsel durchkämmen, der Schüler sowieso mit

11:33.500 --> 11:37.820
Namen und so weiter, dann kommen wir auf etwa 420 verschiedene

11:37.820 --> 11:41.100
Individuen, die in dieser Zeit als Schüler bekannt waren.

11:41.780 --> 11:42.900
Was mussten die bezahlen?

11:43.420 --> 11:45.240
Ein zweistelliger Guldenbetrag.

11:45.820 --> 11:50.600
Wir wissen aus einer Untersuchung, die Martin Ullmann vorgelegt hat,

11:50.780 --> 11:55.860
dass ein durchschnittlich vermögender Karlsruher Bürger für das

11:55.860 --> 12:01.300
Studium eines Kindes an der Polytechnischen Schule sehr tief in die

12:01.300 --> 12:06.200
Tasche zu greifen hatte und das schon als Zukunftssicherung verstehen

12:06.200 --> 12:08.540
musste, um sich zu dieser Ausgabe zu entscheiden.

12:08.740 --> 12:10.140
Gab es da schon Stipendien?

12:10.460 --> 12:14.480
Ja, es gab ein ausgebreitetes Stipendienwesen.

12:15.000 --> 12:19.160
Mittellose konnten sich mit ausreichenden Schulleistungen im

12:19.160 --> 12:20.340
Hintergrund bewerben.

12:20.560 --> 12:23.580
Welche Fächer wurden denn an der Polytechnischen Schule unterrichtet?

12:24.120 --> 12:28.260
Der Unterricht bestand zu einem sehr großen Teil aus Mathematik.

12:28.440 --> 12:33.480
Mathematik mit Blick auf die konstruktiven Aufgaben des Ingenieurs.

12:34.320 --> 12:39.360
Da ging es darum, Körper und Flächen zu berechnen, Materialstärken zu

12:39.360 --> 12:44.440
berechnen und komplizierte geometrische Situationen zu verstehen, die

12:44.440 --> 12:49.280
bei Bauwerken oder Maschinen und ihrer Konstruktion zu berücksichtigen

12:49.280 --> 12:49.560
sind.

12:50.060 --> 12:54.300
Neben der Mathematik wurden auch in begrenztem Umfang

12:54.300 --> 12:55.980
Naturwissenschaften gelehrt.

12:56.260 --> 12:59.860
Also es gab ein bisschen allgemeine Naturkunde, also Kenntnis des

12:59.860 --> 13:01.540
Pflanzen - und Tierreichs.

13:01.640 --> 13:06.760
Geologie spielte eine Rolle und dann ging es auch ein wenig um Chemie,

13:06.940 --> 13:08.020
auch von Anfang an.

13:08.560 --> 13:12.400
Da hat der Bergrat Friedrich August Walchner eine Rolle gespielt, der

13:12.400 --> 13:15.120
das vor allem mit Blick auf den Bergbau gelehrt hat.

13:15.220 --> 13:18.780
Da ging es also vor allem um die anorganische Chemie erst einmal.

13:19.220 --> 13:22.600
Wie entwickelte sich denn der Fächerkanon in den ersten Jahrzehnten?

13:22.600 --> 13:27.340
Wir haben bereits sieben Jahre nach Gründung der Polytechnischen

13:27.340 --> 13:30.020
Schule einen markanten Bruch zu verzeichnen.

13:30.660 --> 13:34.660
Bis dahin hatte man eigentlich so alles zusammen studiert.

13:34.800 --> 13:38.600
Mathematische Grundlagenfächer, etwas mit Naturwissenschaften und dann

13:38.600 --> 13:42.260
natürlich auch einiges an Maschinenlehre und an Architektur.

13:42.720 --> 13:47.180
Man konnte sicherlich individuelle Schwerpunkte bilden, aber das war

13:47.180 --> 13:50.360
noch sehr zusammen, dieser Unterricht.

13:51.040 --> 13:56.040
Dann starben Tuller und Weinbrenner, so in ihren späten Fünfzigern,

13:56.200 --> 13:58.560
was man zunächst so nicht erwartet hatte.

13:59.260 --> 14:04.960
Und die von ihnen geleiteten Schulen standen dann also ohne diese hoch

14:04.960 --> 14:07.280
angesehenen Leitungsfiguren da.

14:07.480 --> 14:08.700
Und wie ging es weiter?

14:09.400 --> 14:12.840
Der Staatsrat Karl Friedrich Nibenius machte ein komplett neues

14:12.840 --> 14:15.020
Konzept für die Polytechnische Schule.

14:15.700 --> 14:20.620
Er zog die Tullerische Ingenieurschule und die Weinbrennersche

14:20.620 --> 14:22.820
Architekturschule hinein.

14:23.780 --> 14:30.300
Die blieben als eigenständige Lehreinheiten bestehen, als sogenannte

14:30.300 --> 14:31.260
Fachschulen.

14:31.820 --> 14:36.000
Und das ist dann 1832 mit der Fachschulgliederung eben auch der

14:36.000 --> 14:40.680
Anfang, der in der Geschichte der KIT-Fakultäten für Architektur und

14:40.680 --> 14:41.640
Bauingenieur wuchs.

14:41.660 --> 14:44.140
Ja, irgendwie so die ersten Fakultäten waren das.

14:44.140 --> 14:48.140
Bis das eine richtige universitäre Fakultät war, musste noch einiges

14:48.140 --> 14:48.580
geschehen.

14:48.640 --> 14:51.160
Da kommen wir etwas später darauf zu sprechen, wie die einzelnen

14:51.160 --> 14:55.600
Universitätsmerkmale so in Salami-Taktik eingeführt wurden.

14:55.820 --> 14:58.920
Also Architektur und Bauingenieurwesen.

14:59.040 --> 15:04.320
Dann holte Nibenius aus Heidelberg die Ausbildung für das Forstwesen

15:04.320 --> 15:04.920
hinzu.

15:05.540 --> 15:07.600
Dann gab es die Höhere Gewerbeschule.

15:08.000 --> 15:11.140
Die ist interessant, die war so etwas Ähnliches wie der

15:11.140 --> 15:15.140
Wirtschaftsingenieur heute, nämlich eine Kombination von

15:15.140 --> 15:18.380
Naturwissenschaften, Ingenieurwesen und Wirtschaft.

15:18.980 --> 15:23.260
Da sind auch einige Leute durchgegangen, deren Karrieren dann, also in

15:23.260 --> 15:26.360
leitende Industriepositionen, belegen, dass das in ihrer Biografie

15:26.360 --> 15:28.120
genau das Richtige gewesen ist.

15:28.520 --> 15:32.240
Und dann gab es noch eine kleinere Handels- und Postschule, die hatte

15:32.240 --> 15:34.520
aber einen deutlich verkürzten Studiengang.

15:34.890 --> 15:37.800
Mit welchem Abschluss konnte man denn diese Schulen besuchen?

15:38.020 --> 15:40.480
Was hatte man denn da in der Tasche, wenn man erfolgreich war?

15:40.980 --> 15:45.920
Man konnte im Alter von 13 Jahren in die Polytechnische Schule schon

15:45.920 --> 15:47.240
einsteigen.

15:47.880 --> 15:52.580
Also ein typisches Alter war zunächst 15 Jahre.

15:53.420 --> 15:56.500
Und da merken wir dann, es waren sicherlich auch ganz andere

15:56.500 --> 15:58.780
pädagogische Aufgaben zunächst zu erfüllen.

15:58.940 --> 16:03.000
Sofern die Schüler nicht hier in Karlsruhe ihr Elternhaus waren, waren

16:03.000 --> 16:05.920
sie also bei Leuten untergebracht, die sicherlich auf diese

16:05.920 --> 16:09.880
Lebenssituation eingerichtete Kost und Logis anboten.

16:10.700 --> 16:14.560
Natürlich spielte dann also Schuldisziplin auch eine bedeutende Rolle.

16:14.780 --> 16:17.000
Und erst so im Laufe des 19.

16:17.200 --> 16:21.360
Jahrhunderts entwickelt es sich dann so ganz langsam dahin, dass das

16:21.360 --> 16:24.140
Eintrittsalter doch eher bei 17, 18 Jahren liegt.

16:24.220 --> 16:25.700
Das haben wir dann im späten 19.

16:25.960 --> 16:26.420
Jahrhundert.

16:26.800 --> 16:31.260
Und damit das so funktioniert, musste eine wesentliche Voraussetzung

16:31.260 --> 16:33.360
vom zuliefernden Schulwesen geschaffen werden.

16:33.480 --> 16:35.780
Es musste nämlich das Niveau der mathematischen,

16:35.820 --> 16:39.620
naturwissenschaftlichen Grundkenntnisse im vorausgehenden Schulwesen

16:39.620 --> 16:40.540
gehoben werden.

16:40.760 --> 16:43.740
Die Polytechnische Schule hatte zunächst auch eine Vorschule

16:43.740 --> 16:44.720
eingeschaltet.

16:45.220 --> 16:46.860
Wir müssen berücksichtigen, im 19.

16:47.120 --> 16:51.680
Jahrhundert entwickelte sich erst der Typus der Realschule und des

16:51.680 --> 16:53.700
Realgymnasiums so richtig.

16:54.540 --> 16:59.500
Und in dem Maß, die dann schon Vorbildung betrieben haben, konnte man

16:59.500 --> 17:03.720
sich das dann natürlich an der Polytechnischen Schule sparen und auf

17:03.720 --> 17:05.040
höherem Niveau ansetzen.

17:05.320 --> 17:08.260
Aber eine pädagogische Ausbildung hatten die Lehrer an der

17:08.260 --> 17:09.700
Polytechnischen Schule nicht.

17:09.900 --> 17:12.080
Das waren reine Naturwissenschaftler, oder?

17:12.740 --> 17:21.520
Wir haben in den ersten 100 Jahren keine Lehrstelle, die sich speziell

17:21.520 --> 17:26.720
mit Didaktik, der spezifischen Ausbildung für die Vermittlung, für das

17:26.720 --> 17:28.420
Lehrfach, beschäftigt.

17:28.640 --> 17:31.180
Aber die Lehrpläne waren schon festgesetzt.

17:31.660 --> 17:35.660
Das heißt, man hat nicht nach Gutdünken unterrichtet, sondern es gab

17:35.660 --> 17:39.280
schon klar definierte Aufgaben, die gelehrt wurden.

17:40.200 --> 17:40.360
Ja.

17:40.840 --> 17:47.180
Der Lehrplan erscheint in den zunächst jährlich ab 1873 dann auch

17:47.180 --> 17:51.000
semesterweise erscheinenden Programmen, das sind dann die

17:51.000 --> 17:53.880
Vorlesungsverzeichnisse, sehr genau bestimmt.

17:54.500 --> 18:01.300
Wir haben für jeden Studiengang eine ganz weitgehend obligatorische

18:01.300 --> 18:06.020
Bestimmung der zu besuchenden Veranstaltungen und ihrer Folge.

18:06.360 --> 18:09.620
Bei den Fächern, die du mir aufgezählt hast, da fehlt mir die Chemie.

18:10.060 --> 18:13.000
Ich glaube, ich habe sie schon erwähnt mit dem, was der Bergrat

18:13.000 --> 18:14.400
Walchner getrieben hat.

18:14.400 --> 18:19.560
Geologie, Erdgeschichte und Chemie für das Hüttenwesen.

18:19.680 --> 18:23.960
Nur war das ja nicht alles, wovon die Chemie dann im 19.

18:24.180 --> 18:25.660
Jahrhundert gelebt hat.

18:26.680 --> 18:31.940
Für die Industrialisierung brauchte man auch die organische Chemie.

18:32.200 --> 18:38.180
Die bot Walchner nicht und das bekam er schmerzhaft zu spüren, als ab

18:38.180 --> 18:42.360
1841 Karl Velzin daherkam.

18:42.440 --> 18:46.380
Der hatte in Göttingen und Heidelberg Medizin studiert und sich dann

18:46.380 --> 18:49.720
aus eigenem Entschluss zum Chemiker bei Mitscheidlich in Berlin

18:49.720 --> 18:54.480
fortgebildet und kam dann zum Wohnort seiner Eltern zurück, stellte

18:54.480 --> 19:00.380
beim Ministerium den Antrag, dass er doch jetzt die Lehrerlaubnis für

19:00.380 --> 19:03.040
die Polytechnische Schule erhalten wolle.

19:03.600 --> 19:08.020
Das Ministerium ließ ihn einen Probevortrag halten und erteilte ihm

19:08.020 --> 19:09.780
die Lehrbefugnis für das Fach Chemie.

19:10.460 --> 19:16.280
Damit war Velzin Privatdozent, an der Polytechnischen Schule und zwar

19:16.280 --> 19:20.780
der erste überhaupt, denn es gab so etwas wie ein Privatdozentenwesen

19:20.780 --> 19:22.820
dort noch gar nicht, womit wir auch wieder sehen.

19:22.900 --> 19:26.020
Die Hochschulmerkmale werden hier so Stück für Stück eingeführt.

19:26.760 --> 19:30.840
Er unterrichtete die organische Chemie, die man im 19.

19:31.020 --> 19:35.560
Jahrhundert bitter nötig hatte, zum einen für die Herstellung von

19:35.560 --> 19:39.360
Farbstoffen in der chemischen Industrie, zum anderen aber in der

19:39.360 --> 19:40.740
Agrikulturchemie.

19:41.320 --> 19:45.180
Die Industriestaaten mit ihrem starken Bevölkerungswachstum mussten

19:45.180 --> 19:47.280
die Erträge der Landwirtschaft steigern.

19:47.460 --> 19:49.080
Dafür brauchte man die Wissenschaft.

19:49.640 --> 19:54.300
Velzin hat das hier in Karlsruhe gemacht und die Studenten haben sehr

19:54.300 --> 19:57.800
wohl verstanden, dass die organische Chemie jetzt gebraucht wird.

19:58.520 --> 20:01.920
Sie gingen dann auch mehrheitlich zu Velzin.

20:02.280 --> 20:03.960
Wo hat er denn das gelehrt?

20:04.060 --> 20:07.100
Für die Chemie braucht man ja auch Labore, man braucht

20:07.100 --> 20:08.200
Versuchseinrichtungen.

20:08.320 --> 20:09.780
Gab es die denn dann schon?

20:10.280 --> 20:12.540
Das war eine richtige Engstelle.

20:12.660 --> 20:14.720
Zunächst hatte man das noch nicht.

20:15.420 --> 20:19.760
Im Hauptgebäude, das wir ja heute noch als Westflügel des heutigen

20:19.760 --> 20:24.460
Hauptgebäudes in der Kaiserstraße sehen, war zunächst gar kein

20:24.460 --> 20:26.020
Chemielabor realisiert.

20:26.320 --> 20:31.560
Und von Karl Velzin wissen wir, dass er in seinem Privathaus ein

20:31.560 --> 20:33.840
provisorisches Labor eingerichtet hatte.

20:34.280 --> 20:36.700
Das war ein sehr großzügiges Privathaus.

20:36.880 --> 20:39.740
Manche von uns kennen das vielleicht noch als Palais Velzin.

20:40.180 --> 20:44.040
Das steht da in der Nähe vom Bundesgerichtshof an der Karlstraße, an

20:44.040 --> 20:44.380
der Ecke.

20:44.520 --> 20:46.280
Also ein klassizistisches Gebäude.

20:47.920 --> 20:51.660
Jetzt musste es ja irgendwie weitergehen und es gibt noch viele große

20:51.660 --> 20:54.520
Namen, über die wir noch gar nicht gesprochen hatten.

20:54.900 --> 20:56.740
Zum Beispiel der Ferdinand Rettenbacher.

20:57.200 --> 20:59.780
Ferdinand Rettenbacher, der Begründer des wissenschaftlichen

20:59.780 --> 21:00.720
Maschinenbaus.

21:01.340 --> 21:03.220
Wann kam denn er dazu?

21:04.460 --> 21:08.900
1841 kamen Ferdinand Rettenbacher und Karl Velzin an die

21:08.900 --> 21:10.020
Polytechnische Schule.

21:10.680 --> 21:15.480
Das waren zwar geplante Zugänge, aber in ihrer Wirkung war das alles

21:15.480 --> 21:20.820
andere als geplant, dass die beiden nämlich ihre speziellen Fächer so

21:20.820 --> 21:25.140
stark entwickeln würden, dass daraus dann auch eigene Fachschulen und

21:25.140 --> 21:27.360
später eigene Fakultäten entstehen würden.

21:28.820 --> 21:34.980
Rettenbacher war in Zürich an der Oberen Industrieschule Lehrer für

21:34.980 --> 21:38.360
angewandte Mathematik gewesen und als man ihn dann aus Karlsruhe

21:38.360 --> 21:42.660
gefragt hat, hat er in vier Verhandlungsrunden, das sind also jeweils

21:42.660 --> 21:48.060
vier gewechselte Briefe, es von einer sehr unspezifischen Anfrage, ob

21:48.060 --> 21:51.200
er hier in Karlsruhe vielleicht ein bisschen Unterricht geben könnte,

21:51.740 --> 21:56.300
auf einen bestimmten Unterricht, nämlich nur im Maschinenbau, mit

21:56.300 --> 21:59.920
einer ganz bestimmten Stundenzahl, so dass er noch Zeit für

21:59.920 --> 22:04.080
Wissenschaft hatte und mit ganz bestimmten Hilfsmitteln, nämlich dem

22:04.080 --> 22:07.580
Auftrag, eine Lehrmittelsammlung einzurichten, hat er es dahin

22:07.580 --> 22:08.040
verhandelt.

22:08.120 --> 22:11.720
War das das Revolutionäre an der Lehre und an der Forschung von

22:11.720 --> 22:12.180
Rettenbacher?

22:12.800 --> 22:16.080
Rettenbacher war sicherlich innovativ.

22:16.380 --> 22:21.500
Ob er wirklich das bisherige Lehrgebäude völlig zertrümmert und neu

22:21.500 --> 22:24.720
aufgebaut hat, müssten wir eigentlich erst erforschen, indem wir das

22:24.720 --> 22:27.520
im Zusammenhang mit den anderen polytechnischen Schulen und ihrer

22:27.520 --> 22:28.480
Entwicklung betrachten.

22:29.220 --> 22:33.160
Welche Ideen und welche Konzepte von Rettenbacher sind denn heute noch

22:33.160 --> 22:34.940
aktuell im Maschinenbau?

22:35.640 --> 22:42.200
Eigentlich ist es die Verwissenschaftlichung des Fachs und seine

22:42.200 --> 22:48.200
mathematische Fundierung, zu der Rettenbacher einen wesentlichen Schub

22:48.200 --> 22:49.480
geleistet hat.

22:50.240 --> 22:55.840
Rettenbacher ärgerte sich sehr über die Vormachtstellung der

22:55.840 --> 22:58.600
Engländer, gerade im Maschinenwesen.

22:58.800 --> 23:03.100
Er konnte es nicht ertragen, dass aus England teure Spezialisten, also

23:03.100 --> 23:05.660
selbst zum Schraubendrehen, geholt werden mussten.

23:06.320 --> 23:13.600
Er sah den technologischen Vorsprung der Engländer und er sah auch,

23:13.940 --> 23:19.140
dass die ihre Entwicklungsarbeit zu einem großen Teil in der Werkstatt

23:19.140 --> 23:20.440
verrichtet haben.

23:20.580 --> 23:25.260
Das heißt, da war viel Versuch und Irrtum, viel Herumprobieren an der

23:25.260 --> 23:25.540
Sache.

23:25.940 --> 23:29.580
Und da hat Rettenbacher dann die Chance gesehen.

23:29.800 --> 23:35.480
Rettenbacher sagte, wir müssen das Ganze stärker mathematisieren, wir

23:35.480 --> 23:41.780
müssen die zu bewegenden Kräfte, wir müssen die Materialstärken

23:41.780 --> 23:46.420
stärker nach mathematischen Methoden bestimmen, denn dadurch können

23:46.420 --> 23:50.060
wir Geld für Entwicklungsarbeit in der Werkstatt sparen.

23:50.560 --> 23:54.000
Jetzt ist nun alles ja stark von den Ingenieurwissenschaften geprägt.

23:54.400 --> 23:57.260
Wie muss ich mir denn das Leben eines Studenten im 19.

23:57.520 --> 23:58.540
Jahrhundert vorstellen?

23:58.820 --> 24:03.080
Wir wissen natürlich ziemlich wenig, weil diese Studierenden wenig

24:03.080 --> 24:05.740
persönliche Dokumente hinterlassen haben.

24:06.220 --> 24:09.640
Wenn wir uns die Lehrpläne ansehen, dann ist uns jedenfalls eines

24:09.640 --> 24:10.020
klar.

24:10.800 --> 24:15.120
Neben dem Besuch der Lehrveranstaltung stand sehr viel Arbeit zu

24:15.120 --> 24:15.460
Hause.

24:15.840 --> 24:21.560
Die mussten die Vorlesungen, die sie mitgenommen haben, da ist man ja

24:21.560 --> 24:24.420
mit einem Heft hingegangen, in das man alles Mögliche eingeschrieben

24:24.420 --> 24:29.060
hat, das mussten die aufbereiten, damit das in eine Form kam, mit der

24:29.060 --> 24:31.500
man das auch wirklich lernen konnte.

24:31.940 --> 24:36.660
Das heißt, die skizzenhaften Abzeichnungen von der Tafel mussten ins

24:36.660 --> 24:37.960
Reine gezeichnet werden.

24:38.560 --> 24:41.980
Das gilt sicherlich auch in übertragendem Maß für die an die Tafel

24:41.980 --> 24:43.560
geschriebenen Zahlenwerke.

24:44.060 --> 24:48.380
Auch die mussten natürlich richtig nachvollziehbar aufgezeichnet

24:48.380 --> 24:50.760
werden und sie auch verstanden werden.

24:51.340 --> 24:56.040
Und daneben hatten jedenfalls die Ingenieurstudenten durch ihr

24:56.040 --> 25:00.440
gesamtes Curriculum eine starke Arbeitsbelastung durch

25:00.440 --> 25:02.160
Zeichnungsaufgaben.

25:02.380 --> 25:05.920
Und das reichte bei den Ingenieuren von einer, ich sage mal,

25:06.040 --> 25:09.380
zeichnerischen Grundausbildung zu der durchaus so etwas wie

25:11.320 --> 25:15.960
Freihandzeichnung, Architektur- und Landschaftszeichnung, Perspektive,

25:16.380 --> 25:20.980
ein Gegenstand im Schräglicht, dann die darstellende Geometrie, also

25:20.980 --> 25:25.500
ein Spitzkegel durchdringt einen Zylinder, so etwas, rechenbar

25:25.500 --> 25:26.500
gezeichnet.

25:26.580 --> 25:29.540
Das wurde in einer Reihe von Übungen gelernt.

25:29.700 --> 25:30.960
Das war Grundstudium.

25:31.760 --> 25:36.000
Und dann kam das Hauptstudium, nachdem man also ein Jahr erste

25:36.000 --> 25:39.600
mathematische Klasse, dann ein Jahr zweite mathematische Klasse

25:39.600 --> 25:40.200
gemacht hatte.

25:40.320 --> 25:44.580
Dann kam das eigentliche Fachstudium, zwei oder drei Jahreskurse

25:44.580 --> 25:48.420
Maschinenbau oder Ingenieurwesen oder eben Architektur.

25:48.960 --> 25:51.660
Und da ging es dann natürlich auch wieder los mit den

25:51.660 --> 25:52.560
Übungszeichnungen.

25:52.640 --> 25:57.300
Die Bauingenieure mussten Übungszeichnungen also im Eisenbahnbau

25:57.300 --> 26:01.720
machen, Eisenbahntrassen zeichnen, einen Bahnhof zeichnen, ein

26:01.720 --> 26:03.180
Gleisfeld zeichnen.

26:03.600 --> 26:06.100
Sie mussten aber auch die Brücken zeichnen.

26:06.400 --> 26:10.140
Der Maschinenbauer musste Maschinen zeichnen.

26:10.220 --> 26:14.220
Das konnte erst mal eine Pumpe, eine Presse oder ein Kran sein.

26:14.760 --> 26:18.680
Und dann ging es weiter zur großen Dampfmaschine, die natürlich schon

26:18.680 --> 26:20.000
deutlich komplizierter war.

26:20.220 --> 26:21.360
Klingt ganz schön anstrengend.

26:21.440 --> 26:23.960
Da war vermutlich nicht viel Zeit für die Studentenkneipe.

26:24.100 --> 26:25.780
Ein bisschen eben doch.

26:26.240 --> 26:30.980
Also wir haben einen Briefnachlass eines Studierenden aus den 1860er

26:30.980 --> 26:31.340
Jahren.

26:32.120 --> 26:35.800
Der muss natürlich seinem Vater auch immer schön Rechenschaft ablegen,

26:35.940 --> 26:38.700
dass der gezahlte Unterhalt also nicht verschwendet wird.

26:38.820 --> 26:40.260
Es wird auch mal gebettelt.

26:40.840 --> 26:45.060
Lieber Vater, man erzählt ja so, bei den Exkursionen ins Ruhrgebiet,

26:45.140 --> 26:47.920
da soll man ja mit tollen Leuten zusammenkommen, die dann für die

26:47.920 --> 26:51.440
Einstellung von Ingenieuren ein wichtiges Wort mitzureden haben.

26:51.940 --> 26:55.020
Nächster Brief, oh lieber Vater, das ist ja super, dass du mir das

26:55.020 --> 26:57.480
Geld für die Exkursion ins Rheinland geschickt hast.

26:58.060 --> 27:03.100
Aber es wird gelegentlich auch ein bisschen davon erzählt, wie man mit

27:03.100 --> 27:05.120
anderen in Gesellschaft gekommen ist.

27:05.220 --> 27:08.420
Man merkt auch, man ist mitunter einsam.

27:08.840 --> 27:13.900
Man tut sich schwer, Menschen mit den gleichen kulturellen Ansprüchen

27:13.900 --> 27:14.520
zu finden.

27:14.920 --> 27:20.480
Aber man geht durchaus mal in ein Konzert und hin und wieder kommt man

27:20.480 --> 27:23.500
auf gesellschaftlichen Anlässen wie einem Ball auch mal mit

27:23.500 --> 27:25.540
Professoren in Berührung.

27:25.660 --> 27:30.320
Zum Beispiel schreibt dann dieser Student, dass er natürlich maskiert

27:30.320 --> 27:34.100
einen der Professoren dann, ich glaube, irgendwie am Frack gezogen

27:34.100 --> 27:36.280
oder geneckt habe bei diesem Ball.

27:37.140 --> 27:41.020
Und was wir nicht vergessen dürfen, auch wenn die Polytechnische

27:41.020 --> 27:46.900
Schule noch lange keine Universität war, ab den 1830er Jahren wachsen

27:46.900 --> 27:50.020
hier die Studentenverbindungen aus dem Boden.

27:50.520 --> 27:55.760
Die belegen nun klar, die Schüler des Polytechnikums, so wurden die ja

27:55.760 --> 27:59.880
offiziell noch genannt, verstehen sich als werdende Akademiker.

27:59.880 --> 28:04.640
Die treiben ein akademisches Brauchtum, auch wenn es zunächst noch

28:04.640 --> 28:05.620
verboten ist.

28:06.220 --> 28:11.020
Und dazu gehört natürlich also die Organisation in Verbindungen.

28:11.360 --> 28:15.920
Die haben dann meinetwegen solche Namen wie Vitruvia, Sinapia,

28:16.100 --> 28:17.620
Franconia und so weiter.

28:18.140 --> 28:23.040
Die haben bestimmte Farben, die sie tragen und mit denen sie sich

28:23.040 --> 28:23.800
unterscheiden.

28:24.440 --> 28:28.660
Sie haben bestimmte Geselligkeitsbräuche, wozu auch ein geregelter

28:28.660 --> 28:29.900
Bierkonsum geführt.

28:30.760 --> 28:35.160
Manche sind schlagend, das heißt, sie pflegen das Mensurfechten.

28:35.700 --> 28:40.060
Zur studentischen Sphäre gehört das Austragen von Duellen.

28:40.640 --> 28:45.200
Das kann aus Alkoholexzessen hervorgehen, muss es aber nicht.

28:45.420 --> 28:46.820
Aber keine tödlichen Duelle.

28:46.940 --> 28:50.080
Und es ist verboten und mitunter sogar tödlich.

28:50.200 --> 28:53.440
Wir haben einige Fälle in unseren Disziplinarakten, wo so etwas

28:53.440 --> 28:54.400
vorgekommen ist.

28:54.620 --> 28:56.800
Jetzt sprichst du von Disziplinarakten.

28:56.960 --> 29:01.500
Gab es denn tatsächlich disziplinarische Maßnahmen gegenüber den

29:01.500 --> 29:02.100
Studenten?

29:02.180 --> 29:06.560
Gab es so etwas wie einen Karzer oder Geldstrafe oder Ausschluss, wenn

29:06.560 --> 29:08.640
man denn irgendetwas verbrochen hat?

29:08.900 --> 29:13.380
Also es hat das hier tatsächlich in einem erheblichen Umfang gegeben.

29:13.740 --> 29:15.100
Gibt es da überlieferte Geschichten?

29:15.180 --> 29:19.280
Ja, wir haben eine gut dreistellige Zahl solcher Vorgänge.

29:20.020 --> 29:22.700
Das ist im Vergleich gar nicht viel.

29:22.820 --> 29:25.480
An der Universität Göttingen hat das Universitätsgericht eine

29:25.480 --> 29:27.320
fünfstellige Zahl von Akten.

29:27.500 --> 29:31.460
Man muss allerdings auch sehen, die studentische Delinquenz war

29:31.460 --> 29:34.280
zeitweilig auch so etwas wie ein Gesellschaftsspiel.

29:34.440 --> 29:37.860
Über die Stränge schlagen, vor das Universitätsgericht müssen, im

29:37.860 --> 29:41.420
Karzer sitzen und Besucher empfangen und dann gemeinsam rauchen und

29:41.420 --> 29:42.460
womöglich weiter trinken.

29:43.840 --> 29:47.040
Das kann als Spiel gestaltet werden.

29:47.600 --> 29:50.020
Also wir haben jetzt gehört, die Männer haben sich nicht immer

29:50.020 --> 29:51.260
großartig benommen.

29:51.620 --> 29:53.600
Wann kamen denn die ersten Frauen dazu?

29:54.520 --> 29:58.360
Die erste ordentliche Studierende durfte die Technische Hochschule

29:58.360 --> 30:01.780
Karlsruhe ab dem Jahr 1904 besuchen.

30:02.060 --> 30:03.800
Wer war das und was hat sie studiert?

30:04.080 --> 30:07.100
Das war Magdalena Moip, verheiratete Neff.

30:07.640 --> 30:12.060
Die studierte Pharmazie, ein von den ersten Studierenden Frauen, gar

30:12.060 --> 30:13.640
nicht so selten gewähltes Fach.

30:14.360 --> 30:18.660
Und sie jedenfalls wurde dann, nachdem sie geheiratet hatte,

30:18.880 --> 30:24.260
Apothekerin und betrieb zusammen mit ihrem Mann in Ehingen eine

30:24.260 --> 30:26.900
Apotheke bis in die 1950er Jahre.

30:27.280 --> 30:32.180
Welche Abschlüsse hatten denn die Studierenden zu dieser Zeit im 19.

30:32.460 --> 30:32.820
Jahrhundert?

30:33.000 --> 30:36.580
Waren das dann alles Ingenieure oder wie nannte man sich, wenn man das

30:36.580 --> 30:37.480
einen Abschluss hatte?

30:38.020 --> 30:41.880
Einen richtigen Abschluss, so wie wir uns das heute vorstellen, gab es

30:41.880 --> 30:42.700
noch gar nicht.

30:42.820 --> 30:47.120
Es gab keine Abschlussprüfung, die mit der Erteilung eines

30:47.120 --> 30:49.120
akademischen Grades verbunden war.

30:49.400 --> 30:53.400
Man ging zur Schule und wie das so zu einer Schule gehört, gibt es

30:53.400 --> 30:56.860
eine Lehrerkonferenz am Ende des Schuljahres, die über die Versetzung

30:56.860 --> 30:57.580
befindet.

30:57.860 --> 31:02.420
Da rutschte man dann also von einer Klasse in die nächsthöhere und

31:02.420 --> 31:03.340
dann war Schluss.

31:03.800 --> 31:06.840
Wer wollte, konnte sich dann was schreiben lassen.

31:06.840 --> 31:11.860
Der bekam dann einen Kopfbogen, da stand dann drauf Polytechnisches

31:11.860 --> 31:17.700
Institut und dann wurde dieser Bogen von Professor zu Professor

31:17.700 --> 31:21.460
geschickt und jeder Professor hat drauf geschrieben, was ihm so

31:21.460 --> 31:23.300
einfiel zu diesem Schüler.

31:24.120 --> 31:27.220
Aber man konnte auch rausfliegen, wenn man das nicht gut gemacht hat.

31:27.800 --> 31:32.200
Das Disziplinarwesen befestigt sich zu einem ganz großen Teil mit

31:32.200 --> 31:33.160
Unfleiß.

31:33.560 --> 31:38.120
Wer nicht mitkam, konnte von der Schule verwiesen werden.

31:38.460 --> 31:42.160
Jetzt gab es ja noch weitere berühmte Wissenschaftler, berühmte

31:42.160 --> 31:42.780
Pioniere.

31:43.300 --> 31:44.800
Einer davon ist Heinrich Herz.

31:45.000 --> 31:46.420
Wann stieß denn er dazu?

31:46.940 --> 31:53.260
Heinrich Herz wurde 1886 von seinem Status als Privatdozent an der

31:53.260 --> 31:57.180
Universität Kiel hier in Karlsruhe auf seine erste ordentliche

31:57.180 --> 31:58.180
Professur berufen.

31:58.440 --> 32:03.840
Wir waren gerade 1885 von der Polytechnischen Schule zur Technischen

32:03.840 --> 32:05.520
Hochschule umbenannt worden.

32:06.100 --> 32:10.180
Das war für sich eigentlich nur eine nominelle Veränderung.

32:10.740 --> 32:15.280
1865 hatten wir als Ferdinand Rettenbacher hier noch das Direktorat

32:15.280 --> 32:20.120
führte, eine deutliche Verbesserung erhalten mit einem neuen Statut,

32:20.260 --> 32:25.000
dessen erster Paragraf sagt, die Polytechnische Schule ist eine

32:25.000 --> 32:26.380
Technische Hochschule.

32:27.260 --> 32:31.000
Sie bestimmt ihre Angelegenheiten zu einem wesentlichen Teil selbst

32:31.000 --> 32:36.760
und das heißt, sie beruft die Professoren, die da lehren, selbst.

32:36.940 --> 32:41.280
Was man noch nicht hatte, war ein reguläres Privatdozentenwesen,

32:41.420 --> 32:45.820
sprich, also auch die Habilitation gab es hier regulär noch nicht.

32:46.040 --> 32:49.260
Es gab noch keine Abschlussprüfungen.

32:49.620 --> 32:54.360
Das wollte man dann nach 1865 einführen, aber nur fakultativ für

32:54.360 --> 32:57.720
diejenigen, die es eben nötig hatten, mit einer Urkunde davon zu

32:57.720 --> 32:57.980
laufen.

32:58.380 --> 33:01.760
Was wir auch noch nicht hatten, war die Promotion.

33:02.460 --> 33:07.540
Ein neben der Habilitation wichtiges Element bei der Heranziehung des

33:07.540 --> 33:10.460
eigenen wissenschaftlichen Nachwuchses fehlte immer noch.

33:10.760 --> 33:11.940
Wann hat sich das geändert?

33:12.300 --> 33:13.540
Im Übergang zum 20.

33:13.740 --> 33:14.220
Jahrhundert.

33:14.540 --> 33:17.600
Die Polytechnischen Schulen und Technischen Hochschulen, wie sie dann

33:17.600 --> 33:21.760
irgendwann hießen, haben schon lange darauf hingearbeitet.

33:21.920 --> 33:26.040
Besonders die Chemiker waren hieran interessiert, denn diese Disziplin

33:26.040 --> 33:27.820
gab es ja auch an den Universitäten.

33:28.600 --> 33:32.420
Für die Maschinenbauer etwa und die Bauingenieure war das zunächst gar

33:32.420 --> 33:34.380
nicht so dramatisch, diese Situation.

33:35.380 --> 33:41.260
Wer war der erste Mensch, der an der Technischen Hochschule Karlsruhe

33:41.260 --> 33:42.380
promoviert hat?

33:42.480 --> 33:43.140
Kennen wir den?

33:43.560 --> 33:45.500
Das war Adalbert Engler.

33:45.660 --> 33:49.580
Wir kennen ihn, weil er im prachtvoll gestalteten Promotionsbuch der

33:49.580 --> 33:52.180
Technischen Hochschule Karlsruhe eingetragen ist.

33:52.640 --> 33:57.400
Und der war ein Verwandter des hier wirkenden Chemieprofessors Karl

33:57.400 --> 33:57.780
Engler.

33:58.020 --> 33:58.960
Wie spannend!

33:59.440 --> 34:03.260
Hast du noch andere spannende Geschichten aus dem KIT-Archiv?

34:03.660 --> 34:07.440
Welche Persönlichkeiten sind denn noch herausgekommen aus dieser

34:07.440 --> 34:08.680
Technischen Hochschule?

34:09.760 --> 34:14.260
Wir müssen da natürlich auch noch Karl Benz nennen, der als Inhaber

34:14.260 --> 34:21.040
eines Stipendiums hier ab 1860 Maschinenbau studiert hat und dann nach

34:21.040 --> 34:25.540
einigen Jahren in der Wirtschaft durch seine Erfindertätigkeit dann

34:25.540 --> 34:30.300
zur Entwicklung des Automobils kam, indem er also einen sehr kleinen

34:30.300 --> 34:36.100
Verbrennungsmotor herstellte und den auf ein dreirädriges Fahrzeug

34:36.100 --> 34:40.160
setzte und dann eines der ganz frühen Automobile gebaut hat.

34:40.340 --> 34:45.220
Und da aber er mit seiner Unternehmung dann so erfolgreich ist, ist

34:45.220 --> 34:47.800
ihm auch die Automobilerfindung zugeschrieben worden.

34:48.280 --> 34:50.880
Ab wann wurden wir denn zur Universität?

34:51.340 --> 34:56.680
Im Jahr 1967 wurde die Technische Hochschule Karlsruhe dann umbenannt

34:56.680 --> 35:00.860
zu Universität Karlsruhe, Klammer auf, TH, Klammer zu.

35:01.040 --> 35:02.100
Was war da anders?

35:02.240 --> 35:05.700
Was war strukturell anders, dass die Technische Hochschule jetzt

35:05.700 --> 35:07.900
plötzlich eine Universität werden konnte?

35:08.100 --> 35:11.360
In dem Moment, als diese Urkunde ausgestellt wurde, hat sich

35:11.360 --> 35:13.160
eigentlich gar nichts geändert.

35:13.780 --> 35:19.540
Wir müssen aber die Entwicklung der gesamten 50er und 60er Jahre in

35:19.540 --> 35:25.140
den Blick nehmen und dann verstehen wir, dass sich hier ein massiver

35:25.140 --> 35:27.660
Aufbauprozess vollzogen hat.

35:28.560 --> 35:34.300
Wir kommen mit einigen tausend Studierenden in die 1950er Jahre und

35:34.300 --> 35:39.860
wir starten durch in die Massenuniversität, die dann 10.000 und 20.000

35:39.860 --> 35:40.880
Studierende hat.

35:41.640 --> 35:47.220
Dazu gehört ein ganz breiter Ausbau, sowohl in der Bausubstanz, also

35:47.220 --> 35:51.480
letztlich die gesamte Bebauung nördlich der Engesserstraße, also mehr

35:51.480 --> 35:55.820
als der halbe Campus, sind in dieser Zeit im Eiltempo entstanden.

35:56.420 --> 36:00.600
Es mussten Hörsäle gebaut werden für die stark gestiegene Zahl der

36:00.600 --> 36:01.240
Studierenden.

36:01.540 --> 36:05.300
Die Fächer haben sich aber auch sehr stark differenziert.

36:05.800 --> 36:11.280
Wir haben einen starken Aufbau im Bereich der Physik und einen starken

36:11.280 --> 36:16.840
Aufbau der Wirtschaftswissenschaften, die zwar schon lange so etwas

36:16.840 --> 36:19.960
ähnliches wie den Wirtschaftsingenieur und den Volkswirt und den

36:19.960 --> 36:25.520
technischen Volkswirt ausbilden, aber dann so ab 1970 dann richtig

36:25.520 --> 36:28.940
durchstarten mit der Neuauflage des Wirtschaftsingenieurs, der erst

36:28.940 --> 36:32.900
dann so richtig zu einem erfolgreichen Dauerbrenner- und Massenfach,

36:32.980 --> 36:36.720
also zu einer wirklichen Profilspitze des Karlsruher Lehrangebots

36:36.720 --> 36:37.060
wird.

36:37.780 --> 36:42.460
Da entwickelt sich dann sowohl aus der Elektrotechnik wie auch aus der

36:42.460 --> 36:45.140
Mathematik heraus die Informatik.

36:45.580 --> 36:51.140
Wir haben hier in den späten 1950er Jahren den ersten Computer, eine

36:51.140 --> 36:55.320
Zuse -Maschine, die im Institut für angewandte Mathematik betrieben

36:55.320 --> 36:59.760
wird, ursprünglich also für ein Forschungsprojekt besorgt, aber ganz

36:59.760 --> 37:04.120
weitsichtig von Anfang an als ein Urrechenzentrum betrieben und das

37:04.120 --> 37:08.460
heißt gleich mit Programmierausbildung für die Studierenden und mit

37:08.460 --> 37:11.320
Rechendienstleistung für die verschiedenen Disziplinen an der

37:11.320 --> 37:12.280
Technischen Hochschule.

37:12.760 --> 37:17.800
Das Ganze wird durch die 1960er Jahre stark ausgebaut, bis man dann

37:17.800 --> 37:24.140
1966 den ersten Rechenzentrumsleiter, den Herrn Kulisch hat und 1968

37:24.140 --> 37:27.740
dann die Einrichtung des Rechenzentrums eigenständig als zentrale

37:27.740 --> 37:29.480
Einrichtung neben der Bibliothek.

37:30.480 --> 37:37.340
Es gelingt dem Rechenzentrumsleiter, die Karlsruher Informatik, die ab

37:37.340 --> 37:42.960
1969 mit einem Institut für Informatik vertreten ist, in das

37:42.960 --> 37:48.080
Verteilungsgremium einzuschleusen, das beim Bund über die Verteilung

37:48.080 --> 37:53.600
vieler Millionen D-Mark entscheidet, mit denen an den westdeutschen

37:53.600 --> 37:57.760
Universitäten Informatiklehrstühle aufgebaut werden.

37:58.400 --> 38:02.640
Karlsruher hat neben München, also der Technischen Universität

38:02.640 --> 38:06.380
München, die größte Schnitte aus diesem Programm abbekommen und gleich

38:06.380 --> 38:12.320
1972 eine ganze Fakultät für Informatik einrichten können, die erste

38:12.320 --> 38:14.660
Fakultät für Informatik in Deutschland überhaupt.

38:14.900 --> 38:20.240
Und das ist dann eine weitere wichtige Spitze im Profil der Karlsruher

38:20.240 --> 38:20.940
Universität.

38:21.200 --> 38:24.200
Nun haben wir schon über große Innovationen gesprochen.

38:24.400 --> 38:27.760
Wir befinden uns schon in den 70er, 80er Jahren.

38:28.480 --> 38:33.000
Wir haben nicht gesprochen über alles, was in den Zeiten des Dritten

38:33.000 --> 38:36.580
Reiches an der Universität beziehungsweise an der Technischen

38:36.580 --> 38:37.720
Hochschule passiert ist.

38:38.220 --> 38:41.960
Wir nicht über Studentenproteste in den 60er Jahren gesprochen.

38:42.460 --> 38:46.300
Es gibt noch eine große Fülle von Themen und Ideen und Geschichten,

38:46.680 --> 38:48.420
über die wir sprechen könnten.

38:49.020 --> 38:51.160
Dazu wird uns leider heute die Zeit fehlen.

38:51.280 --> 38:55.120
Vielleicht holen wir das auch mal nach und machen spezielle Themen

38:55.120 --> 38:58.000
-Podcasts dazu, wenn ihr das gerne hören möchtet.

38:58.520 --> 39:06.220
Es gab aber natürlich rund um das Jahr 2000 noch einmal eine

39:06.220 --> 39:11.060
großartige Idee und in der Folge dann auch den großartigen

39:11.060 --> 39:13.300
Zusammenschluss Gründung KIT.

39:13.920 --> 39:18.420
Wann kamen die ersten Ideen auf dazu und wann wurde es dann

39:18.420 --> 39:19.640
letztendlich umgesetzt?

39:20.080 --> 39:21.940
Wann wurden wir zum KIT?

39:22.700 --> 39:24.540
Ja, ich erinnere mich da noch ein bisschen.

39:24.680 --> 39:26.780
Das waren ja auch meine ersten Berufsjahre.

39:27.320 --> 39:30.900
Da kam dann auf einmal die Exzellenzinitiative.

39:31.400 --> 39:36.280
Das beinhaltete die Möglichkeit, sich um den Titel

39:36.280 --> 39:41.580
Exzellenzuniversität und eine erhebliche Förderung, so im Umfang von

39:41.580 --> 39:44.960
etwas über 50 Millionen Euro, zu bewerben.

39:45.540 --> 39:50.560
Die Universitäten konnten Projekte, die sich natürlich über ihre

39:50.560 --> 39:52.980
Breite erstrecken mussten, definieren.

39:53.200 --> 39:55.560
Es mussten verschiedene Forschungsvorhaben sein.

39:55.680 --> 39:57.640
Es mussten Verbundforschungsvorhaben sein.

39:58.140 --> 40:02.160
Schon damals gab es diese Exzellenzcluster, die gebildet werden

40:02.160 --> 40:02.560
mussten.

40:03.140 --> 40:05.220
Das hat man auch in Karlsruhe gemacht.

40:05.560 --> 40:10.600
Man war damals schon so alert, in die Runde zu schauen und sich zu

40:10.600 --> 40:13.000
überlegen, was machen wohl unsere Mitbewerber?

40:13.600 --> 40:14.800
Wie stehen wir im Feld?

40:15.120 --> 40:19.060
Da kam man tatsächlich an einen Moment der Selbstkritik, wo man gesagt

40:19.060 --> 40:20.740
hat, das ist noch zu schwach.

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Das reicht nicht.

40:21.920 --> 40:27.840
Und es musste dann ganz schnell eine neue, einen großen Wurf musste

40:27.840 --> 40:28.340
man haben.

40:29.260 --> 40:35.000
Und da ist man dann mit dem Forschungszentrum Karlsruhe auf den

40:35.000 --> 40:39.060
Gedanken gekommen, eine echte Fusion zu veranstalten.

40:39.400 --> 40:44.940
Das war, auch wenn man die Geschichte in der Kooperation dieser beiden

40:46.000 --> 40:51.940
Forschungsinstitutionen betrachtet, ein nahezu verwegenes Unternehmen.

40:52.880 --> 41:00.320
Das Forschungszentrum war eine GmbH, die zu 90 Prozent vom Bund und zu

41:00.320 --> 41:02.860
10 Prozent vom Land finanziert wurde.

41:02.960 --> 41:05.680
Also eine ganz andere Rechtsform.

41:06.340 --> 41:13.060
Das war Forschung für vorgegebene Programme, die zwischen Wissenschaft

41:13.060 --> 41:18.620
und Politik ausgehandelt wurden, um dringende Daseinsfragen, wie etwa

41:18.620 --> 41:20.800
der Energieversorgung zu lösen.

41:21.400 --> 41:27.720
Das war das Modell der Großforschung, wo in einem an Universitäten

41:27.720 --> 41:34.340
nicht gekannten Maßmittel gebündelt wurden, aber eben auch Projekte

41:34.340 --> 41:38.740
von einem Umfang gemacht wurden, den man für universitäre

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Forschungsprojekte nicht kannte.

41:41.240 --> 41:46.160
Sehr viele Menschen und auch eine Reihe von Instituten wirkten

41:46.160 --> 41:47.940
planmäßig zusammen.

41:48.440 --> 41:51.500
Und das ist eben etwas anderes, als wenn ein, zwei oder drei

41:51.500 --> 41:54.760
Professoren sich überlegen, was sie als nächstes gerne erforschen

41:54.760 --> 41:55.060
würden.

41:55.580 --> 41:57.740
Das waren grundlegende Unterschiede.

41:57.940 --> 42:00.820
Man hatte schon Erfahrungen in der Kooperation.

42:01.120 --> 42:04.580
Eine Reihe von Instituten an unserem heutigen Campus Nord hatten ja

42:04.580 --> 42:08.020
schon einen Universitätsteil, aber das war streng getrennt.

42:08.800 --> 42:13.880
Man hatte versucht, die Rechenzentren zusammenzulegen und war nach

42:13.880 --> 42:19.500
wirklich angestrengten, ganz konstruktiven Vorarbeiten 1969 genau an

42:19.500 --> 42:21.760
dieser rechtlichen Verschiedenheit gescheitert.

42:21.860 --> 42:24.820
Das ganze Projekt kam zum Stillstand deswegen.

42:25.360 --> 42:27.460
So eine richtige Fusion hatte es nicht gegeben.

42:27.600 --> 42:31.880
Man hatte erfolgreich ein gemeinsames Institut für Meteorologie und

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Klimaforschung gegründet.

42:33.740 --> 42:40.140
Natürlich winkte mit der Zusammenlegung von Universitätsforschung und

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Großforschung natürlich ein großer Gewinn.

42:42.920 --> 42:48.120
Die Aussicht, sehr viel leichter Studierende zur Mitarbeit in der

42:48.120 --> 42:51.760
Großforschung zu bekommen, aber auch die Forschenden aus der

42:51.760 --> 42:55.480
Großforschung zur Lehre in der Universität zu bekommen und dadurch

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natürlich auch wieder Studierende anzuwerben für die Arbeit in der

42:59.180 --> 43:03.940
Großforschung, das war etwas, was für beide Seiten einen klar

43:03.940 --> 43:05.840
absehbaren Nutzen versprach.

43:06.460 --> 43:09.980
Auch nachdem dieses Konzept den Zuschlag im Exzellenzwerkbewerb

43:09.980 --> 43:15.360
bekommen hatte, war nicht klar, wie weit diese Fusion eigentlich würde

43:15.360 --> 43:16.400
getrieben werden können.

43:17.140 --> 43:22.260
Und erst in den nächsten Monaten, ein entscheidender Durchbruch war

43:22.260 --> 43:29.660
dann 2007, hat man dann die zögerlichen Träger in Bund und Land von

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dem Konzept einer sehr weitgehenden Fusion überzeugen können.

43:33.780 --> 43:39.440
Und erst danach hat man dann die erste Blaupause für die KIT-Fusion,

43:39.560 --> 43:40.480
wie sie dann zum 1.

43:40.640 --> 43:44.960
Oktober 2009 verwirklicht wurde, gegossen in die Form des KIT

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-Gesetzes.

43:45.700 --> 43:48.680
Also das war schon ein mehrschrittiger Weg, der sehr viel

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Beharrlichkeit und Festhalten an einer Vision erfordert hat.

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Diese Hürden auf dem Weg sind Studierenden, die heute am KIT ihr

43:56.980 --> 44:00.300
Studium beginnen, gewiss nicht in dieser Art bewusst.

44:00.480 --> 44:04.620
Für uns ist es heute schon nahezu eine Selbstverständlichkeit, KIT zu

44:04.620 --> 44:06.720
leben, KIT zu sein.

44:07.480 --> 44:11.720
Eine Frage liegt mir aber noch auf dem Herzen.

44:12.480 --> 44:17.160
Thema Frauen ist mir wirklich ganz wichtig und in der Geschichte des

44:17.160 --> 44:20.920
KIT erscheinen sie doch erst spät.

44:21.380 --> 44:24.880
Wer war denn die erste Frau, die am KIT promoviert hat?

44:25.900 --> 44:30.120
Die erscheint eigentlich recht früh, nämlich im Jahr 1915.

44:30.520 --> 44:33.820
Also das sind zehn Jahre, man könnte sagen, das sind zweieinhalb

44:33.820 --> 44:37.200
Studentinnen -Generationen nach der Einführung des ordentlichen

44:37.200 --> 44:38.040
Frauenstudiums.

44:38.540 --> 44:40.140
Das war Irene Rosenberg.

44:40.740 --> 44:46.420
Auch sie wieder im Bereich der Chemie hat eine Arbeit über die

44:46.420 --> 44:49.560
Inhaltsstoffe der Kastanienblätter geschrieben.

44:50.220 --> 44:52.800
Wie schön, sie hat auch eine eigene Straße auf dem Campus.

44:53.080 --> 44:57.920
Das ist eine Straße an der Ostseite des Elektrotechnischen Instituts.

44:58.860 --> 45:02.520
Lieber Klaus, vielen, vielen Dank, dass du uns besucht hast.

45:03.080 --> 45:07.240
Vielen Dank, dass du uns so viele Details erzählen konntest, dass du

45:07.240 --> 45:09.340
uns so viele Geschichten erzählen konntest.

45:09.860 --> 45:14.600
Wir haben einen Schnelldurchlauf gemacht durch die zweihundertjährige

45:14.600 --> 45:15.040
Geschichte.

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Ich glaube, wir könnten noch viel Zeit miteinander verbringen und noch

45:18.760 --> 45:19.600
viel erzählen.

45:20.140 --> 45:21.620
Dank dir für deinen Besuch.

45:22.300 --> 45:23.380
Sehr gerne, Gabi.

45:23.500 --> 45:27.620
Es hat mir riesig Freude gemacht und deine Andeutung, dass wir das

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vielleicht noch in die eine oder andere Richtung vertiefen könnten,

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habe ich im Hinterkopf.

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Du kannst mich gerne darauf ansprechen, wenn uns das Jubiläumsjahr

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noch irgendwie Luft lässt.

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Nachgefragt, ein Podcast der Gesamtkommunikation des Karlsruher

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Instituts für Technologie mit Gabi Sachmann.

